Borussia Mönchengladbach: Daniel Farke überrascht alle

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Daniel Farke ist Borussia Mönchengladbachs neuer Cheftrainer. Für den 45-Jährigen ist die Bundesliga Neuland. Die Erwartungen an ihn sind dennoch riesig.Es ist wohl das größte Lob und zugleich die größte Bürde, die einem Trainer im modernen Fußball zuteilwerden kann. "Ich habe keine Zeit, Fußballspiele zu gucken, die nicht direkt mit meiner Mannschaft zusammenhängen. Für Norwich mache ich eine Ausnahme. Ich habe eine gute Beziehung zu ihrem Trainer. Wenn sie spielen, schaue ich ihnen gerne zu", sagte Pep Guardiola 2021.Gerichtet war das Lob des stilprägenden Coaches von Manchester City an Daniel Farke. Ein ehemaliger Torjäger des Amateurklubs SV Lippstadt 08, der nach zwei Jahren als Trainer der BVB-Zweitvertretung wie aus dem Nichts bei Norwich City an der Seitenlinie landete. Und dort Fußball-England im Sturm eroberte. Ebendieser Farke geht nun als neuer Übungsleiter Borussia Mönchengladbachs im Alter von 45 Jahren in seine erste Bundesligasaison. Die Elf vom Niederrhein wird sich in der anstehenden Spielzeit wohl also auch über einen prominenten Zuschauer mehr freuen dürfen.Doch was ist es, das Guardiola so von Farkes Fußball schwärmen lässt? Der Ex-Bayern-Coach sagt: "Ich schätze Farkes Courage. Seine Herangehensweise ist immer so attraktiv. Das mag ich." Und tatsächlich benötigt es nicht viel mehr Wörter, um den Kern der Farke'schen Philosophie – oder "Farkeball", wie sie es in England nennen – zu treffen. Der gebürtige Westfale geht lieber mit attraktivem Offensivfußball unter, als sich nominell stärkeren Gegnern mit destruktivem Defensivgemauere zu unterwerfen. Es ist dieser Idealismus, der sowohl der Schlüssel zu seiner freundschaftlichen Verbindung zu Guardiola, als auch der Grund ist, weshalb sich Gladbach für ihn als neuen Trainer entschieden hat.Stetiger Stress als Schlüssel zum ErfolgNach der enttäuschenden Saison und dem teuren Missverständnis mit Adi Hütter will Gladbach zurück zu der Philosophie, die seine Klubidentität in den vergangenen 15 Jahren definiert hat: weg vom balljagenden Umschaltspiel hin zum ballbesitzenden Offensivfußball. Auch deshalb beschäftigte sich Sportdirektor Roland Virkus intensiv mit einer Rückkehr des früheren Erfolgstrainers Lucien Favre. Der Last-Minute-Absprung des zaudernden Schweizers könnte sich für die Fohlen als echter Glücksfall entpuppen. Denn Farke hat das Profil, das es benötigt, eine Mannschaft, die im vergangenen Jahr 61 Gegentore kassierte und die Saison auf Rang 10 abschloss, wieder zu einem Europapokal-Aspiranten zu formen.Schon in Norwich schaffte Farke Unerwartetes, indem er die etatmäßig der Konkurrenz unterlegenen "Canaries" gleich zweimal als Zweitligameister in die Premier League führte. Dies gelang ihm mit einer modernen Interpretation des niederländischen "totalen Fußballs". Farkes 4-2-3-1-System war darauf ausgerichtet, konstante Überzahlsituationen zu schaffen und den Gegner so stetigem Stress und Überforderung auszusetzen. Dafür benötigte er Spieler, die Löcher zulaufen und positionsfremd offensive Entscheidungen treffen konnten. Gerade diese ständige Rochade beim eigenen Ballbesitz dürfte das Element sein, das nicht nur den bekennenden Cruyff-Anhänger Guardiola an Farkes Fußball begeistert. "Jürgen Klopp hat zuletzt gesagt: Wenn er zwei Trainer auf eine einsame Insel mitnehmen dürfte, wären das Pep Guardiola und meine Wenigkeit", erzählte Farke bei seiner Vorstellungsrunde in Mönchengladbach. Eine Wahl, die Klopp vor allem aufgrund sportlicher und weniger persönlicher Aspekte getätigt haben dürfte. Denn auch wenn der britische Boulevard gerne die Parallelen zwischen den beiden Coaches – die Dortmunder Vergangenheit, die Optik, die deutsche Herkunft – überstrapaziert und daraus eine Männerfreundschaft strickt, sind Farke und Klopp längst nicht so eng miteinander, wie es etwa Farke und Guardiola sind. Unter dem Strich ist es vor allem die Intensität des "Farkeball" und dessen eklatante Parallelen zu seinem "Heavy-Metal-Fußball", die Klopp an Farke begeistern. Der jedenfalls nimmt die Huldigung seines Landsmannes mit Humor: "Man muss immer vorsichtig sein bei Komplimenten von Jürgen. Wahrscheinlich bräuchte er mich zum Rudern."Farke selbst beschrieb sein fußballerisches Selbstverständnis 2017 in einem Interview mit "The Independent" wie folgt: "Ich mag es nicht, wenn meine Teams nur kompakt sind und reagieren. Ich möchte agieren. Ich mag es, den Ball zu haben. Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich den Ball 90 Minuten lang haben."Ein Kontrast verblüfft die GladbacherDiese Art des Fußballs verlangt gute Kondition und hohe Intensität. Womit Farkes größte Baustellen bei Gladbach definiert wären. Unter Hütter waren die Rheinländer in der vergangenen Saison das Bundesligateam mit dem zweitgeringsten Laufpensum. Zu viel Schritt und Trab und zu wenig Galopp bei den Fohlen. Das scheint sich allmählich zu ändern. "Der Trainer ist gut. Ich merke es in den Trainingseinheiten, an den Ansprachen, wie er uns mitnimmt", bilanzierte Führungsspieler Christoph Kramer die ersten Wochen unter Farke. Dass der Bundesliga-Novize dabei eher ein Mann der ruhigen, besonnenen Worte ist, überrascht die Gladbacher Medienlandschaft offensichtlich. Wiederholt liest man, wie verblüffend der Kontrast zwischen Farkes bulliger körperlicher Statur und seiner sanften Stimme sei. Fohlenflüsterer statt -einpeitscher – das haben wohl viele anders erwartet.Er könne jedoch auch ganz anders, bekräftigt sein Ex-Schützling Marco Stiepermann. Der 31-jährige Mittelfeldspieler vom Wuppertaler SV spielte bei Norwich City vier Jahre lang unter Farke und erinnert sich noch genau daran, was den Coach aus der Haut fahren lässt. "Wenn er gemerkt hat, dass die Konzentration und Einstellung im Training nicht hundertprozentig stimmt, hat er uns richtig angemacht, wurde laut. Das kann er gar nicht leiden", so Stiepermann, der unter Farke unter anderem zu 24 Premier-League-Einsätzen kam.Diese für ihn immanente Mentalität der Mannschaft wird Farke benötigen, wenn er seine selbst gesetzten Ziele erreichen will: "Ich mag es, wenn ich einen Klub auf ein höheres Niveau bringen kann. Also zum Beispiel: aus einem Mittelklasseverein ein Team zu formen, das in Europa spielen kann (...). Den nächsten Schritt, das nächste Level und Siegermentalität in eine Mannschaft, in einen Verein tragen: Das ist es, was mich reizt." Mit Gladbach hat der Bundesliga-Debütant genau den richtigen Verein für diese Mission gefunden.
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