Autokrise in Deutschland: Carlo Lazzarini vom Zulieferer PWO im Interview

latest news headlines 3 std vor
Flipboard
Fast täglich kommen momentan schlechte Nachrichten aus der Automobilbranche. Woran es liegt, erklärt der Chef eines Zulieferers im Interview. Die deutsche Automobilbranche steckt in der Krise. Nicht nur die Autobauer selbst vermelden regelmäßig Umsatzrückgänge und Stellenstreichungen – bei VW sollen etwa bis 2030 50.000 Jobs wegfallen. Porsche meldete einen Gewinneinbruch von 91,4 Prozent. Auch die Zulieferer leiden unter der Situation. So geht es auch dem Progress-Werk Oberkirch (PWO) aus Baden-Württemberg. International laufen die Geschäfte zwar gut, doch der deutsche Standort kriselt. Anfang des Jahres wurde eine Betriebsvereinbarung geschlossen, wonach Arbeitszeit und Lohn um 7,63 Prozent gesenkt werden, betriebsbedingte Kündigungen wurden im Gegenzug ausgeschlossen. Im t-online-Interview spricht Konzernchef Carlo Lazzarini über die Zukunft des Standorts und sagt, warum er viel Hoffnung in die Bundesregierung setzt. Starker Gewinneinbruch: Volkswagen streicht 50.000 Stellen Traditionsfirma baut Jobs ab: "Das war ein Schlag in die Magengrube" t-online: Herr Lazzarini, wie schlimm steht es derzeit um die deutschen Autozulieferer? Carlo Lazzarini: Ich blicke mit großer Sorge auf die Branche, in der es aber auch sehr große Unterschiede gibt. Ich kann grundsätzlich nur für PWO sprechen. Und wir kommen als Gruppe zurecht. Wir hatten von 2022 bis 2024 Rekordjahre in der mehr als 100-jährigen Geschichte des Unternehmens, sowohl im Gewinn vor Steuern als auch beim Umsatz. Und das in einer Branche, die weltweit stagniert. Ich habe 2020 hier angefangen, seitdem haben wir den Umsatz von 370 auf mehr als 500 Millionen Euro steigern können. Im vergangenen Jahr sah es aber anders aus. 2025 wird kein Rekordjahr, aber wir haben unsere Ziele erreicht. Man kann auch nicht immer nur wachsen, sondern muss auch mal konsolidieren. 2026 haben wir bewusst konservativer geplant. Warum genau? Wir haben elf Standorte. An zehn davon wachsen wir und sind profitabel, an einem nicht – ausgerechnet an unserem Stammsitz in Oberkirch. Denn unser Produktionsstandort in Deutschland leidet unter den äußerst schwierigen Rahmenbedingungen für die Industrie. Ihr Unternehmen hat in Oberkirch in der Vergangenheit bereits Stellen abgebaut. Anfang des Jahres gab es nun eine Betriebsvereinbarung: Arbeitszeit und Löhne sollen reduziert werden – dafür gibt es bis Ende des Jahres keine betriebsbedingten Entlassungen. Was hat Sie zu diesem Schritt gezwungen? Wir verdienen kein Geld mehr in Deutschland. Laut dem vorläufigen Ergebnis von 2025 haben wir erstmals leichten Verlust gemacht, und wir erwarten, dass dieser sich 2026 noch verstärkt. Und das geht natürlich nicht auf Dauer. Wenn man nicht reagiert, wird es nicht besser. Irgendwann bringt ein Standort die gesamte Gruppe in Gefahr. Auch wenn andere Unternehmen aus der Branche derzeit ganze Standorte verlagern, wollen wir das Werk hier nicht aufgeben. Ist der Standort Oberkirch denn mittelfristig in Gefahr? Der Standort steht nicht zur Debatte. Als deutscher Mittelstand sehen wir die soziale Verantwortung, die wir gegenüber Standort und Arbeitsplätzen haben. Hier liegen das Herz und die Seele des Unternehmens. Wir wurden vor mehr als 100 Jahren hier gegründet. Die Frage ist aber, in welcher Größe wir uns die Produktion hier künftig leisten können. Wir werden um den Erhalt jedes Arbeitsplatzes kämpfen, um betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden. Besuch bei PWO in Oberkirch: "Der Druck steigt" 1.500 Jobs sollen bei IAV weg: "Das ist ein sehr schmerzhafter Schritt" Dann werden Sie konkret: Weshalb läuft es an den anderen Standorten besser als in Deutschland? Im Prinzip stellen wir überall mehr oder weniger die gleichen Produkte mit der gleichen hohen Qualität her. Es ist im Grunde genommen egal, ob ein Mitarbeiter aus Deutschland, China , Mexiko oder Serbien am Ende der Anlage steht. Was sich unterscheidet, sind Steuern, Energiekosten, Arbeitskosten und Produktivität. So arbeiten unsere Mitarbeiter in Mexiko etwa 2.304 Stunden pro Jahr. In Deutschland sind es 1.560 Stunden. Gleichzeitig ist Deutschland mit einer effektiven Steuerbelastung von 33,8 Prozent Spitzenreiter unter unseren Standorten. Es ist also ein grundsätzliches Problem in Deutschland? Die Rahmenbedingungen belasten die gesamte Branche. Wir haben an diesem Standort vor allem deutsche Kunden. Und die rufen nicht mehr so viel ab, weil sie selbst massiv Stellen abbauen. Zehntausende Jobs gehen da verloren. Sie verlagern Wertschöpfung im großen Stil in Länder mit günstigeren Rahmenbedingungen. Wir versuchen, die Arbeitsplätze hier zu erhalten. 2026 wird ein herausforderndes und entscheidendes Jahr. Aber es müsste sich doch etwas verändern, damit sich die Situation bessert. Wie soll das passieren? Die Bundesregierung muss die Rahmenbedingungen für die Industrie in Deutschland wieder wettbewerbsfähig machen. Wenn in diesem Jahr etwas passiert, werden wir auch mehr Aufträge bekommen und besser wirtschaften können. Es braucht einschneidende Änderungen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Bundesregierung und Gewerkschaften die Zukunft unserer Industrie weiterhin aufs Spiel setzen möchten. Es müssen Reformen her. Und ich kann mir eigentlich auch nicht vorstellen, dass die nicht kommen werden. Welche Reformen wären das genau? Das muss ein sehr umfassendes Paket sein. Ganz wichtig sind die Unternehmenssteuern. Diese müssen noch in dieser Legislaturperiode auf 25 Prozent runtergehen, um international wieder wettbewerbsfähig zu werden, und in der darauffolgenden Legislaturperiode weiter gesenkt werden können, um der heimischen Industrie auch mal wieder einen Vorteil gegenüber dem Ausland zu verschaffen. Eine Wirtschaftswende kann außerdem nur mit Sozialwende gelingen. In den Sozialsystemen müssen dringend Kosten gespart werden. Wie soll das geschehen? Dafür bin ich kein Experte, aber es liegt doch auf der Hand, dass wir Einsparungen brauchen, wenn der Sozialstaat überleben soll. Anders geht es nicht. Und auch bei der Rente müssen wir ehrlich zu uns sein: Die Lebensarbeitszeit wird genauso steigen müssen wie die Wochenarbeitszeit. Wir kommen mit Sicherheit nicht um mindestens die 40-Stunden-Woche herum, wenn wir weiter im Wohlstand leben wollen. Sie wollen also über die 40-Stunden-Woche hinaus? Ich wäre froh, wenn wir überhaupt bei der 40-Stunden-Woche wären. Der CEO von Bosch hat vor Kurzem gesagt, in manchen Fällen wird die 40-Stunden-Wochen nicht mehr ausreichen. Das glaube ich auch. Wir haben zwei Standorte in Mexiko, da gibt es standardmäßig die 48-Stunden-Woche. Für die Mitarbeiter ist das die normalste Sache der Welt. Und wir haben dort eine Krankheitsquote von 1,7 Prozent. Im deutschen Werk wird 37,5 Stunden gearbeitet und wir haben eine Krankheitsquote von knapp fünf Prozent. Das kann man nicht mehr wirklich erklären. Ich glaube, wir brauchen in Deutschland wieder eine stärkere Anpack-Mentalität! Das klingt so, als ob es sich für Sie gar nicht mehr lohnen würde, in Deutschland zu produzieren. Wie geht es denn weiter, falls die von Ihnen geforderten Reformen nicht kommen? Die müssen kommen. Anders kann ich mir das nicht vorstellen. Es ist fünf nach zwölf, jetzt muss reagiert werden. Der Herbst der Reformen wurde groß angekündigt, passiert ist leider relativ wenig. Aber wir haben ja einen Bundeskanzler, der Wirtschaft versteht und auch führen kann. Deshalb habe ich Hoffnung. Bisher tut sich die Koalition mit Reformen aber schwer. Es besteht auch die Möglichkeit, dass die Reformen in diesem Jahr nicht kommen. Das möchte ich mir nicht ausmalen. Klar ist: Dann bauen die großen Firmen noch mehr Stellen ab. Unternehmen unserer Größe können in anderen Ländern aus eigener Kraft ein neues Werk hochziehen, was wir 2025 zweimal gemacht haben (Serbien und USA). Sorgen machen mir die ganzen kleineren Industrieunternehmen mit 100 bis 500 Mitarbeitern. Da gibt es hier im Schwarzwald ganz viele, oftmals auch Automobilzulieferer. Die haben gar nicht die Kraft, sich zur Wehr zu setzen. Deshalb drohen dann viele Insolvenzen. Sie haben viel über die strukturellen Probleme für die Wirtschaft in Deutschland gesprochen. Nun gibt es auch spezifische Herausforderungen für die Automobilindustrie – insbesondere das anstehende Verbrenner-Aus. Sie selbst produzieren antriebsunabhängig. Wie sehr sind Sie dennoch betroffen? Das hat keinen direkten Einfluss auf uns, weil unsere Produkte unabhängig vom Antriebsstrang sind. Sie befinden sich in jedem zweiten Auto weltweit, ganz gleich, ob es ein Verbrenner, ein Plug-in-Hybrid oder ein E-Fahrzeug ist. Aber indirekt hat es schon Auswirkungen. Denn unsere Kunden wurden insbesondere während der Ampelregierung zu Investitionen in die Elektromobilität gedrängt, die dann aber nicht weiter gefördert wurde. Diesen Rückschlag bekommen auch wir zu spüren. Denn wenn es unseren Kunden, von denen etwa die Hälfte auch Automobilzulieferer sind, nicht gut geht, hat das zwangsläufig Folgen für uns. Sie sehen den Wandel hin zur Elektromobilität also kritisch? Nein. Wir glauben fest an die Zukunft der Elektromobilität, wenn auch nicht ausschließlich, aber sie wird eine große Rolle in der grünen Mobilität der Zukunft spielen. Sie müssen nur nach China schauen: Kein Land dekarbonisiert seinen Verkehrssektor mithilfe der Elektromobilität so schnell. Aber auch der Verbrenner wird weiterhin eine Rolle spielen. Für uns als deutschen Mittelstand ist es wichtig, dass wir technologieoffen an die Energiewende herangehen. Ich halte jedoch nichts von dem Argument, wir bräuchten den Verbrenner nur deshalb weiter, um Arbeitsplätze in Deutschland zu erhalten. Es stimmt zwar, dass die Verbrennerproduktion mehr Menschen beschäftigt als die Herstellung von Elektrofahrzeugen. Aber die Arbeitsplätze fallen vor allem weg, weil die Rahmenbedingungen für die Industrie insgesamt so schlecht sind. Sie haben China angesprochen. Sie selbst sind dort mit zwei Werken vor Ort. Wie erleben Sie den Markt dort? Wir kommen dort gut zurecht. Wir beliefern sowohl westliche als auch chinesische Kunden vor Ort. Fast 95 Prozent der Produkte verbleiben im Land, das ist Teil unserer Local-for-local-Strategie. Die chinesischen Autobauer haben es in kurzer Zeit geschafft, sich in einigen kaufentscheidenden Kriterien einen Technologievorsprung gegenüber den westlichen Autobauern zu sichern. Wir selbst sind sehr innovativ und sehen uns mit Blick auf unsere Produkte an der Spitze. Deshalb müssen wir auch die strategische Nähe zu chinesischen Kunden, die technologisch führend sind, suchen. China ist ein Markt für jeden, der wirklich die Zukunft mitgestalten möchte. Aber gleichzeitig macht China Ihnen in Europa Konkurrenz. Immer häufiger stammen Bauteile hier von chinesischen Zulieferern. Das ist bisher noch keine große Gefahr. Wir sehen die Konkurrenz, aber es bereitet uns noch keine Kopfschmerzen. Und durch unsere Präsenz in China sind wir direkt an der Quelle und würden merken, wenn Gefahr im Verzug sein sollte. Die EU will allerdings "Buy European"-Vorgaben verabschieden, insbesondere auch, um chinesischen Zulieferern den Zugang zu erschweren. Ich bin ein Gegner von Zöllen, und "Buy European" befürworte ich nicht. Der deutsche Mittelstand ist enorm innovativ, wir sollten uns dem Wettbewerb stellen, denn Wettbewerb ist gut. Ja, China ist der deutschen Industrie vielleicht in einigen Bereichen voraus, aber das können wir wieder aufholen, wenn sich die Rahmenbedingungen verbessern. Wenn Sie in die Zukunft blicken: Wie wird es um das Werk in Oberkirch in fünf Jahren stehen? Ich wünsche mir, dass unser Standort in Oberkirch dann noch so groß ist wie heute. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Lazzarini!
Aus der Quelle lesen