Bundestrainer Julian Nagelsmann hat seinen Kader für die letzten WM-Tests nominiert. Dabei verfolgt er ein anderes Prinzip als noch bei der Heim-EM. Rund zweieinhalb Wochen ist es her, da rüttelte Julian Nagelsmann Fußball-Deutschland unsanft wach. In einem Interview mit dem "Kicker" skizzierte der Bundestrainer überraschend genau seine Pläne für die Fußball-WM im Sommer und ließ auch hinsichtlich des Kaders für die letzten Testspiele im März bereits tief blicken. Es werde Entscheidungen geben, "die vermutlich nicht auf supergroßes Verständnis stoßen. Nicht beim Spieler, aber auch nicht in der breiten Öffentlichkeit", so seine markige Ankündigung. Jetzt hat Nagelsmann seinen Kader für die Spiele gegen die Schweiz (27. März) und Ghana (30. März) bekannt gegeben und seine Ankündigung wahr gemacht. Vor allem drei Nominierungen werfen Fragen auf und legen nahe, dass Nagelsmann für die WM eine andere Herangehensweise verfolgt als noch bei der Heim-EM vor zwei Jahren. Damit geht er ins Risiko. Leon Goretzka ist plötzlich wieder da Schon vor der Europameisterschaft vor zwei Jahren erregte die Personalie Leon Goretzka viel Aufsehen – damals allerdings, weil der Bayern-Star keinen Platz im Turnierkader fand. Zwei Jahre später hat sich die Situation völlig verändert. Goretzka ist nicht nur zurück im DFB-Kader, Nagelsmann ließ in seinem "Kicker"-Interview sogar durchblicken, dass der 31-Jährige bei der WM wohl eine tragende Rolle bekommen soll. Begründet hatte Nagelsmann das mit dem etwas offensiveren Profil, das Goretzka im Gegensatz zu anderen verfügbaren Spielern auf seiner Position mitbringe, und mit seinen guten Leistungen in der Schlussphase der WM-Qualifikation, vor allem beim 1:0-Sieg gegen Nordirland. Überraschend kommt die Goretzka-Entscheidung dennoch. Immerhin hat er beim FC Bayern aktuell nur die Rolle des Ergänzungsspielers, findet sich die meiste Zeit auf der Bank wieder. Die Tatsache, dass der deutsche Rekordmeister den im Sommer auslaufenden Vertrag Goretzkas nicht verlängern wird und ihn damit vom Hof jagt, sagt vieles über dessen Stellenwert in der Mannschaft aus. Mit einer tragenden Rolle im DFB-Team, der Eliteauswahl des Landes, passt das kaum zusammen. Immerhin schränkte Nagelsmann am Donnerstag ein, seine Aussagen aus dem "Kicker"-Interview seien kein "Freifahrtschein" gewesen. "Ich habe gesagt, er hat gute Chancen zu spielen", so der 38-Jährige. "Spielen heißt auch zwei Minuten." Mit seinen Aussagen habe er Goretzka die Sicherheit vermitteln wollen, nicht um einen WM-Platz zittern zu müssen. Natürlich müsse er bei Bayern Minuten sammeln, um auch für eine WM bei hohen Temperaturen fit zu sein. Dennoch lässt Nagelsmann für Goretzka mit Angelo Stiller einen defensiven Mittelfeldspieler außen vor, der bei seinem Verein VfB Stuttgart unangefochtener Stammspieler ist und dabei durchaus nicht nur als defensiver Abräumer fungiert, sondern auch im Offensivspiel die Strippen zieht. Auf einmal ist Lennart Karl doch gut genug Erst im vergangenen Sommer schaffte Lennart Karl beim FC Bayern München den dauerhaften Schritt zu den Profis. In Abwesenheit des langzeitverletzten Jamal Musiala spielte der damals erst 17-Jährige groß auf. Mit seinen Dribblings und seiner Treffsicherheit begeisterte er Fußball-Deutschland. Bei der letzten Nominierung im vergangenen November ignorierte Nagelsmann den Hype dennoch. Karl musste sich mit einem Platz bei der U21 begnügen. Schon im Zusammenhang mit Kölns Jungstar Saïd El Mala und dessen Nicht-Nominierung hatte Nagelsmann betont, er sei kein Fan von einem derartigen Wirbel um einen jungen Spieler. Karls erste Nominierung kommt nun jedoch ausgerechnet nach einer Phase, in welcher der nun 18-Jährige ein kleines Formtief zu durchschreiten hatte. Seine Torquote aus der Frühphase der Saison brach ein, seine Einsatzzeit bei den Bayern litt auch unter der Rückkehr Musialas. Dass genau jener Musiala jetzt jedoch einen gesundheitlichen Rückschlag erlitten hat und geschont werden soll, dürfte dabei auch zu Karls Nominierung für das DFB-Team beigetragen haben. Der Zeitpunkt überrascht dennoch. Streitfall Leroy Sané Leroy Sané stellt im DFB-Kontext schon seit Jahren eine Reizfigur dar. Der fraglos mit einem riesigen Talent ausgestattete Flügelstürmer konnte seine Qualitäten in der Nationalmannschaft zu selten zeigen. Eine angeblich lustlose Körpersprache war darüber hinaus häufiger Thema in der öffentlichen Diskussion. So wurde Sané schnell zum Sündenbock für die schlechten Leistungen des DFB-Teams in der jüngeren Vergangenheit. Nach seinem Wechsel vom FC Bayern zu Galatasaray Istanbul und damit in eine Liga, die nicht zur europäischen Eliteklasse gehört, stimmte auch Nagelsmann in die kritischen Stimmen mit ein. In der qualitativ schlechteren Spielklasse müsse Sané nun noch mehr herausstechen, um einen Platz in der Nationalmannschaft zu haben, lautete seine öffentliche Ansage. Schon im November folgte dann allerdings die Rolle rückwärts. Obwohl Sané in der Türkei zwar solide, aber keinesfalls herausragende Leistungen zeigte, nominierte Nagelsmann ihn für die letzten beiden WM-Qualifikationsspiele. Auch hier begründete er es mit Sanés Spielstil, bekräftige erst kürzlich im "Kicker" noch mal: "Wir haben von seinem Profil nicht viele Spieler, die oft ins Zentrum gehen vom rechten Flügel. Wenn die Gesundheit mitspielt, kann er für uns ein ganz wichtiger Spieler sein." Zumindest in den November-Spielen zahlte Sané das Vertrauen mit starken Leistungen zurück, doch die Zweifel bleiben. Nagelsmann selbst gab zu: "So ehrlich sind wir: Wir wissen bei ihm nie zu 100 Prozent, was am Ende auf den Platz kommt." Sanés erneute Nominierung fällt zudem in eine Phase, in der seine Rolle bei Galatasaray an Bedeutung eher schrumpft als wächst. In der Champions League kam er zuletzt kaum zum Einsatz. Mit Nagelsmanns Ansage aus dem Sommer ist die Nominierung deshalb schlecht vereinbar. Während Nagelsmann vor der Heim-EM vor zwei Jahren noch das bedingungslose Leistungsprinzip ausrief und dafür viel Lob bekam, zeigen die drei Beispiele, dass er von diesem Kurs inzwischen abgerückt ist. Seine Gründe dafür hat der Bundestrainer jeweils kundgetan, er setzt den Fokus mittlerweile mehr auf Spielertypen. Indem er von dem beliebten Kurs des Leistungsprinzips abweicht, macht sich Nagelsmann dennoch angreifbar. Er muss möglichst schnell beweisen, dass seine Strategie Früchte tragen kann. Sollten die beiden letzten Tests vor der WM also negativ verlaufen, könnte die Stimmung gegen den Bundestrainer umschlagen.