Der Iran-Krieg hat deutliche Spuren an den Börsen hinterlassen. Der DAX hat zehn Prozent verloren. Aber ist er nun günstig? Ob es sich lohnt, jetzt einzusteigen, weiß Börsen-Kolumnistin Antje Erhard. Der März war die herbe Erinnerung daran, dass ohne Öl und Gas in der Welt nach wie vor gar nichts geht. Je energieabhängiger einzelne Volkswirtschaften sind, desto größer waren die Kursverluste weltweit. In Japan und Südkorea fielen Aktienwerte zeitweise viel heftiger als hierzulande. Insofern waren zehn Prozent Korrektur am deutschen Markt im DAX noch glimpflich. Der DAX wirkt auf den ersten Blick nicht besonders teuer. Das zeigt eine Kennzahl namens Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), die aktuell zwischen 15 und 17 liegt. Vereinfacht sagt diese Zahl aus, wie teuer Aktien im Verhältnis zu ihren Gewinnen sind. Schaut man aber genauer hin, relativiert sich das Bild: In den vergangenen zehn Jahren lag dieser Wert im Schnitt nur bei etwa 14. Das bedeutet, dass deutsche Aktien derzeit etwas teurer sind als üblich. In den USA ist das Niveau noch höher. Dort liegt das KGV aktuell bei etwa 25, während der Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre bei rund 21 liegt. Auch dort sind Aktien also teurer als im langjährigen Vergleich. Das ist schon eine Überbewertung, aber dort sind auch die Unternehmensgewinne und das Gewinnwachstum größer. Die Unternehmen sind profitabler, wachsen schneller und verlieren weniger stark an Wert insgesamt: Im März haben die US-Börsen alle lediglich um die fünf Prozent verloren. Das ist moderat, auch hier abgesehen von einzelnen Handelstagen. Zins- und konjunktursensible Aktien unter Druck Nun hat der DAX von seinem Allzeithoch bei 25.507 seit dem Iran-Krieg erheblich Federn lassen müssen. Jetzt kommen vorwiegend zins- und konjunkturempfindliche Aktien ins Rutschen: Banken, Autowerte, Immobilien. Indes steigt die Hoffnung auf ein Ende des Iran-Krieges. Die Kurse sind bisher noch nicht stark genug gefallen, um insgesamt wirklich günstige Einstiegschancen zu bieten. Ausnahmen gibt es aber: In manchen Branchen oder bei einzelnen Aktien können sich schon gute Kaufgelegenheiten ergeben. Denn ein Faktor kommt jetzt erst so richtig zum Tragen: Achtung, Gewinnrevisionen voraus! Man muss damit rechnen, dass viele Unternehmen ihre Gewinnerwartungen in der kommenden Berichtssaison nach unten korrigieren werden. Unternehmen sehen sich mit einer ganz neuen Lage konfrontiert. Selbst wenn der Krieg heute endet, sind die Öl-Anlagen nicht sofort wieder repariert und Lieferketten nicht sofort wieder geschlossen. Wir haben Letzteres zur Pandemie erlebt. Erinnern wir uns: Das dauert. Und auch jetzt ist alles noch nicht ausreichend eingepreist, weil die Mehrheit zunächst dachte, der Krieg gehe schnell vorbei und es sei schon alles nicht so schlimm. Unterdessen läuft das Ultimatum der US-Regierung gegen den Iran noch bis zum 7. April. Und bis dahin bleibt die Meerenge von Hormus gesperrt. Also unter dem Strich keine wirkliche Veränderung. Das heißt: Es fließt nach wie vor nicht die gewohnte Menge Öl und Gas aus Nahost, die entsprechenden Preise bleiben vermutlich hoch. Und weil auch Dünger fehlen wird, sind steigende Lebensmittelpreise nur eine logische Konsequenz. Da Lieferketten nicht mehr funktionieren, werden weitere Preissteigerungen folgen, zeitversetzt. Steigen die Zinsen bald? 2,7 Prozent Inflation haben wir schon jetzt (März) in Deutschland; 2,5 Prozent im Euroraum. Das liegt zum größten Teil an den Energiepreisen. Ökonomen sagen: Das ist erst der Anfang. Und das macht Zinserhöhungen im Euroraum durchaus möglich. Auch das ist kein Szenario, mit dem viele Unternehmen kalkuliert haben. Ein Blick auf die Anleihemärkte zeigt, wie die Risiken eingeschätzt werden: Seit Beginn des Krieges sind die Zinsen für Staatsanleihen in vielen Regionen gestiegen – in den USA, aber auch in Deutschland und Europa. Zwar sind sie zuletzt etwas gesunken, aber längst nicht wieder auf das alte Niveau zurückgekehrt. Dass die Zinsen gestiegen sind, bedeutet: Anleger verlangen inzwischen mehr Rendite , weil sie die Risiken als höher einschätzen. Ohne Öl und Gas nix los Alles steht und fällt mit den Preisen für Öl und Gas. Sie dürften hoch bleiben, solange die Straße von Hormus nicht durchlässig ist. Europa konkurriert nun mit Asien um Energie. Erst in der vergangenen Woche sind drei Tanker, die als ursprüngliches Ziel Europa hatten, gen Afrika abgebogen. Dort machen Tanker Richtung Asien häufig einen Zwischenstopp. In den vergangenen Tagen häufen sich Meldungen, dass Schiffe ihren Europa-Kurs geändert haben und stattdessen in Richtung Asien fahren. Laut Medienberichten würden Abnehmer in Asien, die stärker von Energieimporten aus Nahost abhängen, mehr bezahlen. Diese Abhängigkeit wird umso gravierender – Stichwort: Ende der Reserven –, je länger der Krieg dauert. Investoren sind wieder optimistischer Dennoch rechnen Investoren damit, dass die Energiepreise im April ihren Höhepunkt erreichen werden. Die meisten vermuten, dass sich die Preise danach entspannen. Und so ist es kein Wunder, dass der Ölpreis , der US-Dollar und der Energiesektor von der ganzen Misere profitieren. In dieser Gemengelage fällt es schwer, von günstigen deutschen Aktien zu sprechen. Vielleicht von günstigeren als bisher. Und wenn der Krieg zeitnah enden sollte, würde der Fokus auf die bisherigen Probleme zurückkehren: Strukturschwächen in Europa, wenig Wachstumsperspektiven in Europa vorwiegend in Deutschland, hoch verschuldete Vereinigte Staaten, die mit Zöllen und Deals versuchen, das Beste für sich herauszuholen und Partner und Gegner gegeneinander ausspielen. Fazit: Das dicke Ende wird erst noch kommen: Zu den bereits bestehenden Struktur- und Konjunktursorgen werden sich die Nachwehen dieses Krieges gesellen, wann immer er endet. Unternehmen werden ihre Prognosen senken, Lieferketten werden brauchen, bis sie wieder funktionieren, und die alten Probleme sind noch gar nicht vom Tisch. Insofern ist der DAX bestenfalls nicht mehr so teuer wie bisher, aber in meinen Augen nicht günstig.