75 Jahre ARD: Alles beim Alten? Das muss sich dringend ändern

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Die ARD feiert ihren 75. Geburtstag, während die Kritik am öffentlich-rechtlichen System von Jahr zu Jahr lauter wird. Ist es denn wirklich so schlimm? Schließen Sie kurz die Augen und stellen Sie sich Folgendes vor: Ein marineblauer Hintergrund erscheint, darauf eine stilisierte Weltkugel mit Umrissen der Kontinente und mittendrin eine strahlend weiße, eingerahmte "1". Der Ton einer tickenden Uhr untermalt das Szenario. Hören Sie es jetzt auch? Den Gong? Dieses markante, so altehrwürdig wie einprägsame Geräusch des 20-Uhr-Moments? Korrekt: Die "Tagesschau" beginnt. Jeder Bürger dieses Landes kennt das NDR-Studio, die Nachrichtensprecher im Ersten, den geschwungenen Moderationstisch und die schier endlose, blaue Weite der Welt im Hintergrund. Eine Institution, ein Versprechen. Seit mehr als sieben Jahrzehnten präsentiert diese Sendung mit ihrer Hauptausgabe tagtäglich vielen Millionen Zuschauern die wichtigsten Nachrichten des Tages. Was wäre, wenn dieses Allgemeingut plötzlich verschwände? Deutschland ohne die "Tagesschau" – ist das überhaupt vorstellbar? In dieser Woche feiert die ARD ihren 75. Geburtstag. Was im Jahr 1950 mit dem Zusammenschluss der sechs westdeutschen Sender begann, mit einem ersten Sendebetrieb, der anfangs nur dreimal wöchentlich realisiert werden konnte, ist heute ein multimediales Angebot – und die "Tagesschau" ist und bleibt das Aushängeschild aller dazugehörigen Sender. Gibt es etwas Größeres als die "Tagesschau"? Selbst der prestigeträchtige "Tatort" hält da nicht mit. Ermittler kommen und gehen, Macher klagen über mangelnde finanzielle Möglichkeiten – und auch das Publikum ist längst nicht mehr so groß wie einst. Die Altersstruktur greift als Erklärungsansatz zu kurz, denn der Sonntagskrimi war stets mehr als nur Rentnerfernsehen. Gibt es also in Deutschland eine größere Konstante als die "Tagesschau"? Eine so verlässliche, unaufgeregte, seriöse Nachrichtenquelle, die allen Unkenrufen, Nachrichtenfluten und stürmischen Zeiten zum Trotz so stoisch wie souverän durch die Welt führt? Nein. In Zeiten, in denen Menschen in einerseits mikroskopisch kleinen, andererseits millionenfach geteilten Filterblasen abhängen, Meinungskorridore teils verengt und dann wieder heillos überdehnt werden, in denen jeder sein Süppchen kocht, seinen Senf dazu gibt und so weiter: In denen ist die "Tagesschau" essenzieller denn je. Sie schafft die Grundlage, die in vielen Diskussionen hierzulande mehr und mehr abhandenkommt. Die faktische Argumentationsbasis, von der aus gestritten und um die beste Lösung gerungen werden kann. Alternative Fakten tröpfeln Zweifel in den Kitt, den wir gesellschaftlichen Zusammenhalt nennen. Ungeprüfte TikTok-Videos säen Zwietracht, wutschäumende Posts auf X verhärten die Fronten. Die "Tagesschau" ist der Fels in dieser Brandung. Aber die ARD ist so viel mehr als ihre wichtigste Nachrichtensendung – und genau das ist das Problem. Denn da, wo das Programm der neun Landesrundfunkanstalten und Spartensender in eine unübersichtliche Kleinteiligkeit zerfasert, nimmt die berechtigte Kritik am System ihren Anfang. Anlässlich des 75. Geburtstages ließen sich locker 75 Gründe finden, wieso die ARD wahlweise aus der Zeit gefallen, überflüssig, verkrustet, bräsig oder schlichtweg langweilig ist – und womöglich fänden sich bei der Aufzählung mindestens zwei Dutzend Formate, die den Zusatz "Krimi" im Titel tragen. Die Einsparungen zehren an der Substanz Aber was bringt es, über "Bozen"-, "Usedom"- und "Island"-Krimi zu spotten, sich über "Sturm der Liebe" oder "Rote Rosen" lustig zu machen und Florian Silbereisens sündhaft teure Schlagershows zu kritisieren? Schließlich ist ARD-Geburtstag. Da ziemt sich Zurückhaltung, zumal die Sparmaßnahmen auch in diesem so imposant anmutenden ARD-Behördenmonster zu personellen Kahlschlägen führen wie jüngst beim RBB. Oder zu Produktionsbedingungen, die zu Qualitätseinbußen führen, zumindest nach Meinung der Schauspieler und Moderatoren. Ja, Kritik ist berechtigt und bitter nötig – aber Populismus verbietet sich. Die Öffentlich-Rechtlichen gehören nicht abgeschafft, sie müssen reformiert werden. Das kostet Geld, Zeit und viel Mühe. Voreilige, aufgrund des öffentlichen Drucks getroffene Entscheidungen helfen nicht weiter. Wohin Aktionismus innerhalb der ARD führen kann, zeigte kürzlich die hanebüchene Idee, ausgerechnet den Informationssender Phoenix abzuschaffen. Von allen Einsparpotenzialen, die es in diesem gigantischen Apparat zu identifizieren gibt, ist dieses nun wahrhaft das geringste (Problem). Phoenix ist so etwas wie eine "Tagesschau"-Dauersendung: relevant, informativ, unabhängig. Bessere Kommunikation, mehr Transparenz Viel eher sollte die ARD an ihrer Außendarstellung arbeiten: Wo ist die Kommunikation, die uns Beitragszahlern erklärt, wie der Rundfunk sich reformiert? Wo genau findet sich die oft beschworene Transparenz, ob bei Preisschildern für Formate und Personal oder im Bereich der Umstrukturierungen? Das Beispiel Thilo Mischke hat veranschaulicht, was eine intransparente, gänzlich desaströse Kommunikation bewirkt: Dass die Sendung "Titel, Thesen, Temperamente" nicht nur einem elitären Kulturkreis ein Begriff ist – aber eben auch, dass ein fader Beigeschmack hängen bleibt. Plötzlich stand der Casting-Prozess in der Kritik, die seltsamen Zuständigkeiten, die vermeintliche Uninformiertheit der ARD-Bosse. Wie fatal solch eine Wirkung sein kann, hat nicht zuletzt die Affäre um die ehemalige RBB-Intendantin Patricia Schlesinger bewiesen, denn daran hat das gesamte öffentlich-rechtliche System bis heute zu knabbern. Nur gut, dass es die "Tagesschau" gibt. Dort gab es ausgeruhte Berichte über beide Fälle, eine Aufbereitung, die informierte, ohne Partei zu ergreifen. Transparent, offen, gut kommuniziert: Die ARD sollte sich ein Beispiel an ihrer besten Sendung nehmen. Denn wenn eines Tages der Gong nicht mehr ertönt, das strahlende Blau nicht mehr die Primetime einläutet: Dann wird das eine schlechtere Welt sein.
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