Die meisten Anleger gehen mit Gewinnen und Verlusten völlig irrational um. Warum nur? Und wie geht es besser? Gerade fahren nicht nur die Aktienkurse Achterbahn, sondern auch meine Emotionen. Geht es Ihnen genauso? Ich ärgere mich, wenn mein Depotwert an einem Tag stark fällt, spüre ein starkes Unwohlsein. Geht es am nächsten an der Börse weiter runter, schaue ich lieber nicht hin. Geht es wieder hoch, bin ich ein bisschen beruhigt. Vor allem in meinem Spielgeld-Depot ging es in den vergangenen Wochen ganz schön zur Sache. Immer wieder erwische ich mich bei dem Gedanken, dass ich reagieren und Gewinne ins Trockene bringen will, dass ich Verluste nicht mehr ertragen kann. Börsenpsychologie pur. Ist Ihnen eigentlich bewusst, wie irrational wir mit Gewinnen und Verlusten umgehen? Ich habe mir über meinen Umgang damit viele Jahre lang nie wirklich Gedanken gemacht. Über Gewinne gut gelaufener Aktien habe ich mich gefreut. Noch nicht realisierte Verluste von schwachen Aktien haben mich geärgert. Ich habe sie verdrängt oder mir schöngeredet – in der Hoffnung, die Kurse würden in Zukunft wieder steigen. Doch genau da liegt das Problem. Wir gehen „falsch” mit Gewinnen und Verlusten um. Gewinne laufen lassen, Verluste begrenzen Wie so oft bei der Geldanlage handeln wir irrational und mitunter hochemotional. Es macht ja auch viel mehr Spaß, einen Gewinner zu verkaufen, als einen Verlust zu realisieren. Zu den Kursgewinnen können wir uns selbst beglückwünschen, aber den Verlust quasi in Stein zu meißeln, das tut weh. Wäre es nicht cleverer, Gewinne laufen zu lassen und Verluste zu begrenzen, indem man sich von schwachen Aktien trennt? In der Gewinn- beziehungsweise Verlustzone zeigen Anleger ein völlig unterschiedliches Risikoverhalten. Einen Gewinn zu realisieren, ist verlockender, als die Wertpapiere im Depot zu belassen. Denn schließlich besteht die Gefahr, die bereits erzielten Gewinne wieder zu verlieren – im Zweifelsfall sogar mehr. Verluste werden hingegen stärker wahrgenommen als Gewinne. Anstatt die Verlierer zu verkaufen, halten wir an ihnen fest. Verlust-Aversion führt zu desaströsen Entscheidungen Aber warum diese Verlust-Aversion? Ganz einfach: Wir laufen mit einem Steinzeitgehirn herum. Und in der Steinzeit waren "Verluste" lebensbedrohlich, "Gewinne" aber ganz schön. Dabei ging es natürlich nicht um Geld, sondern um Lebensmittel und um das blanke Überleben. Unser Gehirn hat sich diesbezüglich nicht weiterentwickelt. Deshalb führt unsere Verlust-Aversion aus der Steinzeit in der Gegenwart zu schlechten, mitunter auch desaströsen Entscheidungen in puncto Finanzen. Verlust-Aversion hat aber ihre Grenzen. Irgendwann kapitulieren wir nämlich, leider oft viel zu spät. Verluste können wir nämlich maximal so lange ertragen, bis sie "existenzgefährdend" sind. Dann ziehen wir die Reißleine, lösen unsere Positionen auf, realisieren die Verluste und versuchen so zu retten, was noch zu retten ist. Denn im Fall extremer Verluste steigt auf einmal unsere Sensitivität. Konnten wir geringe Verluste noch eine Zeit lang ignorieren oder uns schönreden, ist ab einer bestimmten Grenze irgendwann Schluss. Jeden weiteren Euro, den wir in die roten Zahlen rutschen, nehmen wir dann sehr bewusst wahr. Wir suchen nach Strategien, unsere Verluste wettzumachen und zu unserem Einstiegspreis zurückzugelangen. Aber Vorsicht: Das kann uns mitunter zu waghalsigen Wetten verleiten. Befreien Sie sich von Ihren Nieten Dass wir uns lieber von Gewinneraktien trennen als von den Nieten in unserem Portfolio, tut der Gesamtentwicklung unseres Depots leider gar nicht gut. Auch ich habe diesen Fehler immer wieder gemacht. Als ich mich das erste Mal intensiv mit diesem Phänomen beschäftigt habe, habe ich nicht nur Besserung gelobt, sondern gleich mehrere langjährige Verlustbringer aus dem Depot geschmissen. Die hatte ich nämlich auch ignoriert, verdrängt, manchmal auch schöngeredet. Angenehm war es nicht, diese Verluste zu realisieren. Aber es hatte auch etwas Befreiendes!