Deutsche Post im Streik-Chaos: "Viele sind überlastet"

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Noch nie war der Ärger über die Post größer: Pakete werden nicht zugestellt, Briefe kommen zu spät an. Jetzt streiken auch noch die Mitarbeiter. Was läuft da schief?Millionen Deutsche müssen sich darauf einstellen, dass in den kommenden Tagen Briefe und Pakete mit Verspätung ankommen. Die Gewerkschaft Verdi rief am Donnerstag die Beschäftigten in allen Brief- und Paketzentren der Deutschen Post zu Warnstreiks auf (mehr dazu lesen Sie hier). Verdi fordert für die rund 160.000 Tarifbeschäftigten bei der Post 15 Prozent mehr Lohn. Bis zuletzt jedoch stockten die Tarifgespräche.Dass sich die Lage derart zugespitzt hat, ist für Beobachter kaum überraschend. Auch mancher Kunde der Post mag sich nun denken: Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich die Mitarbeiter gegen den Konzern stellen.Denn die Post hat seit Monaten mit schweren Problemen zu kämpfen. Hohe Krankenstände, tagelanger Verzug bei der Zustellung, manche Briefe und Pakete gingen gar verloren: Das Unternehmen macht einen chaotischen Eindruck – und trägt dafür nach Meinung vieler auch selbst die Schuld."Sie werfen das Handtuch"Mit dem Chaos wächst die Unzufriedenheit: Die Bundesnetzagentur zählte im vergangenen Jahr so viele Beschwerden wie noch nie. Rund 43.500 Meldungen gingen bei der Behörde ein, die die Post beaufsichtigt. Zum Vergleich: Ein Jahr zuvor waren es nur 15.118 – also gerade einmal ein Drittel.Die Beschwerden richteten sich dabei zwar gegen die gesamte deutsche Brief- und Paketbranche, mitgezählt sind also auch Meldungen zu Postkonkurrenten wie DPD, Hermes oder UPS. Die meisten jedoch beziehen sich auf den Marktführer Deutsche Post DHL.Was viele Verbraucher besonders ärgert: Während der Service immer schlechter wurde, hat die Post in den vergangenen Jahren die Preise stetig erhöht. Vor elf Jahren kostete ein Standardbrief 30 Cent weniger als heute, damals wurden 55 Cent statt 85 Cent fällig.Wer mehr für dieselbe Dienstleistung verlangt, soll dann doch bitteschön wenigstens seinem gesetzlichen Auftrag nachkommen und mindestens einmal täglich die Zustellung von Briefen gewährleisten, finden viele. Doch genau daran scheiterte die Post immer wieder, so etwa in Berlin, Köln und Magdeburg, aber auch auf dem Land.Fragt man im Unternehmen nach, warum gerade so viel schiefläuft, spricht die Post schnell von "lokalen Problemen". So gebe es an einigen Orten etwa einen zu hohen Krankenstand oder es fehle an Personal. Mitarbeiter und Gewerkschaftsvertreter können das bestätigen. Tatsächlich hatte die Post in den vergangenen Monaten – wie andere Unternehmen auch – viele Krankheitsausfälle, vor allem durch Corona.Doch das Problem geht aus ihrer Sicht tiefer. So zumindest sieht es Maik Brandenburger. Er ist Pressesprecher der Fachgewerkschaft DPVKOM, einer Konkurrentin von Verdi und ebenso gut vernetzt bei der Post. Brandenburger zufolge kämpfen immer mehr Beschäftigte mit psychischen Erkrankungen. "Viele Zustellerinnen und Zusteller bei der Post sind überlastet und können die immense Arbeitsmenge nicht mehr bewältigen", sagte er. "Die Beschäftigten arbeiten am Limit, und manche auch darüber hinaus."Wie groß das Problem ist, zeige sich auch bei jenen, die gerade erst bei der Post angefangen haben. "Die werfen nach wenigen Wochen und Monaten das Handtuch, weil sie merken, wie anstrengend und belastend die Tätigkeit als Zusteller ist", erklärte er weiter. Und für ein Einstiegsgehalt von 2.400 Euro brutto sind andere Jobs viel leichter.Deutsche Post hat personell eingespartBeim Konzern selbst klingt das anders. Auf t-online-Anfrage teilt ein Sprecher schriftlich mit: "Zum Starkverkehr haben wir 6.000 neue Zustellkräfte eingestellt und konnten damit die weihnachtsbedingt bis zu 80 Prozent mehr Pakete und Privatkundenpost in unserem Netz sehr gut bewältigen." Die Zusteller hätten es demnach geschafft, mehr als 99 Prozent aller Sendungen rechtzeitig zum Weihnachtsfest zuzustellen.Was der Sprecher nicht sagt: Das Personal fehlt der Post nicht erst seit gestern. Aktuell arbeiten rund 160.000 Mitarbeiter für den Konzern in Deutschland. 2019 waren es noch 190.263 und vor fünf Jahren belief sich die Zahl auf mehr als 200.000 Beschäftigte.Kritiker sagen deshalb: Die Post hat über Jahre hinweg am Personal gespart und bekommt jetzt die Quittung. So sprach etwa der Bundestagsabgeordnete Pascal Meier (Linke) von "einem massiven Renditedruck, der inzwischen auf der Deutschen Post lastet und in dessen Folge immer wieder beim Personal gespart wurde". Damit müsse endlich Schluss sein.Der Gewerkschaftssprecher Brandenburger sieht das ähnlich. Er ergänzt: Viele Kollegen, die lange bei der Post gearbeitet haben, gingen nun von sich aus – weil sie unter diesen Bedingungen nicht mehr arbeiten könnten.Anzahl an Beschwerden ist zu hochDie Post hatte im November selbst zugegeben, dass im Management Fehler gemacht worden seien. Der Konzern leitete deshalb vor Weihnachten Notfallmaßnahmen ein: Um wieder Herr des Geschehens zu werden, wurde der Sendungsfluss in manchen Zustellbezirken ganz bewusst verlangsamt – die Briefe wurden dort nur an jedem zweiten Tag ausgetragen. Entsprechend optimistisch zeigte sich der Post-Sprecher deshalb auch mit Blick aufs neue Jahr: Man werde 2023 "alles daransetzen, trotz der herausfordernden Umstände die Qualität in der Zustellung weiter zu verbessern", sagte er t-online.Doch kann das gelingen, jetzt, wo der Tarifstreit eskaliert und weitere Streiks folgen dürften? Fraglich. Denn die Fronten im Konflikt zwischen der Post-Führungsetage und den Gewerkschaftern sind verhärtet.Während die Post von "realitätsfernen" Forderungen seitens der Gewerkschaft spricht, stellen Maik Brandenburger und seine Kollegen klar: "Die Deutsche Post wird nur dann neues Personal finden, wenn sie höhere Löhne zahlt und unbefristete Arbeitsverhältnisse anbietet."Und auch Verdi ist unnachgiebig, sodass auf den Warnstreik sogar noch längere Streiks folgen könnten. Die schlimmsten Wochen stehen der Post damit wohl erst noch bevor.
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