Ann-Kathrin Kramer: "So gut das auch klappt, ist es immer ein Knacks"

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Sie ist nicht nur Schauspielerin, sondern zweifellos auch Expertin in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen. Mit t-online spricht Ann-Kathrin Kramer über Patchwork, Rollen für Frauen und den 60. Geburtstag. An diesem Montag kehrt Ann-Kathrin Kramer im ZDF ins Krimigenre zurück: In "Im Grunde Mord: Blutsbande" verkörpert sie die Staatsanwältin Britta Everslage – Ziehmutter eines zerstrittenen Ermittlergeschwisterpaars im Teutoburger Wald. Im Gespräch mit t-online erklärt Kramer, was die neue Reihe anders macht, warum Rollen für Frauen über 50 rar sind, was sich für sie mit dem 60. Geburtstag ändert und was in ihrer Patchworkfamilie funktioniert. t-online: Frau Kramer, warum ist das Rollenangebot für Schauspielerinnen in Deutschland ab einem gewissen Alter so gering? Ann-Kathrin Kramer: Das erzählt viel über uns und über unser Wertesystem. In unserer Gesellschaft verschwinden ganz viele Frauen und werden nicht thematisiert – die, die den "Laden zusammenhalten" zu Hause und die Care-Arbeit verrichten. All das wird so oft als selbstverständlich hingenommen. Deswegen finde ich es schön, dass diese Diskussion in Gang gekommen ist. Es braucht viel mehr weibliche Figuren in diesem Zwischenalter, wo vielleicht nicht mehr die große Liebe das Thema ist, aber die eben auch nicht auf die Rolle der lustigen Oma reduziert werden. Ich glaube, es gibt da ganz viele hochemotionale Geschichten, die wir noch nicht erzählt haben. Diese Geschichte gibt es aber in unserem Umfeld. Wir können sie sehen, wenn wir nur mal nach links oder rechts schauen. Sie sind am 4. April 60 Jahre alt geworden. Was bedeutete Ihnen dieser Geburtstag? Für mich sind Geburtstage nie etwas Besonderes gewesen, aber bei diesem habe ich zum allerersten Mal das Gefühl, als würde ich jetzt volljährig werden. Wie meinen Sie das? Diese Zahl und dieser Geburtstag bringen für mich mit sich, dass ich jetzt bestimmte Sachen nicht mehr machen muss. Ich muss nicht mehr so viel gefallen. Ich muss nicht mehr bei jeder Party dabei sein. Ich muss nicht mehr alles so persönlich nehmen. Das fühlt sich ganz gut an. Worauf freuen Sie sich noch? Mein Mann und ich sagen oft, dass wir uns darauf freuen, wenn es mal ruhiger wird. Wir haben erst gestern wieder telefoniert – der eine in Prag und dann hier und dann dort – und haben überlegt, wann wir uns jetzt wiedersehen. Und dann haben wir so gelacht, weil wir gemerkt haben: Wir wollten doch eigentlich jetzt mal ganz in Ruhe Zeit füreinander haben (lacht). Wir merken, wir sind noch nicht so weit. Aber wir arbeiten dran. Das ist irgendwie auch schön. Das ist auch schön. Wir beide lieben unseren Beruf sehr und freuen uns auch einfach, wenn es dem anderen im Beruf gut geht. Wie sieht denn dann die Zeit aus, wenn Sie sich sehen? Wir haben uns ja verkrümelt: Wir haben ein Haus auf dem Land und wenn wir dort sind, ist da sonst nichts. Dann sind wir da wirklich mit uns und machen ganz normale Dinge. Diese Trennlinie zu haben zwischen Beruflichem und Privatem ist sehr schön. Haben Sie irgendein Ritual für Zeiten, in denen Sie sich nicht so oft sehen? Nein, das haben wir gar nicht. Das engt ja auch ein. Es kann dann eher mal passieren, dass wir ein paar Tage gar nichts voneinander hören. Das ist dann auch okay, weil es für mich in der Regel immer heißt, dass alles gut ist. Man redet ja viel mehr miteinander, wenn etwas nicht gut ist und es viel zu besprechen gibt. In Ihrer neuen Krimireihe "Im Grunde Mord" geht es auch ein bisschen um das Schweigen innerhalb von Familien. Wie handhaben Sie das mit Ihrem Mann? Ich finde es extrem wichtig, dass man Dinge offen anspricht. Innerhalb von Familien gibt es ja auch oft zum Beispiel "Störkinder" und die empfinde ich oft als die gesündesten von allen. Wenn man merkt, dass etwas nicht stimmt und der Impuls dann da ist, das anzusprechen, hat das etwas total Reinigendes und Wichtiges. Ich habe das auch immer so gehandhabt – selbst wenn man noch nicht genau weiß, was nicht stimmt. Etwas anzusprechen und zu gucken, wo das hinführt, halte ich für ganz wichtig. Das ist auch Teil unserer Geschichte im Krimi: Dass Schweigen am Ende zu nichts Gutem führt. Patchworkfamilie klingt in Ratgebern immer kompliziert. Bei Ihnen scheint das ganz natürlich zu funktionieren – wieso klappt das so gut? Ich habe immer nur auf das Kind geguckt und war auch bereit, über jeden meiner Schatten zu springen. Man hat natürlich selbst eine Vorstellung davon, wie man sich etwas wünscht. Aber dann kommt das Leben und das sieht manchmal anders aus. Für mich war es immer die Priorität zu gucken, dass es meinem Sohn möglichst gut geht. Und da habe ich auch von allen Beteiligten eingefordert, dass sie da mitgehen, und das sind sie auch. Ist das dann Ihr Geheimnis? So gut das auch klappt, ist es immer ein Knacks. Deswegen habe ich immer gedacht: Man sollte nicht so tun, als wäre nichts und als wäre alles toll. Man muss auch benennen können, dass da etwas wehtut und dass da etwas nicht geklappt hat. Ich glaube, das ist das ganze Geheimnis – dass man eben nicht so tut, als wäre alles gut. Sondern dass man sagt: Hier ist Raum für jeden Schmerz. Es heißt, der beste Beweis für eine funktionierende Patchworkfamilie ist, wenn man gemeinsam am Tisch sitzen kann, ohne dass es sich komisch anfühlt. Das war bei uns tatsächlich immer so. Wir waren uns da auch einig. Man tritt ja an, weil man denkt, dass es für immer ist. Und wenn etwas nicht für immer ist, dann muss man sich damit eben auch befassen. Ann-Kathrin Kramer ist am 20. April 2026 um 20.15 Uhr in der neuen ZDF-Krimireihe "Im Grunde Mord: Blutsbande" zu sehen. Die Folge ist bereits in der Mediathek abrufbar.
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