Afghanistan-Experte Dr. Sarajuddin Rasuly: "Hier wird kräftig Geopolitik betrieben"

3 monate vor


Nach dem Truppenrückzug der NATO spitzt sich derzeit die Lage in Afghanistan dramatisch zu. Die Taliban erobern immer mehr Gebiete, zudem sind in Afghanistan Hunderttausende auf der Flucht. Bei den kriegerischen Handlungen haben sie oft ihr Hab und Gut verloren. Mit dem Afghanistan-Experten Dr. Sarajuddin Rasuly, Politikwissenschaftler aus Wien, sprachen wir über die aktuellen Entwicklungen. Wie die Taliban so schnell an Boden gewinnen konnten Nach dem Beginn des Rückzugs der NATO aus Afghanistan konnten die Taliban binnen weniger Monate viele Distrikte einnehmen. Für Rasuly kam das nicht überraschend. "Die Amerikaner haben 2001 ein Regime installiert, das sich nach und nach zu einem korrupten Regime entwickelt hat […]", erklärt der Politikwissenschaftler. "Damit hat die Bevölkerung ihr Vertrauen zur Regierung verloren. Ich habe in Afghanistan – ich fliege jetzt jedes Jahr zweimal nach Kabul – in Erfahrung gebracht, dass sich die [Einwohner] schon vor der jetzigen katastrophalen Situation an die Taliban-Gerichtsbarkeit gewandt haben, an die Taliban-Behörden gewandt haben, wenn sie etwas verloren haben, wenn sie einen Streit hatten, wenn sie einen Grundstückstreit hatten. Sie sind zunehmend nicht zu afghanischen Behörden gegangen, weil die das Recht zum Unrecht, das Unrecht zum Recht erklärt haben, damit sie Geld bekommen können." Afghanische Eliten sind für die gegenwärtige Lage mitverantwortlich War die Entscheidung, die NATO-Truppen jetzt abzuziehen, falsch, oder hätte man den Rückzug besser organisieren und so die gegenwärtigen Probleme vermeiden können? Rasuly sieht eine Hauptursache für die gegenwärtige Lage auch darin, dass sich die afghanische Regierung, die afghanischen Eliten nicht auf den Rückzug der ausländischen Truppen vorbereitet haben. Ähnlich sei es bereits früher nach dem Abzug der russischen Truppen gewesen. Bedeutung der Lage in Afghanistan für Deutschland und die Welt Als es im Jahr 2002 darum ging, den deutschen Einsatz in Afghanistan zu verteidigen, hatte der damalige Verteidigungsminister Peter Struck sinngemäß formuliert, dass die Sicherheit Deutschlands auch am Hindukusch verteidigt werde. Was bedeutet vor diesem Hintergrund die aktuelle Lage in Afghanistan für Deutschland? Afghanistan, also das afghanische Volk sei weder besonders streitsüchtig noch so stark, dass man es nicht besänftigen oder besiegen könne, meint Rasuly. Er sieht den Einsatz äußerer Großmächte in Afghanistan eher als geopolitisch motiviert – denn Afghanistan liegt an einer geostrategisch wichtigen Position. Im Laufe seiner Geschichte, erklärt Rasuly, kreuzten sich in dem Land immer wieder Kriegszüge der Großmächte: Alexander der Große, die Mongolen, Engländer, Russen und Amerikaner, sie alle waren in Afghanistan. Mit der Macht oder "Gefährlichkeit" Afghanistans oder des afghanischen Volkes habe das aber wenig zu tun. Friedenszonen schaffen und innerafghanischen Gesprächsprozess fördern Was aber kann nun getan werden, um die Situation in Afghanistan zu verbessern? Zum einen würde helfen, für Sicherheit und humanitäre Hilfe für die innerafghanischen Flüchtlinge zu sorgen – beispielsweise durch das Schaffen von Friedenszonen, meint Rasuly. Weiterhin sei es wichtig, den innerafghanischen Verhandlungsprozess für einen neuen Staat unter Beteiligung aller wichtigen Gruppen der Gesellschaft in Afghanistan zu fördern. Diese Gespräche laufen derzeit bereits in Doha, kommen aber aktuell nur schleppend voran. "Es geht darum, dass die Taliban einen neuen Vorschlag haben, nämlich: Sie wollen die Verfassung der Monarchie wieder einführen", erklärt Rasuly. "Das hat eine ganz einfache Bedeutung: […] In so einem Staat, in so einem System haben die Paschtunen das Wort, d.h. sie sind dann wieder als Großmacht, wieder als bestimmende Kraft im Lande. Dann werden sie auch damit aufhören zu kämpfen und sich auf eine Regierung einigen, die dann den König oder den Präsidenten der Paschtunen stellen und den Ministerpräsidenten (durch) die Nicht-Paschtunen […]" stellen werde. Dies sei vor allem auf die historische Entwicklung des Landes zurückzuführen. Afghanistan wurde 1747 gegründet. Das Staatsgebiet sei in jener Zeit von afghanischen Stämmen, den Paschtunen, in einem Prozess des "internen Kolonialismus" – ein Begriff des Historikers und Afghanistan-Experten Jan-Heeren Grevemeyer – praktisch erobert worden. Aus diesem Grund sieht Rasuly den Vorschlag der Taliban – die überwiegend Paschtunen sind – als durchaus aussichtsreich an, um den Frieden im Land wiederherzustellen. Mehr auf unserer Webseite: https://de.rt.com/ Folge uns auf Facebook: https://www.facebook.com/rtde Folge uns auf Twitter: https://twitter.com/de_rt_com Folge uns auf Instagram: https://www.instagram.com/de_rt_com Folge uns auf Telegram: https://t.me/rt_de RT DE steht für eine Berichterstattung abseits des Mainstreams. Wir zeigen und schreiben das, was sonst verschwiegen oder ausgelassen wird.
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