Bluthochdruck: Vierfachpille könnte Millionen Patienten helfen

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Bei schwer kontrollierbarem Bluthochdruck stoßen klassische Therapien oft an ihre Grenzen. Neue Kombinationspillen und Substanzen sollen das jetzt ändern. Ärzte stehen bei der Behandlung der arteriellen Hypertonie – also dauerhaft erhöhtem Blutdruck über 140/90 mmHg – vor großen Herausforderungen. Besonders schwierig bleibt die sogenannte therapieresistente Hypertonie. Dabei bleibt der Blutdruck trotz dreier blutdrucksenkender Medikamente zu hoch. Auf dem europäischen Jahreskongress der Französischen Gesellschaft für Kardiologie (JESFC 2026) in Paris stellten Mediziner kürzlich neue Strategien vor, die genau hier ansetzen. Für Millionen Patienten könnte das eine verbesserte Therapie bedeuten. Schlechte Therapietreue als zentrales Problem Ein Kernproblem in der Bluthochdruckbehandlung sehen Experten wie Prof. Dr. Athul Pathak in der mangelnden Therapietreue. Demnach nimmt rund die Hälfte der Patienten, die drei oder mehr Blutdruckmedikamente verordnet bekommen, diese nicht konsequent ein. Fest steht: Je mehr Tabletten Betroffene täglich schlucken müssen, desto häufiger brechen sie die Behandlung ab oder vergessen einzelne Dosen. Fixe Kombinationen mehrerer Wirkstoffe in einer Tablette sollen das ändern. Die US-Arzneimittelbehörde FDA ließ 2025 die Dreifachkombination Widaplik zu. Sie enthält: den Angiotensin-II-Rezeptorblocker Telmisartan (erweitert die Gefäße), den Kalziumkanalblocker Amlodipin (entspannt die Gefäßmuskulatur) und das Diuretikum Indapamid (wirkt harntreibend). In einer Studie mit bislang unbehandelten Patienten erreichten nach vier Wochen 70 Prozent unter der niedrig dosierten Dreifachpille Blutdruckwerte unter 140/90 mmHg. In der Placebogruppe schafften das nur 37 Prozent. Der systolische Blutdruck, also der obere Wert, sank im Schnitt um 9,4 mmHg stärker als unter Placebo. Bluthochdruck: Ab diesen Werten wird es kritisch Blutdruckwerte natürlich senken: So kann es funktionieren Vier Wirkstoffe von Anfang an Noch weiter geht das Konzept der Vierfachpille. Die sogenannte Quartet-Studie untersuchte eine sehr niedrig dosierte Kombination aus den Wirkstoffen Irbesartan, Amlodipin, Indapamid und dem Betablocker Bisoprolol. Betablocker bremsen die Wirkung von Stresshormonen am Herzen und senken so Puls und Blutdruck. 591 Patienten mit leicht erhöhtem Blutdruck erhielten entweder die Vierfachkapsel oder Irbesartan allein. Nach zwölf Wochen sank der systolische Blutdruck in der Vierfachgruppe um 22 mmHg. Das entspricht einer zusätzlichen Senkung um 6,9 mmHg gegenüber der Monotherapie. Nebenwirkungen traten in beiden Gruppen ähnlich häufig auf. Auch bei resistentem Bluthochdruck zeigten sich Vorteile: Die Kombination aus Perindopril, Amlodipin, Indapamid und Bisoprolol senkte den Blutdruck nach acht Wochen zusätzlich um 8 mmHg im Vergleich zu einer Dreifachtherapie ohne Betablocker. Wann könnte die Vierfachpille kommen? Eine solche Vierfach-Fixkombination ist in Deutschland derzeit nicht als Standardtherapie zugelassen. Für eine breite Einführung wären größere Zulassungsstudien, eine europäische Genehmigung und entsprechende Leitlinienanpassungen notwendig. Realistisch erscheint eine Einführung frühestens in den nächsten Jahren – vorausgesetzt, weitere Studien bestätigen Wirksamkeit und Sicherheit. Neue Wirkstoffklassen: bereits näher an der Praxis Während die Vierfachpille noch Zukunftsmusik ist, haben einzelne neue Substanzen bereits Einzug gehalten oder stehen kurz davor: Aprocitentan Dieser Wirkstoff blockiert die Endothelin-A- und -B-Rezeptoren. Endothelin ist ein stark gefäßverengendes Hormon. In einer Studie senkte Aprocitentan bei resistenter Hypertonie den Blutdruck um knapp 4 mmHg stärker als Placebos. Die Europäische Union ließ den Wirkstoff 2024 zu, er spielt in der Versorgung in Deutschland aber bislang eine untergeordnete Rolle – vor allem wegen hoher Kosten und beobachteter Nebenwirkungen. Bei Betroffenen traten häufiger Ödeme, also Wassereinlagerungen im Gewebe, auf. Baxdrostat Einen besonders starken Effekt zeigte der Wirkstoff Baxdrostat, der die sogenannte Aldosteronsynthese hemmt. Aldosteron ist ein Hormon, das den Salz- und Wasserhaushalt reguliert und den Blutdruck erhöht. In einer Studie mit 796 Patienten sank der Blutdruck nach zwölf Wochen um 8,7 beziehungsweise 9,8 mmHg stärker als unter Placebo – je nach Dosierung. Experte Pathak betonte beim Jahreskongress: "Diese Blutdrucksenkung ist der stärkste Effekt, der je durch das Hinzufügen eines einzelnen Medikaments beobachtet wurde." Baxdrostat ist allerdings noch nicht als reguläres Medikament in Deutschland (und der EU) zugelassen. Bluthochdruck: Therapie-Update naht Vieles spricht dafür, dass sich die Bluthochdrucktherapie in den kommenden Jahren stärker individualisieren wird – mit festen Mehrfachkombinationen, möglicherweise sogar als Vierfachpille von Beginn an. Hinzu kommen neu entwickelte Medikamente, die die Optionen für Patienten, bei denen herkömmliche Therapien versagen, erweitern. Doch in Deutschland bleibt vorerst das stufenweise Vorgehen mit Zwei- und Dreifachkombinationen Standard. Neue Wirkstoffe wie Aprocitentan stehen bereits zur Verfügung, Baxdrostat dürfte folgen.
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