Backhaus und Timmy: Wie der Minister den Wal-Hype clever für sich nutzt

latest news headlines 1 tag vor
Flipboard
Der Buckelwal Timmy fällt in die Zuständigkeit des Umweltministers von Mecklenburg-Vorpommern. Und Till Backhaus weiß das Drama bestens für sich zu nutzen, findet unsere Kolumnistin. Was haben Till Backhaus (SPD) und der Buckelwal Timmy, den emotional sehr involvierte Menschen Hope nennen, gemeinsam? Die Antwort lautet: einiges. Erstens halten sich beide in Mecklenburg-Vorpommern auf. Der Wal ist dort gestrandet , und dasselbe könnte man angesichts der 28 Jahre, die Backhaus nun als Minister dort auf dem – ha ha – Buckel hat, auch sagen. Womit wir auch schon bei der zweiten Gemeinsamkeit wären: Rekorde. Livestreams über die Rettungsversuche des Tiers brechen Rekorde. Und niemand in Deutschland ist so lange Minister wie Backhaus. 28 Jahre – Backhaus ist der Dinosaurier der deutschen Politik. So lange halten viele Ehen nicht: In Deutschland dauert es bis zur Scheidung durchschnittlich etwa 14,7 bis 16 Jahre. Backhaus und die Wal-Krise: "Schlimmste Hölle, die ich je als Minister erlebt habe" Newsblog: Aktuelle Entwicklung zum Drama um den Buckelwal in der Ostsee Nächste Parallele: Beide, sowohl der Wal als auch der Minister, wecken große Gefühle bei den Menschen. Der Wal veranlasst Leute dazu, sich weinend im Internet zu präsentieren, Zäune zu durchbrechen, ins Wasser zu springen, sich großflächig Meeressäuger tätowieren – und auch ihrer Wut freien Lauf zu lassen. Die gegenseitigen Beschimpfungen unter den Livestreams etwa haben inzwischen ein Niveau erreicht, dass die Nummern von Seelsorge-Hotlines eingeblendet werden müssen. Gefühle haben die Leute, keine Frage, da gibt es keine Flauten, da herrscht zumindest in Social Media immer Hochkonjunktur – sonst gäbe es Social Media ja überhaupt nicht. Und ein Teil dieser Gefühle gilt Backhaus . Ihm zufolge erstattet eine nicht mal allzu kleine Zahl von Menschen Anzeige gegen ihn. Warum? Wenn Sie sich an dieser Stelle diese Frage stellen, gehören Sie nicht zu denen, die der Timmy- oder auch Hope-Wahnsinn in seiner kompletten und – sagen wir mal so –erstaunlichen Ausprägung erreicht hat. Wer sich in den sozialen Netzwerken umschaut und einigermaßen offen ist für den täglichen Wahnsinn, der da tobt und womöglich auch noch die Accounts kennt, die schon während Corona eine ausgeprägte Verschwörungstheorie-Kreativität erkennen ließen, der weiß: Die Verrücktheitskirmes ist wieder da . Backhaus ist mit im Boot Till Backhaus wird dort nämlich von einigen als "skrupelloses Schwein" gesehen, das den Wal eiskalt der Landeskasse opfern will. Denn statt die angeblich totsicher gelingende Rettung zu unterstützen, so hieß es sehr lange, würde Backhaus Timmy einfach tatenlos verenden lassen, um anschließend Reibach zu machen mit dem Walskelett, das im Museum ausgestellt werden würde. Nun ist Backhaus ein alter Hase im Politgeschäft, und er weiß auch, wie der Hase läuft. Deshalb hat er sich nun nach allen Seiten abgesichert. Backhaus spricht tief bewegt von Timmy. Emotionale Ansprache, auf Augenhöhe mit den Leuten – top. Backhaus ist ein genialer Schachzug gelungen: Als nämlich eine private und sehr zahlungskräftige Initiative das Ruder in Sachen Timmy übernehmen wollte, willigte er ein. Gab also dem Drängen derer nach, die entgegen einer unter Fachleuten weitverbreiteten Ansicht durchaus noch Rettungspotenzial für den Wal sahen. Ausdrücklich aber, ohne dafür die Verantwortung zu übernehmen. Egal, ob die Rettung glückt oder nicht – Backhaus ist mit im Boot. Entweder als der gnädige Bewilliger oder aber als derjenige, der nur bewilligt, sich aber nicht aktiv eingemischt hat. Ach ja, kurz noch dies: Im September wird in Mecklenburg-Vorpommern gewählt. Und Politik ist ein Haifischbecken. Das weiß auch Till Backhaus. Der alte Fuchs.
Aus der Quelle lesen