Ein einfacher Bluttest könnte Alzheimer in Zukunft schon im Frühstadium erkennen – bequem von zu Hause aus. Forscher sprechen von einem Durchbruch. Die Diagnose Alzheimer kommt oft spät. Meist erst dann, wenn Betroffene bereits deutliche Symptome zeigen. Präventive Lebensstilveränderungen oder Medikamente wie Lecanemab und Donanemab sind dann nicht mehr wirksam. Ein internationales Forschungsteam will das ändern: Mit einem neuen Bluttest, der sich aus einem Tropfen Blut vom Finger durchführen lässt – ohne Klinikbesuch, ohne Laborpersonal. Die Ergebnisse dieser Studie haben das Potenzial, die Alzheimer-Forschung grundlegend zu verändern, schreiben die Wissenschaftler. Die Studie wurde kürzlich in der Fachzeitschrift "Nature Medicine" veröffentlicht. Einfacher Bluttest zu Hause statt aufwendiger Gehirnscans Das Problem: Bisher lassen sich alzheimertypische Veränderungen im Gehirn nur aufwendig nachweisen – etwa durch eine Analyse der Rückenmarksflüssigkeit oder teure Hirnscans. Einfacher geht es inzwischen auch per Bluttest, der sogenannte Alzheimer-Biomarker erkennt. Doch auch diese Tests setzen bislang auf Blut aus der Vene, müssen gekühlt und von geschultem Personal verarbeitet werden. Das schränkt ihre Nutzung erheblich ein, besonders in ländlichen Regionen oder Entwicklungsländern. Hier setzt das sogenannte Drop-Ad-Projekt an: Forscher aus sieben europäischen Kliniken, darunter die Universität Exeter in Großbritannien und die Universität Göteborg in Schweden , haben untersucht, ob sich Alzheimer-Biomarker auch aus einem getrockneten Bluttropfen vom Finger erkennen lassen. Frühdemenz : Diese ersten Alzheimersymptome kennen viele Menschen nicht Innere Uhr aus dem Takt : Wer so schläft, verdoppelt sein Demenzrisiko Durchbruch für Früherkennung von Alzheimer Für die Studie haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler 337 Teilnehmerinnen und Teilnehmer untersucht. Sie entnahmen Blut über einen kleinen Stich in die Fingerspitze, ließen es auf einem speziellen Papierstreifen trocknen und analysierten es anschließend auf bestimmte Eiweiße, sogenannte Biomarker. Besonders im Fokus: phosphoryliertes Tau-Protein (p-tau217), ein Hinweis auf alzheimertypische Veränderungen im Gehirn. Gleichzeitig analysierten sie eine klassische Blutprobe aus der Vene. Das sind die Ergebnisse: Biomarker werden präzise erkannt : Die p-tau217-Werte aus dem getrockneten Fingerblut stimmten in hohem Maße mit denen aus klassischem Venenblut überein. In 86 Prozent der Fälle konnte der neue Test korrekt vorhersagen, ob typische Alzheimer-Veränderungen vorlagen. Auch zwei weitere Biomarker – GFAP (zeigt Entzündungsreaktionen im Gehirn an) und NfL (ein Hinweis auf Nervenzellschäden) – ließen sich zuverlässig nachweisen. Test lässt sich einfach durchführen : Die Teilnehmer konnten nach einer Einweisung ihre eigenen Fingerstichproben erfolgreich entnehmen. Die Proben können anschließend ohne Kühlung oder vorherige Verarbeitung an Labore geschickt werden. Nicholas Ashton, Studienleiter und Direktor des Banner's Fluid Biomarker Program, erklärt in einer Mitteilung: "Dieser Durchbruch könnte die Art, wie wir Alzheimer erforschen, grundlegend verändern. Denn er beweist, dass die gleichen Biomarker, die Ärzte verwenden, auch durch einen einfachen Fingerstich zu Hause oder in abgelegeneren Gemeinden gemessen werden können." Damit sei ein wichtiger Schritt getan, um Menschen mit Alzheimer besser zu behandeln, bevor Symptome auftreten, erklärt er weiter. Denn je früher Alzheimer erkannt wird, desto besser lässt sich der Verlauf mit Medikamenten oder Lebensstiländerungen beeinflussen. Ab April 2026 : Diese Patienten übersieht das neue Krebs-Screening Drei neue Impulse : Warum Kreuzworträtsel nicht reichen, um das Gehirn fit zu halten Paradigmenwechsel für die Forschung Auch für die Forschung sei der Test ein wichtiger Meilenstein, denn er vereinfacht die Teilnahme an Alzheimer-Forschungsprojekten auch in abgelegenen Gegenden und bei bisher unterrepräsentierten Menschen. Anne Corbett, Demenzforscherin an der University of Exeter, schreibt: "Wir bewegen uns auf eine Zukunft zu, in der jeder Mensch, überall, dazu beitragen kann, unser Verständnis von Hirnerkrankungen zu erweitern. Dies ist nicht nur ein technischer Fortschritt – es ist ein Paradigmenwechsel in der Art und Weise, wie wir neurowissenschaftliche Forschung betreiben." Doch damit nicht genug. Denn die Methode bietet nach Angaben der Studienautoren auch vielversprechende Anwendungsmöglichkeiten in der Forschung jenseits von Alzheimer, beispielsweise bei Studien zu Parkinson , Multipler Sklerose (MS), Amyotropher Lateralsklerose (ALS) und Hirnverletzungen. Denn das nachweisbare NfL sei auch für diese neurodegenerativen Erkrankungen ein wichtiger Biomarker. Noch nicht für die Arztpraxis Trotz der vielversprechenden Ergebnisse bleibt eines klar: Der Test ist derzeit noch nicht für den klinischen Einsatz geeignet. Die Forschenden betonen, dass noch weitere Studien nötig sind, um die Methode zu verbessern und ihre Zuverlässigkeit zu erhöhen. Auch zeigte sich, dass bei 15 bis 25 Prozent der Proben die Blutentnahme nicht optimal gelang – etwa, weil zu wenig Blut floss. Und: Einer der wichtigsten Alzheimer-Biomarker – das Protein Amyloid-beta42 – ließ sich aus dem getrockneten Fingerblut bislang nicht zuverlässig messen. Das schränkt die Aussagekraft des Tests ein.