Die wirtschaftliche Lage belastet viele Menschen im Land. Wirtschaftspsychologin Katharina Klug erklärt die Mechanismen hinter Arbeitsplatzunsicherheit und deren weitreichende Folgen. Die wirtschaftliche Lage in Deutschland ist seit der Corona-Pandemie und dem Ausbruch des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine angespannt. Die Wirtschaft wächst kaum, während die Arbeitslosenzahlen seit drei Jahren kontinuierlich ansteigen. Im Gespräch mit t-online erklärt die Wirtschaftspsychologin Katharina Klug, welche Auswirkungen die Angst vor dem Verlust des eigenen Jobs haben kann – sowohl im Privaten als auch gesellschaftlich. Zudem zeigt sie, wie sich die Debatte um das Bürgergeld auf die Ängste und Sorgen der Menschen auswirkt und was man selbst tun kann, wenn man von beruflichen Sorgen betroffen ist. Wirtschaftsexperte attackiert Merz: "Das ist Realitätsverweigerung" t-online: Frau Klug, erst unlängst erklärte der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), der Wirtschaftsstandort Deutschland sei "im freien Fall". Nehmen die Menschen in Deutschland die wirtschaftliche Lage auch als so schlecht wahr? Katharina Klug: Ja, das sieht man auch in den Bevölkerungsumfragen. Der Großteil der Menschen nimmt die wirtschaftliche Lage als angespannt wahr und befürchtet, dass sich diese noch weiter verschlechtert. Interessant ist aber, dass der Teil der Bevölkerung, der sich wirklich akut Sorgen um den eigenen Arbeitsplatz macht, deutlich kleiner ist. Ach ja? Das ist ein Phänomen, das sich häufig beobachten lässt. Obwohl sich viele Menschen Sorgen um die wirtschaftlichen Entwicklungen machen, hat nur ein geringer Teil tatsächlich Sorge, den eigenen Job zu verlieren. Laut einer aktuellen Studie sind es nur rund elf Prozent der Befragten. Wie erklären Sie diese Diskrepanz? Tatsächlich ist es in der Forschung noch nicht genau geklärt, woher das kommt. Was sich aber sagen lässt, ist, dass je mehr Menschen im direkten Umfeld ihren Arbeitsplatz verlieren, desto höher ist auch die eigene Angst. Was sind denn typische Reaktionen bei Menschen, die unter wirtschaftlicher Unsicherheit leiden? Wir beobachten bei diesen Menschen vor allem einen Anstieg des Stresslevels. Wodurch wird das ausgelöst? Das hat mehrere Gründe, bei denen verschiedene psychologische Prozesse eine Rolle spielen. Wie zum Beispiel? Zum einen ist da die Angst vor der finanziellen Unsicherheit, die ein Jobverlust mit sich bringt. Zum anderen ist der eigene Beruf auch eine psychosoziale Ressource. Das bedeutet? Für viele Menschen ist der eigene Job sinnstiftend. Es ist ein Ort, an dem ich meine Kompetenzen einbringen kann, gebraucht werde und über den ich womöglich einen Teil meiner Identität definiere. Wenn das bedroht ist, löst das einen tief empfundenen Stress aus. Auch, weil diese Situationen auf die Menschen unkontrollierbar wirken. Wie meinen Sie das? Na ja, am Ende ist es nicht in der Hand des Arbeitnehmers, ob er seinen Job in einer wirtschaftlichen Krise verliert oder nicht. Dazu kommt häufig ein Ungerechtigkeitsempfinden, weil viele Arbeitnehmer die Arbeitsplatzunsicherheit als Vertrauensbruch empfinden. Könnten Sie das erklären? In der Wirtschaftspsychologie geht man davon aus, dass es neben dem offiziellen Arbeitsvertrag noch einen unausgesprochenen, psychologischen Vertrag zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer gibt, der zum Beispiel beinhaltet: Wenn ich als Arbeitnehmer regelmäßig komme und hier meine Arbeit verrichte, erwarte ich im Gegenzug wirtschaftliche Sicherheit. Was beinhaltet dieser Vertrag noch? Ein Aspekt, der in der Diskussion um Jobunsicherheit oft nicht berücksichtigt wird, ist die "qualitative Arbeitsplatzunsicherheit". Die Sorge, den eigenen Arbeitsplatz nicht zu verlieren, aber dass sich die Arbeitsbedingungen verschlechtern, zum Beispiel weil liebgewonnene Aufgaben, die das eigene Selbstverständnis des Berufs prägen, ausgelagert oder zum Beispiel von Technologie übernommen werden. Denn auch das ist ein Aspekt dieses psychologischen Vertrags: die Erwartung, Aufgaben zu bekommen, die zu den eigenen Kompetenzen und zum eigenen Berufsverständnis passen. Wie wirkt sich Arbeitsplatzunsicherheit auf die Arbeitsmoral aus? Es gibt die These, dass die Angst vor einem drohenden Jobverlust einen motivierenden Effekt haben könnte. Studien zeigen jedoch, dass es in den meisten Fällen den gegenteiligen Effekt hat. Weil die Menschen dann aufgeben? Nicht unbedingt, es ist in den meisten Fällen gar keine bewusste Entscheidung. Es ist eher so, dass der mit der Angst verbundene Stress und Gefühle von Ungerechtigkeit und Frust einer produktiven Arbeit im Wege stehen. Es ist nicht so, dass die Menschen nicht arbeiten wollen. Sie können es oft einfach unter Stress weniger gut. Was sich hingegen beobachten lässt, ist, dass Menschen sich oft bemühen, trotz allem einen guten Eindruck zu erwecken. Können Sie das näher ausführen? Eine Studie aus den USA zeigt, dass Menschen, die um ihren Job fürchten, in vielen Fällen versuchen, besonders wichtig zu wirken. Das sorgt aber dafür, dass sie in Teams oft egoistischer agieren, zum Beispiel, indem sie Wissen nicht teilen, was für das eigene Team oder das Projekt von Nachteil ist. Welche gesellschaftlichen Auswirkungen lassen sich denn beobachten, wenn über einen längeren Zeitraum viele Menschen unter wirtschaftlicher Anspannung leiden? Mit umfassenden gesellschaftlichen Diagnosen bin ich als Psychologin eher vorsichtig. Ich schaue vor allem auf die individuellen Auswirkungen. Grundsätzlich lässt sich annehmen, dass mentale Belastungen in einer Gesellschaft zunehmen, in der es ein hohes Maß an wirtschaftlicher Unsicherheit gibt. Aber kann es nicht auch entlastend wirken, wenn man sieht, dass man nicht alleine ist? Tatsächlich gibt es Studien, die solche Schlüsse nahelegen, da die Betroffenen ihre Situation dann weniger als persönliches Versagen wahrnehmen. Andere Studien deuten jedoch eher auf das Gegenteil hin, also dass es den Druck weiter verstärkt, weil auf dem Arbeitsmarkt dann ein viel größeren Konkurrenzkampf herrscht. Das ist in der Forschung aber noch nicht ganz geklärt. Und wie wirkt sich wirtschaftliche Unsicherheit auf die politischen Einstellungen der Betroffenen aus? Tatsächlich entwickelt sich da gerade ein Studienfeld, das dies untersucht. Erste Ergebnisse zeigen, dass Menschen, die unter hoher wirtschaftlicher Anspannung leiden, ein geringeres Vertrauen in die politischen Institutionen haben und empfänglicher werden für Verschwörungserzählungen und populistische Parteien, die diese bedienen. Besonders rechte Parteien konnten in Europa zuletzt in Umfragen zulegen, profitieren sie von der Krisenstimmung? Die Studienlage scheint darauf hinzudeuten, aber nicht alle Menschen, die sich in prekären Arbeits- und Lebenslagen befinden, wählen populistische Parteien. Die Erklärung greift zu kurz. Es ist eher ein Teil des Puzzles. Was kann denn die Politik tun, um dieses Gefühl der Unsicherheit zu verringern? Aus psychologischer Sicht spielen klare Kommunikation und ein funktionierendes System der sozialen Absicherung eine zentrale Rolle, um Menschen in Krisenzeiten zu entlasten. Instrumente wie Arbeitslosenversicherung oder Kurzarbeit haben sich dabei als wirksam erwiesen. Entscheidend für die politische Kommunikation ist, dass sie transparent ist und verlässliche Informationen liefert, ohne dabei Panik oder Katastrophenszenarien zu befeuern. Welche Rolle spielen Sozialleistungen in diesem Kontext? Soziale Sicherungssysteme wie eine verlässliche Arbeitslosenversicherung erfüllen nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine wichtige psychologische Funktion. Studien zeigen, dass ein gut ausgestaltetes und vergleichsweise großzügiges Sicherungsnetz Stress abfedern kann. In Ländern mit weniger umfassender Absicherung fallen die negativen psychischen Effekte von Arbeitsplatzunsicherheit stärker aus. In Deutschland wird die Debatte über das Bürgergeld eher negativ geführt. Oft geht es darum, welche Belastung das Bürgergeld für den Staat darstellt, dass die Beträge zu hoch seien und viele eigentlich nur nicht arbeiten wollen würden. Was macht das mit den Menschen? Aus psychologischer Sicht ist es vorstellbar, dass die Art, wie über soziale Sicherungssysteme gesprochen wird, durchaus einen Einfluss auf das Unsicherheitserleben hat. Vor allem ein negativ geführter Diskurs. Er könnte die Sorge verstärken, im Falle von Erwerbslosigkeit finanziell schlecht abgesichert zu sein. Auch könnte es Angst vor einer gesellschaftlichen Abwertung befeuern. Arbeitslosigkeit ist nach wie vor mit einem starken Stigma verbunden, das durch solche Diskurse noch mal bestärkt wird. Bürgergeld-Protokolle: "Am Ende ist nichts mehr übrig geblieben" Ist eine solche zugespitzte Bürgergelddebatte in Krisenzeiten dann besonders problematisch? Aus psychologischer Sicht hat ein solcher Diskurs zwei Seiten. Einerseits kann er das Gerechtigkeitsempfinden derjenigen bedienen, die noch in Arbeit sind. Auf der anderen Seite kann er aber auch bestehende Unsicherheitsgefühle und Stigmatisierung verstärken. Und was kann man selbst tun, wenn man von beruflichen Sorgen betroffen ist? Wie zuvor erwähnt, spielt bei dieser Art von Angst das Gefühl des Kontrollverlusts eine große Rolle, daher kann es helfen, diesem Gefühl aktiv entgegenzutreten. Etwa indem man die eigene Situation realistisch analysiert: Was könnte passieren, was liegt in der eigenen Hand und was nicht? Wie sind die Perspektiven in meinem Berufsfeld, welche Alternativen habe ich im Fall eines Jobverlusts? Viele Menschen profitieren davon, sich gedanklich auf mögliche Szenarien vorzubereiten. Ansonsten ist es wichtig, im Alltag bewusst für Ausgleich zu sorgen. Dazu gehört, nach der Arbeit auch wirklich abzuschalten und die Gedanken nicht dauerhaft um berufliche Sorgen kreisen zu lassen. Allerdings macht die Belastung genau das leider auch schwerer. Erholsam sind hauptsächlich Aktivitäten, die die Aufmerksamkeit klar von der Arbeit weglenken und in denen man sich kompetent und wirksam erlebt. Auch das kann helfen, psychologische Kontrolle zurückzugewinnen. Vielen Dank für das Gespräch, Frau Klug.