Die Bundesregierung möchte die Elementarschutzversicherung zur Pflicht machen. Einzelheiten sind noch unklar. Die Umweltorganisation Urgewald hat klare Vorstellungen und will auch die Industrie stärker in die Pflicht nehmen. In der Debatte über die Einführung einer Pflichtversicherung gegen Hochwasser- und andere Elementarschäden spricht sich die Umweltorganisation Urgewald für eine Orientierung am französischen Modell aus. "Das dortige System zeigt, wie eine kostengünstige, solidarische und gleichzeitig stabile Absicherung gegen zunehmende Klimaschäden aussehen soll", sagt Urgewald-Campaignerin Anna Lena Samborski und verweist auf die hohe Absicherungsquote im westlichen Nachbarland. 98 Prozent der Gebäude sind in Frankreich gegen Überschwemmungen oder Starkregen versichert. Zum Vergleich: In Deutschland verfügen zwar 96 Prozent der Hausbesitzer über eine Gebäudeversicherung. Diese versichert aber nur Schäden durch Blitzschlag, Hagel, Feuer und Leitungswasser. Eine Elementarversicherung, die Hochwasser absichert, haben nur rund 57 Prozent der Hausbesitzer. Regelmäßig musste in der Vergangenheit der Staat einspringen und betroffene Hausbesitzer entschädigen: So stellten Bund und Länder nach der verheerenden Ahrtal-Flutkatastrophe 2021 insgesamt 30 Milliarden an Soforthilfen zur Verfügung. Um dieses "Samariterdilemma" zukünftig zu vermeiden, will die Bundesregierung eine Pflichtversicherung gegen Elementargefahren einführen . Die genaue Ausgestaltung ist bislang aber unklar. Wohngebäudeversicherung Elementarversicherung Derzeit in Deutschland nicht versicherbar Brand Starkregen Sturmflut Blitzeinschlag Überschwemmungen Grundwasser (Eintritt von unten) Explosion Rückstau Schäden durch Leitungswasser Schneedruck Sturm Lawinen Hagel Erdrutsch Erdsenkungen Erdbeben Vulkanausbruch So funktioniert das französische Modell Das seit 1982 bestehende französische "regime catastrophe naturelle", kurz "CatNat"-System, zeige, "wie ein solidarisches Modell auch in Deutschland aussehen könnte", schreibt Urgewald in einer Pressemitteilung. Die Elementarversicherung ist in Frankreich ein verpflichtender Bestandteil aller Hausrat-, Wohngebäude- und Kfz-Versicherungen. Die Höhe der Versicherungsprämie ist dabei staatlich festgelegt: Die jährliche Durchschnittsprämie beträgt rund 42 Euro für den Elementarschutz. In Deutschland bemisst sich die Höhe der Prämie indes am individuellen Risiko, sprich: an der Lage des Hauses. Vor allem Menschen in Risikogebieten zahlen daher sehr hohe Beiträge für ihren Versicherungsschutz, sofern sie diesen überhaupt bekommen. Abgesichert wird das System in Frankreich über den öffentlichen Rückversicherer Caisse Centrale de Réassurance (CCR). Ein eigens eingerichteter Fonds, in denen Teile der Versicherungsprämien fließen, finanziert zudem Präventionsmaßnahmen, etwa den Bau von Deichen. Die deutschen Versicherer sehen im "CatNat"-System keine Blaupause für Deutschland. "Das System ist defizitär, das System ist nicht stabil" , hatte die Vize-Hauptgeschäftsführerin des Branchenverbands GDV, Anja Käfer-Rohrbach, 2024 gesagt. Zuletzt hatte auch Frankreich die Versicherungsprämien aufgrund höherer Schäden anheben müssen. Der GDV hatte im vergangenen Dezember ein eigenes System namens "Elementar Re" vorgestellt . Kern des Vorschlags: 400.000 besonders von Hochwasser gefährdete Häuser sollen in einem eigenen Risikopool gebündelt werden. Die Prämien sollen begrenzt bleiben, um so auch Versicherungsschutz in Risikogebieten gewährleisten zu können. Die Mehrkosten zahlt jeder einzelne Versicherte durch einen Zuschlag auf seinen eigenen Beitrag. Versicherungskosten: Naturgefahren in Deutschland: Wo der Schutz am teuersten ist Koalitionsvertrag: Pflicht würde Hausbesitzer Hunderte Euro extra kosten "Das GDV-Modell wäre unsolidarisch und unnötig teuer", kritisiert Samborski. Nur wenige Hausbesitzer würden hiervon profitieren, die vergleichsweise hohen Prämien in Deutschland nicht sinken. Stattdessen sollte sich die deutsche Politik an Modellen wie dem in Frankreich orientieren. Fossile Industrie soll zahlen Gleichzeitig fordert Urgewald, dass die Versicherer die fossile Industrie stärker in die Pflicht nehmen sollten. Diese würde "als Hauptverursacherin der Klimakrise" bislang kaum in den Fokus genommen. So könnten die Versicherer die an ihre Versicherten ausgezahlten Gelder vor Gericht von der fossilen Industrie zurückfordern. Allerdings stehen, so Urgewald, die Versicherer hier vor einem Interessenkonflikt. Denn häufig seien die Unternehmen selbst in Öl- und Gasanbieter investiert oder versicherten deren Anlagen. An die Politik gerichtet, schlägt die Umweltorganisation die Schaffung eines Klimafonds vor. In diesen müssten Unternehmen, die an der Förderung, dem Handel oder der Raffinierung fossiler Brennstoffe beteiligt waren, einzahlen. Das Geld könnte der Staat anschließend für Präventionsmaßnahmen und die Beseitigung von Klimaschäden verwenden und auf diese Weise die Kosten für die Versicherungsnehmer verringern. Als mögliche Vorbilder nennt Urgewalt die "Climate Superfonds" der US-amerikanischen Bundesstaaten New York und Vermont. Bei beiden Fonds ist jedoch noch unklar, wer letztlich in diese einzahlen muss. Beide Bundesstaaten sind zudem aufgrund der Fonds noch mit Klagen konfrontiert. Unklar bleibt auch der Zeitpunkt, wann die Bundesregierung einen Vorschlag zur geplanten Elementarpflichtversicherung vorlegen wird. Auf Nachfrage von t-online erklärte ein Sprecher des federführenden Bundesjustizministeriums, dass das Ministerium derzeit an einer Umsetzung der im Koalitionsvertrag getroffenen Vereinbarungen arbeite. "Dabei ist uns wichtig, dass weder die Hauseigentümerinnen und Hauseigentümer noch die Mieterinnen und Mieter finanziell überfordert werden." Weitere Details will das Ministerium derzeit nicht mitteilen.