China will bei Wasserstoff dominieren: Neue EU-Allianz will sich wehren

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China treibt seine Pläne für Energiedominanz im Bereich der sauberen Energien weiter voran. Zentrale europäische Industrien warnen. In der vergangenen Woche haben sich zentrale europäische Energieunternehmen zusammengefunden, um die EU und ihre Mitgliedsländer wachzurütteln. Mal wieder, muss man hinzufügen, denn es ist nicht das erste Mal, dass vor dieser Gefahr gewarnt wird: der sich anbahnenden Energiedominanz Chinas im Bereich der sauberen Energien und Technologien . Wind, Solar, Batterien und jetzt auch noch Wärmepumpen und Wasserstoff: In Peking wird gerade viel dafür getan, in allen Cleantech-Bereichen massiv voranzukommen. Am Dienstag gründete sich unter anderem deshalb die "European Resiliance Alliance for Clean Hydrogen & Derivatives" (ERA) – also eine europäische Wasserstoffallianz, die den Aufbau einer heimischen Wasserstoffinfrastruktur forcieren will. "Bei der Energiewende in Europa geht es nicht nur um Dekarbonisierung, es geht um den Aufbau eines widerstandsfähigen, souveränen Energiesystems, das sowohl den Bürgerinnen und Bürgern als auch der Industrie zugutekommt", sagte die CDU-Politikerin Andrea Wechsler auf der Gründungsveranstaltung. "Resilienz muss zu einem der Leitprinzipien unserer Energiepolitik werden", so die Abgeordnete des Europäischen Parlaments. China macht Wasserstoff zur Priorität Während Wind, Solar, Biomasse und Wasserkraft weltweit ausgebaut werden, stockt es beim Wasserstoff. Ohne dieses Gas kann die Energiewende aber kaum erfolgreich sein. Insbesondere für Industrien, die für ihre Prozesse aktuell Kohle oder Erdgas verwenden müssen – und aus technischen Gründen nicht auf Strom umstellen können –, ist Wasserstoff eine der wenigen realistischen Optionen, klimaneutral zu werden. Zu den Branchen, die auf Wasserstoff angewiesen sind, zählen vor allem die Stahlindustrie, Teile der Chemiebranche sowie die Schifffahrt und der Flugverkehr . Dass Wasserstoff dringend gebraucht wird, hat auch China verstanden. Deshalb hat die chinesische Regierung den Energieträger im kürzlich verabschiedeten Fünfjahresplan als "Zukunftstechnologie" definiert, die bis 2030 massiv gefördert werden soll. Ausgegebenes Ziel: 2030 soll Wasserstoff zu Preisen um die zwei bis drei Euro pro Kilogramm verkauft werden können. Aktuell kostet grüner Wasserstoff in Europa je nach Abnahmeform 10 bis 20 Euro/kg. Würde Wasserstoff aus China wirklich so günstig wie im Fünfjahresplan ausgegeben werden, wäre der Energieträger im Wesentlichen genauso günstig wie Erdgas und damit wettbewerbsfähig. Erklärtes Ziel ist es zudem, Wasserstoff zu exportieren – auch nach Europa. Ob dieses Ziel wirklich realisierbar ist, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Man darf nicht vergessen, dass der Fünfjahresplan auch ein Propagandapapier ist – Behauptungen der chinesischen Regierung sind mit Vorsicht zu genießen. Doch europäische Industrien mahnen trotzdem: In China wird gerade bei Elektrolyseuren, die Wasserstoff herstellen, massiv skaliert. Und in der Vergangenheit hatte Peking schon mal Zukunftstechnologien ernannt, in denen sie jetzt dominant ist – Elektroautos zum Beispiel. "China bringt sich in Stellung" In einem von der neu gegründeten europäischen Wasserstoffallianz herausgegebenen Kurzbericht wird darauf auch ausführlich eingegangen. "China bringt sich in Stellung, um die weltweite Wasserstofflieferkette zu dominieren", heißt es etwa. "Wenn wir unser eigenes Wasserstoff-Ökosystem nicht bedeutend und schnell aufbauen, werden wir in allen Kernindustrien, die von günstiger und sauberer Energie abhängig sind, die Wettbewerbsfähigkeit verlieren". Zudem sei es angesichts der geopolitischen Entwicklungen – von der Ukraine bis zum Iran – wichtig, dass Europa jetzt schon die Weichen stelle, um nicht wieder in eine Abhängigkeit zu geraten. Zu den Unterzeichnern gehören weitere Energiekonzerne aus Deutschland, Spanien , Belgien , Finnland und Schweden sowie der Chef des Europäischen Wasserstoffverbands (Hydrogen Europe), Jorgo Chatzimarkakis. Aus Deutschland sind die Energieunternehmen RWE und Sefe dabei. Doch wie kann der Wasserstoffhochlauf wirklich gelingen? Eines der Hauptprobleme ist ein klassisches Henne-Ei-Dilemma: Es gibt aktuell keine Nachfrage nach Wasserstoff, weil es nicht günstig hergestellt wird. Günstig hergestellt werden kann es aber erst, wenn Energieversorger sicher wissen, dass es eine Nachfrage gibt. Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, braucht es nach Ansicht vieler Experten staatliche Unterstützung. Eine Idee, die zum Beispiel von der Stahlindustrie befürwortet wird, wäre es, wenn die öffentliche Hand bei ihren Investitionen Produkte wählt, die aus grünem Wasserstoff hergestellt werden. Wenn der Staat sich also verpflichtet, beispielsweise beim Bau von Eisenbahntrassen auf mit grünem Wasserstoff hergestellten Stahl zu setzen, gäbe es eine gesicherte Nachfrage. Eine solche "Grünstahlquote" wird aktuell auch auf EU-Ebene für Autos diskutiert. In einem Positionspapier vom Sommer 2025 fordert die Wirtschaftsvereinigung Stahl zudem die Einführung staatlich abgesicherter Lieferverträge beim Wasserstoff. Wer einen langfristigen Vertrag für die Abnahme von Wasserstoff abschließen will, muss aktuell eine hohe Risikoprämie zahlen, da Investoren sich vor Pleiten oder anderen Unsicherheiten absichern wollen. Der Staat könnte hier als Bürge einspringen. Klares Bekenntnis der Bundesregierung fehlt In der Energiebranche fehlt allerdings aktuell ein klares Bekenntnis der Bundesregierung zum Wasserstoff überhaupt. Der Branchenverband BDEW fordert seit Monaten ein zentrales Wasserstoffgesetz, um den Hochlauf dieses wichtigen Energieträgers voranzubringen. Ein Gesetz, "das Erzeugung, Transport, Speicherung, Verteilung und Nachfrage zusammendenkt, Planungssicherheit schafft und Investitionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette absichert", forderte der Verband zuletzt im März. Das Interesse der zuständigen Wirtschaftsministerin Katherina Reiche scheint das noch nicht geweckt zu haben. Zumindest gab es noch keinerlei Signale, dass an einem solchen Gesetz gearbeitet wird. In China wird währenddessen weiter investiert und aufgebaut. Einem Bericht des staatlichen Nachrichtenportals "China Daily" zufolge liegen weltweit die meisten Wasserstoffpatente mittlerweile in chinesischer Hand. Seit Ende 2025 gebe es davon 100.000, heißt es weiter. In dieser Woche begann in China auch ein Pilotprojekt für Wasserstoff im Flugverkehr, zudem sollen neue Quoten für Wasserstoff und Biomasse in der Industrie eingeführt werden. Ob diese Projekte am Ende alle Erfolg haben, steht noch in den Sternen. Aber die Signale sind unüberhörbar.
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