Beckham-Familie: Schmutzigerer Krieg als im Dschungelcamp

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Die Beckham-Familie inszeniert ihr Leben als perfektes Medienspektakel, während hinter den Kulissen ein erbitterter Familienkrieg tobt: ein Drama mit mehr Schmutz als jede Dschungelprüfung. Reality-TV feiert aktuell sein Hochamt. Als solches empfinde ich das Dschungelcamp, wie ich hier vergangene Woche bereits ausführte . Leute mit hohem Interesse an Öffentlichkeit, Geld und Geltung und unterdurchschnittlich ausgeprägtem Bewusstsein für Außenwirkung und Stil lassen sich in den australischen Busch fliegen. Dort verbringen sie die Zeit je nach Temperament mit Dauerkonfrontation, Dauerrelaxation oder aber der längst überfälligen Psychotherapie, für die sie jedoch mangels Alternativen andere, ähnlich veranlagte Kandidaten vor Ort ausgerechnet als Therapeuten heranziehen. Das kann nur schiefgehen, und das kann bestens unterhalten. Es ist ein Genuss für alle, die mutig genug sind, zu ihren niederen voyeuristischen Instinkten zu stehen. Also beispielsweise für jemanden wie mich. Dschungelcamp, das ist Leben im Dreck, also jetzt im buchstäblichen Sinne. Das ist Entbehrung. Das ist die ständige Furcht davor, über die Grenzen des Ekelempfindens gehen zu müssen. Es ist also auf den ersten Blick das Gegenteil des Lebens, das normale Leute fristen. Wie zum Beispiel, sagen wir mal: die Beckhams. "Normal?", fragen Sie. "In welcher Welt lebt denn Nicole Diekmann?" Ich sage Ihnen: In einer, in der ich die Netflix-Dokureihe über Victoria, David und den Rest des Imperiums, zu dem auch die Familie zählt, verschlungen habe. Ein Highlight ist der Moment, in dem Victoria behauptet, ein ganz normales Mädchen gewesen zu sein. In diesem Moment biegt der stutzig gewordene und belustigte Ehemann um die Ecke und hakt so lange nach, bis das ehemalige Spice Girl, das das Attribut "posh" (übersetzt: vornehm) trug, ein bisschen zurückrudern muss. Okay, ja, sie sei mit einem Rolls-Royce zur Schule gebracht worden. Knallharte Medienprofis Normal ist also relativ, vor allem, wenn es in die eigene Erzählung passt. Und der Gatte mitspielt. Hat er nicht, meint man im ersten Moment beim Anblick dieser Szene, in dem einem ganz warm wird im Herzen ob dieser Familie. Dieser surreal schönen, reichen und anscheinend auch nach all den Jahren immer noch miteinander so glücklichen Menschen, die sich immer noch gegenseitig auf die Schippe nehmen. Dabei ist es ja exakt das Gegenteil: David spielt ganz hervorragend mit. Beide tun es. Gerade in diesem nur scheinbar entlarvenden Moment, in dem David seine Victoria vorführt. Tatsächlich nämlich führen die beiden etwas vor. Alles andere wäre auch dilettantisch und überraschend. Hier sind zwei knallharte Medienprofis und Geschäftsleute dabei zu beobachten, die wissen: Genau solche Szenen verfangen. Da regt sich emotional was bei den Zuschauern, und Netflix hat einen perfekten Schnipsel, mit dem es die Doku vermarkten kann. Die Beckhams vermarkten. Das können die also sehr gut, und davon haben wir ja alle was. Instagram gehört den Beckhams quasi. Das Familienidyll wird seit Jahren dort zu unser aller Entertainment ausgebreitet, und auch die Söhne Cruz und Brooklyn sind vor Ort recht aktiv. Das genau aber fällt den Beckhams jetzt vor die Füße – zumindest gemessen an den Maßstäben wirklich normaler Leute. Das ist richtig schmutzig Denn wer in glücklichen Phasen öffentlich ist, der ist es auch in schwierigen Phasen. Und sowohl Familien als auch Unternehmen sind komplizierte Konstrukte mit ordentlich Konfliktpotenzial. Um es weniger abstrakt zu machen: Die Schlammschlacht, die sich der Erstgeborene Brooklyn derzeit dort mit seiner Familie liefert, muss sich in puncto symbolischer Schmutzgehalt weder quantitativ noch qualitativ von einer Dschungelprüfung verstecken. Da wird ausgeteilt, da wird zurückgekoffert, da werden Verbündete vor den Karren gespannt, da werden strategisch selbstverständlich wahnsinnig aufmerksam beobachtete Likes verteilt. Und das alles in einer Zeit, in der jeder Krieg, der nur innerhalb einer Familie tobt, eine willkommene Ablenkung ist von den schon ausgebrochenen und den drohenden in der realen Welt. Die Beckhams tun allen einen Gefallen: uns Usern, der Klatschpresse, dem Feuilleton, ja, sogar den Wirtschaftsredaktionen auf der ganzen Welt. Nur sich selbst nicht, zumindest auf emotionaler Ebene. Auch das haben sie wohl gemeinsam mit den Dschungelcamp-Bewohnern.
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