Champions League: Stefan Effenberg findet klare Worte nach Bayern-Sieg

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Der FC Bayern steht nach einem dramatischen Viertelfinalrückspiel unter den letzten vier der Champions League. t-online-Kolumnist Stefan Effenberg macht dabei eine besondere Beobachtung und ärgert sich. Ich muss es so sagen: Nach diesen zwei denkwürdigen Viertelfinalspielen gegen Real Madrid sind die Bayern für den Moment die neuen "Königlichen" dieser Champions League . Schon das 2:1 in Madrid war eine herausragende Leistung, angetrieben von einem bärenstarken Manuel Neuer . Und dieses packende 4:3 nun am Mittwochabend? Was für ein Auftritt. Gleich drei Mal konnten die Münchner einen Rückstand ausgleichen und die Partie am Ende sogar noch drehen. Natürlich war erwartbar, dass Real im Rückspiel offensiver, aggressiver auftreten würde – das mussten sie auch. Aber: Die Bayern hatten stets eine Antwort parat, und das auch zeitnah. Fünf Minuten nach dem frühen 0:1 köpfte Aleksandar Pavlović zum Ausgleich ein, neun Minuten nach dem 1:2 traf Harry Kane . Und in den Schlussminuten versetzten Luis Díaz (89.) und Michael Olise (90.+4) den Madrilenen erneut innerhalb kurzer Zeit zwei verheerende Schläge, die letztlich das Halbfinale klarmachten. Die wichtigste Erkenntnis für mich aus diesem Rückspiel ist aber: Die Bayern haben in ihrem bisher wichtigsten Spiel der Saison eine besondere Qualität gezeigt, die bei ihnen oft vergessen wird: eine unglaubliche Moral. Das kennt man so kaum von ihnen – einfach, weil sie nun mal äußerst selten in die Situation geraten, gleich dreimal einen Rückstand zu kassieren, zumal auf diesem Niveau. Die Bayern waren über 180 Minuten besser als Real Meine Freude über den Halbfinaleinzug der Bayern wird aber leider getrübt. Denn nach diesem wirklich tollen Spiel, nach dieser Werbung für den Fußball wird worüber gesprochen? Über den Schiedsrichter – und das hat dieses Spiel, das haben auch die Bayern nicht verdient. Natürlich war die Leistung von Slavko Vinčić diskussionswürdig. "Gehört sich nicht": Bayern-Star Stanišić prangert Fehlverhalten von Rüdiger an Verwirrung um Kompany: "Jetzt ist der Trainer gesperrt?" Die Spanier regen sich zu Recht über die Gelb-Rote Karte gegen ihren Spieler Eduardo Camavinga auf – und besonders über Vinčić, dem offenbar erst nach der kleinlichen Verwarnung wegen Spielverzögerung aufgefallen war, dass er dem Mittelfeldspieler bereits einmal Gelb gezeigt hatte und ihn deshalb vom Platz stellen musste. Das ist peinlich und darf einem Schiedsrichter auf diesem Niveau, in so einem wichtigen Spiel und dazu auch noch in dieser Phase kurz vor Schluss nicht passieren. Da erwarte ich mehr Fingerspitzengefühl und ein Bewusstsein für die Tragweite seiner Entscheidung. Aber: Dieses Viertelfinale wurde nicht durch den Platzverweis gegen Camavinga entschieden, sondern über insgesamt 180 Minuten, in denen der FC Bayern die bessere Mannschaft war und sich das Weiterkommen einfach verdient hat. Sie waren besser, sie waren abgeklärter, sie waren auch abgezockter als Real, das darf bei aller Wut der Gäste auf den Unparteiischen nicht vergessen werden. Das ist unseriös Leider hat Vinčić aber auch den Bayern einen ganz empfindlichen Schlag verpasst: die Gelbe Karte gegen Trainer Vincent Kompany . Es ist die dritte für den Belgier, der dadurch im Halbfinalhinspiel gegen Paris Saint-Germain nicht an der Seitenlinie wird stehen können. Und das ist eine erhebliche Schwächung für den deutschen Rekordmeister. Er wird seiner Mannschaft in zwei Wochen in Paris schmerzlich fehlen. Kompany strahlt am Spielfeldrand stets auch in kritischen Phasen eine so große Ruhe aus, redet seinen Spielern zu, hat eine unglaubliche Aura. Ich würde das bei kaum einem anderen Trainer sagen, aber: Sein Ausfall tut den Bayern fast genauso weh, wie wenn Harry Kane oder ein anderer Leistungsträger fehlen würde. Weh getan hat den Bayern im Spiel dagegen ausgerechnet einer, der im Hinspiel noch der überragende Mann war. Denn Manuel Neuer stand bei gleich zwei maßgeblichen Szenen im Mittelpunkt: Sein katastrophaler Fehlpass direkt in der ersten Spielminute wurde von Reals Arda Güler bitter bestraft – und auch bei Gülers Freistoßtor sah der frühere Nationaltorwart nicht gut aus. Und genauso, wie ihn viele nach dem 2:1 in Madrid wieder zurück in der Nationalmannschaft sehen wollten, wird er nun infrage gestellt. Das ist unseriös. Neuer wird Urbig ungemein helfen Ich habe es begrüßt, dass Neuer kürzlich selbst gesagt hat, er mache eine mögliche Vertragsverlängerung nicht von Titeln abhängig – und lesen Sie es da auch raus? Für mich hat er damit schon angedeutet, dass er wohl noch eine weitere Saison bei den Bayern bleiben wird. Und davon profitieren alle. Natürlich ist Neuer mit nun 40 Jahren verletzungsanfälliger als früher, leistet sich auch häufiger mal einen Patzer – siehe Mittwochabend. Aber er kann dem Klub und vor allem auch seinem designierten Nachfolger Jonas Urbig noch so viel geben. Urbig ist gerade einmal 22 Jahre alt und zweifelsohne hochtalentiert, was er bereits mehrfach als Verletzungsvertretung für Neuer unter Beweis stellen konnte. Ich bin mir sicher: Kommende Saison wird er – auch wenn Neuer bleibt – mehr Einsatzzeit bekommen, um immer weiter an die Position des Stammtorhüters und das Weltniveau, auf dem die Bayern ständig spielen, herangeführt zu werden. Das wünsche ich mir. Neuer wird ihm dabei nämlich ungemein helfen. Es mag paradox klingen, aber: Auch aus Neuers Patzern lernt er. Stellen Sie sich vor, der Fehler vor dem 0:1 gegen Real wäre dem jungen Urbig passiert – eine furchtbare Situation für so einen Torwart in dem Alter. So konnte er aber von der Bank aus beobachten, wie Neuer reagierte, wird auch nach der Partie mit ihm darüber gesprochen haben. Das ist unglaublich wertvoll. Kompany liefert ein Meisterstück bei Musiala Ist es Ihnen übrigens auch aufgefallen? Jamal Musiala war erneut an einem Tor beteiligt. Kompany hatte den deutschen Nationalspieler nach einer guten Stunde eingewechselt. Der 23-Jährige hatte einige gute Szenen und legte Díaz dann in der 89. Minute das 3:3 auf. In nunmehr 15 Einsätzen nach seinem Wadenbeinbruch aus der Klub-WM vergangenen Sommer kommt Musiala trotz verminderter Spielzeit auf acht Torbeteiligungen und findet immer besser zurück. Julian Nagelsmann sollte Vincent Kompany ein Dankesschreiben schicken. Denn etwas Besseres als der Belgier hätte sowohl dem Bundestrainer als auch natürlich Musiala selbst nicht passieren können. Es ist bemerkenswert, wie er es schafft, Musiala nach der langen Verletzungspause behutsam wieder an sein Leistungsvermögen – und damit auch an die ersehnte Topform für die WM – heranzuführen, ohne dass einer der Beteiligten die Geduld verliert. Denn Musiala wird sicherlich schon jetzt ständig spielen wollen. Aber Kompany versteht es offenbar, ihm zu vermitteln, dass hier nicht Schnelligkeit, sondern Ausdauer gefragt ist. Er balanciert Musialas Einsatzzeiten optimal aus: In der Bundesliga setzt er ihn schon vermehrt wieder länger ein und ließ ihn erst am vergangenen Wochenende gegen den FC St. Pauli 84 Minuten auf dem Platz. Musiala dankte ihm mit einem Tor und einer Vorlage beim 5:0-Sieg. Auch am kommenden Sonntag gegen den VfB Stuttgart wird er sicher von Anfang an spielen. Im Halbfinale des DFB-Pokals am Mittwoch vertraut Kompany vielleicht wieder der Elf aus dem Viertelfinalrückspiel der Champions League, am darauffolgenden Bundesliga-Spieltag gegen Mainz ist dann möglicherweise erneut Musiala in der Startaufstellung. Und irgendwann in den nächsten Wochen wird er dann auch wieder so weit sein, zwei Partien in Folge über 90 Minuten zu bestreiten. Das ist perfektes Management von Kompany. PSG bringt eine Qualität mit, die Real fehlte Der Bayern-Trainer macht es seinem Kollegen Nagelsmann an anderer Stelle aber indes immer schwerer. Ich hatte schon in der Vergangenheit gefordert, dass es der Bundestrainer wie Kompany macht und Joshua Kimmich ins zentrale Mittelfeld neben Pavlović zieht, statt ihn als Rechtsverteidiger aufzustellen. Das hat sich bei den Bayern bewährt – und wer dafür noch einen Beweis gebraucht hat, der hat ihn beim 4:3 gegen Real bekommen. Kimmich und Pavlović funktionieren im Zentrum aktuell derart gut, dass sich auch Leon Goretzka mit seiner Rolle als Ersatzmann abgefunden zu haben scheint. Wie viele Argumente braucht der Bundestrainer noch? Für die Bayern geht es nun gegen den nächsten Hochkaräter. Real Madrid ist geschafft, im Champions-League-Halbfinale wartet jetzt Paris Saint-Germain. Ich warne davor, Rückschlüsse aus dem 2:1-Sieg aus der Gruppenphase im November zu ziehen. Wer PSG zuletzt im Viertelfinale gegen den FC Liverpool (jeweils 2:0 in Hin- und Rückspiel) und schon zuvor im Achtelfinale gegen den FC Chelsea (5:2 zu Hause, 3:0 auswärts) gesehen hat, der weiß: Diese Mannschaft hat genau im richtigen Moment umgeschaltet auf Modus Titelverteidigung. Die Elf von Trainer Luis Enrique bringt dazu eine Qualität mit, die Real Madrid zuletzt vermissen ließ: defensive Stabilität. In Achtel- und Viertelfinale kassierten die Franzosen nur zwei Gegentore, Real dagegen – einschließlich der Bayern-Duelle – sieben, die Münchner selbst sechs. Vorn haben sie unter anderem mit Ousmane Dembélé , Desiré Doué und Khvicha Kvaratskhelia absolute Hochkaräter. Das wird eine Aufgabe, es gegen diesen Klub ins Endspiel gegen Atlético Madrid oder den FC Arsenal zu schaffen. Und dann? Ich erinnere mich dabei an eine eigene leidvolle Erfahrung aus meiner Bayern-Zeit: In der Saison 1998/99 spielten wir im Halbfinale gegen Dynamo Kiew, damals ein Topteam mit Klasseleuten wie Andriy Shevchenko oder Sergiy Rebrov. Im Vorfeld sagte mir ein Bayern-Mitarbeiter, der hier namenlos bleiben soll: "Wenn wir die schlagen, holen wir den Champions-League-Titel nach München." Und tatsächlich: Wir setzten uns durch, 3:3 im Hinspiel auswärts, im Rückspiel erzielte Mario Basler das goldene Tor, das uns ins Finale brachte. Ich aber zweifelte. Und am Ende erlebten wir dieses dramatische 1:2 im Endspiel von Barcelona gegen Manchester United. Diese Worte habe ich deshalb bis heute nicht vergessen. Und die Bayern sollten das auch nicht.
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