Gegen die Schweiz und Ghana will Deutschland die Weichen für eine erfolgreiche WM stellen. Doch ist der Kader stark genug für den Titel? Schweiz, Ghana, Finnland, USA: Das sind die vier Gegner der deutschen Nationalmannschaft bis zum Start der WM. Vier Partien, in denen Bundestrainer Julian Nagelsmann alle offenen Fragen klären kann. Welche Elf ist die Beste? Wie gut ist die Nationalmannschaft? Und kann Deutschland Weltmeister werden? Einer, der sich mit Weltmeisterschaften gut auskennt, ist Gerald Asamoah. Der Ex-Nationalstürmer stand sowohl 2002 als auch 2006 im DFB-Kader, war Teil des "Sommermärchens". Inzwischen hat Asamoah seine Karriere beendet und die Seiten gewechselt, arbeitete zuletzt als Teil des Managements bei Schalke 04 . Mit der Erfahrung als Trainer und Funktionär blickt Asamoah auch genau auf den DFB-Kader – und auf heiß diskutierte Spieler wie Leroy Sané oder Antonio Rüdiger . t-online: Herr Asamoah, wer ist heute der Gerald Asamoah im deutschen Kader? Gerald Asamoah : Das ist hart ( lacht ). Da muss ich noch einmal auf den Kader schauen. Deniz Undav macht mehr Tore als ich, ist aber nicht schneller. Vielleicht Lennart Karl ( lacht ). Spaß beiseite, es ist schwierig. Meinen Spielertypen gibt es wahrscheinlich nicht mehr so richtig. Der Fußball hat sich schon verändert. Wenn Sie sich entscheiden könnten: Würden Sie lieber in der heutigen Zeit spielen? Ich würde nicht tauschen wollen, denn die Zeit war sehr schön. Der Fußball war ein anderer, noch nicht ganz so dynamisch wie heute, aber auch schon schnell. Inzwischen sind die Jungs noch professioneller, achten sehr auf ihren Körper und ihre Ernährung. Wir haben damals schon aufgepasst, aber einen Ernährungsberater oder etwas Vergleichbares hatten wir nicht. Blicken wir auf den aktuellen DFB-Kader. Aus Ihrer Sicht als Ex-Spieler, gleichzeitig aber auch mit Ihren Erfahrungen als Manager, welche Stärken und Schwächen sehen Sie? Wenn wir auf Spiele wie gegen Portugal in der Nations League schauen, dann sehen wir, dass der erste Anzug sitzt. Wenn wir uns aber mit Ländern wie Spanien vergleichen, dann müssen wir feststellen, dass die auch einen zweiten Anzug haben. Der fehlt uns etwas, ist aber notwendig. Wenn Joshua Kimmich rausmuss, dann brauchst du einen Ersatz und Spieler, die du reinbringen kannst, bei denen du weißt, die können das Spiel verändern. Wir haben schon gute Jungs, so ist es nicht. Andere Länder sind uns in diesem Punkt nur etwas voraus. Wenn Sie sich einen Spieler einer anderen Nation aussuchen könnten, der ab sofort für Deutschland spielt, wer wäre das? Rodri von Spanien. Wenn du den beispielsweise neben einem Joshua Kimmich hast, was wäre das für ein Mittelfeld? Rodri ist ein Gamechanger. Man hat bei Manchester City gesehen, wie das Team gelitten hat, als er verletzt war. Auch bei der EM 2024 mit Spanien, da war er mit seiner Leistung und seiner Persönlichkeit eine Schlüsselfigur für den Titel. Solch ein Spieler würde gut bei uns reinpassen. Neben dem Sportlichen ist in einem Kader auch wichtig, was abseits des Rasens passiert. Worauf kommt es da Ihrer Meinung nach an? Das ist ein guter Punkt. Bei einer WM brauchst du einen Kader, bei dem es insgesamt einfach passt. Da müssen auch unbequeme Entscheidungen getroffen werden. Bei uns war es 2006 Kevin Kuranyi , der vorher viele Tore geschossen hat. Aber Jürgen (Klinsmann, Anm. d. Red. ) hat sich für Mike Hanke entschieden. Weil er sich dachte, mit Kevin könnte es aufgrund der Konkurrenz etwas Stress geben, wenn er nicht so viel spielt. Und du musst als Trainer auch darauf achten, Spieler dabeizuhaben, die gute Stimmung verbreiten und sie hochhalten, auch wenn sie vielleicht nicht so viel spielen. Wenn du einen Stinkstiefel in der Mannschaft hast, kannst du Probleme bekommen. Jürgen wusste beispielsweise, dass ich im Training Gas gebe, auch wenn ich nicht spiele. Es kommt auf eine gute Mischung an. Das hat uns bei der WM 2006 getragen. Welche Rollen gibt es denn, die Spieler bei solch einem Turnier einnehmen können – und was war Ihre Rolle 2006? Das ist immer davon abhängig, wie sich eine Mannschaft vorbereitet. Bei uns war damals im Bus jeder für sich und hat Musik gehört, aber Jürgen Klinsmann wollte etwas ändern. Er wollte, dass wir vor dem Training oder auch beim Krafttraining gemeinsam Musik hören. Jürgen kam dann auf mich zu und hat gesagt: "Gerald, du bist der DJ." Er wollte jemanden haben, der etwas Ahnung von Musik hat und einen iPod mitbringen kann. Dann brauchst du auch immer einen Motivator. Jürgen kam zum Beispiel einmal kurz vor einem Spiel auf mich zu und sagte: "Asa, kannst du heute kurz vor der Mannschaft etwas sagen?" Dafür musst du auch die Typen haben. Ich denke da heute an Pascal Groß, der dabei ist und die Erfahrung hat. Der mit den Jungs redet, obwohl er nicht spielt. Das sind Spieler, die nicht sauer sind, wenn sie mal nicht auf dem Platz stehen, sondern einfach als Gemeinschaft Erfolg haben wollen. Julian Nagelsmann betont auch regelmäßig, wie wichtig die richtigen Rollen für die richtigen Spieler sind. Du lernst als Trainer deine Spieler kennen und merkst, ob das jemand ist, der Stress macht, wenn du ihn auf die Bank setzt, oder ob er sich freut, dabei zu sein. Ich habe letztens auch ein Interview mit Leroy Sané gesehen, der sagt, dass er froh ist, wenn er dabei ist, und auch von der Bank den Jungs Energie geben würde. Wenn Leroy so einen Satz sagt, dann weißt du: Er hat es verstanden. Wie früh kannten Sie 2006 Ihre Rolle im Team? Bei uns war das nicht vorab geklärt. Der Trainer hat mich angerufen und mir meine Nominierung mitgeteilt, aber er hat nicht gesagt, wie viel ich auf dem Platz stehen werde. In der Vorbereitung hat der Trainer aufgezeigt, wie er spielen will. In seiner Vision haben vor allem Lukas (Podolski) und Miro (Klose) gespielt, was auch funktioniert hat. Ich glaube, er wollte jeden Stürmertyp mitnehmen, um für alles vorbereitet zu sein. Er hat mir im Voraus des Turniers nie gesagt: "Asa, du sitzt auf der Bank." Sondern es war einfach so, dass die beiden es im Sturm gut gemacht haben, und dann musste ich eben auf meine Chance warten. Ein Spieler, dem die Bank drohen könnte, ist Antonio Rüdiger, der lange gesetzt war und zu den Vizekapitänen der Mannschaft gehört. Welche Meinung haben Sie dazu? Erst einmal ist es wichtig, dass eine klare Kommunikation stattfindet. Bei uns gab es eine ähnliche Situation mit Oliver Kahn , der auf die Bank musste. Das war eine Riesensache damals. Das Wichtigste wird sein, dass es Tah und Schlotterbeck in der Innenverteidigung gut machen. Antonio war lange verletzt, ist jetzt wieder da und spielt gut. Wir hoffen natürlich, dass alle gesund bleiben und niemand gesperrt wird, aber wenn es im Verlauf des Turniers so kommt, dann muss Antonio da sein. Solange eine gute Kommunikation zwischen dem Bundestrainer und den Führungsspielern stattfindet, sollte das kein Problem sein. Aber wenn der Bundestrainer Entscheidungen trifft, ohne mit den Spielern zu reden, dann kann das die Stimmung in der Mannschaft zerstören. Du verlierst damit nicht nur den Spieler, sondern auch seine Mitspieler, denn er hat auch Freunde in der Mannschaft. Am Ende geht es um Menschenführung. Du musst vor allem die Führungsspieler mitnehmen. Ich denke, dass der Bundestrainer weiß, wie er da vorgehen muss, und er wird mit Rüdiger auch schon gesprochen haben. Wie blicken Sie auf den deutschen Sturm? Der Bundestrainer hat vor allem drei technisch starke Spieler nominiert. Einen Stürmertyp wie Sie, der viel über Dynamik und Wucht kommt, gibt es eher nicht. Entscheidend wird sein, wie der Trainer spielen lassen will. Was ich sehr gut finde, dass der Bundestrainer einen Spieler wie Nick Woltemade nicht fallen lässt, auch wenn er aktuell nicht so gut drauf ist. Wir wissen alle, was der Junge abrufen kann. Er ist ein großer Spieler, vielleicht kein kopfballstarker, aber er kann dir trotzdem Bälle festmachen. Kai Havertz ist ein spielender Stürmer, der nicht die ganze Zeit vorn stehen bleibt, der sich viel bewegt und auch über die Außen kommen kann. Und dann hast du noch Deniz Undav, der ist vielleicht nicht der größte oder schnellste Stürmer, aber wenn der Ball im Strafraum ist, dann ist er da. Ich finde die Mischung sehr gut. Wir haben die Besten mitgenommen. Aber ein klassischer Abschlussstürmer, wie es Niclas Füllkrug oder Tim Kleindienst im vergangenen Jahr waren, fehlt dem deutschen Kader schon. Jüngere Optionen wie Nicolo Tresoldi werden wohl erst nach der WM ein Thema. Deshalb ist Undav so wichtig. Er ist ein einfach ein Stürmer, der Tore schießt. Das zeigt er beim VfB Woche für Woche. Undav hat auch das nötige Selbstvertrauen eines Stürmers und zeigt das auch nach außen. Das hat er sich erarbeitet. Er hat sich am Anfang vielleicht etwas schwergetan, auch beim VfB. Aber jetzt ist er voll drin. Das Gleiche gilt für die Nationalmannschaft, auch da hatte er solche und solche Phasen. Aber er bringt einfach dieses Paket mit, dass er ein Stürmer ist, den du immer reinbringen kannst und der immer für ein Tor gut ist. Wenn wir gegen eine tiefstehende Mannschaft spielen, viele Bälle in den Strafraum bringen, aber keiner wirklich da ist, dann ist er derjenige, der den Unterschied machen kann. Der richtig steht und die Bälle reinmacht. Eine Chance, das unter Beweis zu stellen, hat Undav in den kommenden Länderspielen. Wie wichtig sind denn diese Tests gegen die Schweiz und Ghana vor dem großen Turnier? Die sind enorm wichtig, weil jeder Spieler sich seinen Platz im WM-Kader erkämpfen will. Die Neuen haben die Chance, sich zu zeigen, und der Bundestrainer kann einen Eindruck von ihnen gewinnen. Gleichzeitig muss sich Julian Nagelsmann einige Fragen stellen. Wie viel setze ich die Topspieler ein, die danach für wichtige Ligaspiele fit sein müssen? Wie sehr teste ich die neuen Spieler? Diese Tests sind wichtig, damit sich eine Mannschaft auch Selbstvertrauen holt. Weil wir alle wissen, was passiert, wenn Deutschland gegen Ghana verliert. Dann wird draufgeballert. Aber es gibt auch Gegenbeispiele von Mannschaften, die in der Vorbereitung alles gewinnen und dann im Turnier früh ausscheiden. Glauben Sie denn, dass der WM-Kader schon weitestgehend steht? Seine erste Elf hat der Bundestrainer schon im Kopf, davon bin ich überzeugt. Und dann wird er eine Schattenmannschaft haben für den Fall, dass jemand ausfällt. Jetzt muss der Bundestrainer in diesen Testspielen schauen, wer sich noch empfiehlt und wer zeigt, dass er auch für die großen Spiele bei einer WM bereit ist. Nick Woltemade kann diese Tests auch dafür nutzen, Selbstvertrauen zu sammeln, um das mit nach Newcastle zu nehmen, um dort dann auch wieder mehr zu spielen. Die Testspiele vor einem Turnier werden auch gerne genutzt, um sich gezielt auf Gruppengegner vorzubereiten. Ghana ist wie die Elfenbeinküste eine westafrikanische Mannschaft. Welche Parallelen sehen Sie zwischen den Teams? Sie haben beide die afrikanische Mentalität, spielen Fußball mit viel Härte. Das musst du als deutsche Mannschaft kennenlernen. Ghana zählt zu den besten afrikanischen Nationalmannschaften, spielt oben mit. Sie haben auch einige gute Spieler, Mohammed Kudus zum Beispiel, auch wenn er gegen Deutschland verletzt ausfällt. Oder Thomas Partey, auch wenn der aktuell ein paar Probleme hat. Andererseits ist es für einige Spieler besonders, gegen Deutschland zu spielen und sich zeigen zu können. Benjamin Asare, der Torwart, ist beispielsweise schon etwas älter und spielt noch in Ghana. Die Jungs werden brennen. Und auch für Otto (Addo, Anm. d. Red. ) ist das die erste Partie gegen Deutschland. Otto ist heiß auf das Spiel. Zum Abschluss: Wie geht das Spiel gegen Ghana aus und wie weit kommt Deutschland bei der WM? In meiner Brust schlagen zwei Herzen, aber es ist ein Heimspiel für Deutschland, daher tippe ich 3:1. Und zur WM … Das ist schwer. Ich muss noch den finalen Kader abwarten ( lacht ). Aber lassen Sie es mich so sagen: Die Gruppenphase müssen wir überstehen, und ins Viertelfinale solltest du schon kommen.