Dubai: Influencer schweigen über Raketen – das steckt dahinter

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Raketen, Drohnen, Zensur – und trotzdem alles super: Deutsche Influencer in Dubai zeigen sich unbeeindruckt. Der Grund dafür ist wenig schmeichelhaft. Wir schreiben das Jahr 2012. Ich sitze am Flughafen Frankfurt , auf dem Weg nach Israel . Mein Telefon klingelt. Es ist meine Mutter. Die mich zu Beginn meiner Tätigkeit als Kriegs- und Krisenreporterin, als die ich hier nun sitze, um eines gebeten hatte: "Erzähl mir nie, wo du hin musst. Ich mache mir sonst zu viele Sorgen." Natürlich hat sie das in den gut zwölf Monaten, die ich zu diesem Zeitpunkt den Job schon mache, nicht durchgehalten. Natürlich schaut sie fern, natürlich ruft sie an, natürlich will sie wissen, wo ihr Kind ist und wie es mir geht. Als ich nun drangehe, wäge ich trotzdem sehr sorgfältig ab. Denn dort, wo ich hinfliege, heulen Sirenen, müssen Menschen in den Schutzraum. Aus Gaza fliegen wieder Raketen, und dieses Mal reichen sie bis Tel Aviv . Ich beschließe, von mir aus lieber erst mal nichts zu erzählen und nur auf Fragen zu antworten, begrüße meine Mutter und gewinne Zeit mit der Frage, wie es ihr geht. Dann platzt aber eine Durchsage an meinem Gate in unser Gespräch: Der Flug nach Tel Aviv verzögert sich, weil der Luftraum aufgrund von Raketenalarm gesperrt sei. Das Telefonat besteht von nun an darin, dass ich meine Mutter beruhige und auf das hervorragende Raketenabwehrsystem der Israelis hinweise. Nichts ist perfekt auf dieser Welt Tatsächlich werden die folgenden Tage, die ich in Israel arbeite, immer wieder von einem martialischen Ritual unterbrochen: Die Sirenen ertönen, wir unterbrechen sofort unsere Arbeit, begeben uns in den Schutzraum und horchen. Horchen auf den Knall, der signalisiert: Der "Iron Dome", der israelische Schutzschirm, hat wieder erfolgreich gearbeitet und die Geschosse der Terroristen der Hamas abgefangen. Man gewöhnt sich erstaunlich schnell daran. Bin ich die ersten Male noch ängstlich, wenn ich das Heulen höre, das die Gefahr ankündigt, werde ich mit der Zeit doch vertrauter mit der Situation und dadurch ruhiger. So wie die Menschen um mich herum auch. Niemand ist panisch. Trotzdem sind sich alle der Tatsache bewusst, dass es gefährlich ist. Halten sich an die Regeln und verwechseln Gewöhnung nicht mit Abstumpfung oder gar Leichtsinn. Es herrscht Krieg. Das sind keine Silvesterraketen, die da abgefeuert werden. Sondern tödliche Geschosse. Und "Iron Dome" ist super, aber nichts auf dieser Welt ist perfekt. Ein Narr, wer das nicht weiß. Das ist völliger Schwachsinn Wer sich momentan die zahlreichen Social-Media-Posts der berühmten deutschen Dubai-Influencer ansieht , könnte meinen, da wäre alles wie immer: super Sonne, super Laune – nur halt zwischendurch mit Drohnen und Raketen aus dem Iran . Aber ist ja nicht so schlimm, weil die regierenden Scheichs passen ja gut auf alle auf. Das ist natürlich völliger Schwachsinn, und das wäre es auch, wenn sich erstens diese Videos nicht in Form und Inhalt bestechend ähnelten. Und es zweitens für die Situation nicht auch angemessenere Posts gegeben hätte – von zum Teil denselben Influencern, die nur noch eine lustige Melodie pfeifend und durch die sonnige Kulisse des Wüstenstaates (natürlich vor der Kamera) flanierend vom nächsten Geschoss entfernt sind. Solche nämlich, in denen sie ihre Sorge kommunizierten. Kurz davor, sie anzuzeigen Das ist Schnee von gestern. Warum? Tja. Wie einige Medien berichten, postete die Influencerin Zara Secret in ihrer Story, sie habe alles wieder löschen müssen. Genau diese Erklärung aber gibt es auch nicht mehr. Kann daran liegen, dass Storys sich nach 24 Stunden sowieso automatisch löschen. Kann aber auch daran liegen, dass man besser schnell löscht, wenn man zugibt, schnell gelöscht haben zu müssen. Umso plumper sind jetzt die neuen Verlautbarungen. "Du lebst in Dubai . Hast du keine Angst?", ist in diesen Posts zu lesen; und als Nächstes: "Nein, weil ich weiß, wer uns beschützt." Und dann erscheint im folgenden Bild nicht etwa eins von einem Raketenabwehrsystem. Nein, zu sehen ist Scheich und Dubai-Herrscher Muhammad bin Raschid Al Maktum. Unterlegt ist all das mit meditativer Musik. Als wäre er Papa Schlumpf, der Zauberer Gargamel persönlich davon abhalten muss, die Schlümpfe zu fangen. Ich bin kurz davor, alle Influencer, die so dumm sind, uns alle für so dumm verkaufen zu wollen, anzuzeigen. Sie müssen nur eines versichern Aber das ist der Deal. Egal, wie platt, egal, wie offensichtlich die Zensur (oder Selbstzensur, man weiß es nicht) zu erkennen ist: Das ist der Preis, den diejenigen, die auf ihren Kanälen viel Geld verdienen, indem sie zum Beispiel Produkte anpreisen, gerne zu zahlen bereit sind. Sie sind nicht Narren genug, um den Fehler zu machen, sich ihr Visum zu versauen. Allzu gerne wollen sie weiter in Dubai wohnen, arbeiten und im Vergleich etwa zu Deutschland sehr kommode Steuern zahlen. Im Gegenzug dazu müssen sie dem Staat nur eines versichern: die Klappe zu halten.
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