Erbschaftsteuer: Ex-Millionär Sebastian Klein gegen Reiche

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Der Verkauf der Bücher-App Blinkist hat Sebastian Klein mehrere Millionen verschafft. Doch dann gab er fast sein gesamtes Privatvermögen ab. Im Interview erklärt er, was ihn dazu bewogen hat und was er von der Idee hält, die Besteuerung von Erbschaften zu ändern. Die SPD will die Erbschaftsteuer reformieren und hat damit eine Debatte losgetreten: Wann wird eine Abgabe zur "Belastung", wann ist sie schlicht eine Frage der Fairness? Unternehmerverbände warnen vor Schäden für den Mittelstand , Teile der Union sprechen von "toxischen" Plänen. Sebastian Klein hält dagegen. Der Mitgründer der App Blinkist war selbst Multimillionär, gab aber 90 Prozent seines Vermögens ab, um den Investmentfonds Karma Capital zu gründen. Dieser soll Geld für gemeinnützige Zwecke bereitstellen. Klein engagiert sich zudem bei "taxmenow", einer Initiative für mehr Steuergerechtigkeit, und unterzeichnete einen Aufruf, in dem Vermögende höhere Steuern auf Erbschaften fordern. Freibeträge im Erbfall: So viel Geld können Sie steuerfrei erben Im Interview mit t-online erklärt Klein, warum er den Vorstoß der SPD für einen guten Anfang hält, welche Mythen er in der Debatte sieht und wieso extreme Vermögen aus seiner Sicht die Demokratie gefährden. t-online: Herr Klein, wie finden Sie es, dass eine Regierungspartei jetzt ankündigt, die Erbschaftsteuer reformieren zu wollen? Sebastian Klein: Ich freue mich natürlich, dass die SPD diesen Vorschlag gemacht hat. Das ist eine sehr gute Diskussionsgrundlage. Die Union und manche Wirtschaftsverbände sehen das anders . So sagte etwa Arbeitgeber-Präsident Rainer Dulger, es sei "völlig kontraproduktiv" diese Debatte in der aktuellen wirtschaftlichen Lage zu führen. Kommt der Vorstoß zum falschen Zeitpunkt? Nein, das Gegenteil ist der Fall. Deutschland wird seit Jahren von der OECD darauf hingewiesen, dass unsere Wirtschaft aufgrund der ungleichen Vermögensverteilung weniger dynamisch ist, als sie sein könnte. Wenn große Erbschaften gerechter besteuert werden, fließt Geld zurück in die Gesellschaft. Gerade in einer schwierigen wirtschaftlichen Phase kann daraus Wachstum entstehen. Das müssen Sie erklären. Die Erbschaftsteuer fließt in die Länderkassen, daraus werden Bildung und Infrastruktur finanziert. Das Geld kann also in die lokale Wirtschaft investiert werden. Das bedeutet, dass dann auch Menschen gründen und etwas aufbauen können, die nicht reich geboren wurden. Aber was ist mit den Unternehmen, die schon existieren? Die CDU warnt vor einem "Exitus für den deutschen Mittelstand", wenn die Erbschaftsteuer reformiert würde. Es wird immer so getan, als würden dadurch Arbeitsplätze gefährdet. Das stimmt einfach nicht. Ein Beispiel, das die CDU gerade gerne bemüht, ist das der Otto-Familie. Würde man sie im Erbfall stärker besteuern, könnte Otto nicht mehr mit Amazon konkurrieren, heißt es. Das ist eine interessante Behauptung, die allerdings die Realität verkennt: Eine Milliardärsfamilie hat typischerweise sehr viel Vermögen, das nicht in der eigenen Firma gebunden ist, man schüttet sich meist seit Generationen Gewinnen aus, die dann in alles Mögliche investiert werden – vielleicht sogar in Amazon-Aktien. Besteuerung von Superreichen: "Dort liegen die offensichtlichsten Privilegien" Geld, das ich an den Staat abtreten muss, kann ich nicht in meine Firma stecken. Würgen höhere Steuern nicht die dringend benötigten Investitionen ab? Es ist absurd zu glauben, dass Unternehmen dann nicht mehr investieren könnten. Große Unternehmen und ihre Eigentümer bekommen problemlos Kredite. Zu behaupten, eine Erbschaftsteuer gefährde pauschal Investitionen und Arbeitsplätze – das empfinde ich als Frechheit. CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann nannte die SPD-Pläne "toxisch, weil leistungsfeindlich". Erbschaften seien über Generationen durch Leistung erwirtschaftet worden. Was ist falsch daran? Etwas zu erben ist keine Leistung. Die Person, die erbt, hat nichts dafür getan. Wenn ich mir selbst eine Firma aufbauen will, die 20 Millionen Euro wert ist, muss ich über viele Jahre sehr viel arbeiten, Risiken eingehen, mich verschulden – und ich zahle auf jeden verdienten Euro Steuern. Jemand, der hingegen eine Firma geschenkt bekommt, soll nicht einmal auf einen Teil dieses Werts 20 Prozent Steuern zahlen? Das ist doch ein Witz. Ist Erben für Sie so etwas wie ein leistungsloses Einkommen? Ja, so kann man es beschreiben. Wenn wir wirklich von Leistungsgerechtigkeit sprechen wollen, dann müssten wir Erbschaften zu 100 Prozent besteuern, damit es wirklich fair zugeht. Aktuell ist es ein massiver Vorteil im Wettbewerb, wenn man einfach ein Vermögen übertragen bekommt. Ein anderes Argument, dass Unternehmensgewinne schon mal versteuert wurden, trifft doch zu? Zum Argument der Doppelbesteuerung kann ich nur sagen: Das ist ein Denkfehler. Ich sage ja auch nicht im Supermarkt an der Kasse: "Ich hätte gerne die Mehrwertsteuer erstattet, weil ich schon Lohnsteuer bezahlt habe." Zu behaupten, jeder Euro dürfe nur einmal besteuert werden, geht an der Realität vorbei. Aktuell gibt es mehrere Ausnahmeregeln, die dazu führen, dass gerade die größten Erbschaften kaum bis gar nicht besteuert werden. Die obere Mittelschicht muss hingegen durchaus zahlen. Wieso gibt es diese Verschonungsregeln überhaupt und warum empört sich kaum jemand darüber? Die Ausnahmen gehen auf die Lobbyarbeit von Erben der ganz großen Unternehmen zurück. Die wollen natürlich keine Steuern zahlen oder zumindest so wenig wie möglich. Das ist ihr gutes Recht. Was mich daran aber stört: Statt uns ehrlich zu sagen, Milliardäre haben keine Lust, Steuern zu bezahlen, schicken sie Lobbyisten vor, die den Eindruck erwecken, sie sprächen für den Mittelstand und kleine Unternehmen. Der SPD-Vorschlag würde die allermeisten Leute entlasten und sie würden davon profitieren, wenn die Reichsten sich endlich angemessen an der Finanzierung des Gemeinwesens beteiligen würden. Und trotzdem gelingt es wieder, vielen Menschen einzureden, sie seien gemeint, wenn über die Erbschaftsteuer gesprochen wird. In den kommenden Monaten wird mit einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Erbschaftsteuer gerechnet. Die Union fordert, man solle die Entscheidung abwarten. Hat sie da nicht einen Punkt? Überhaupt nicht. Was ist das für ein Regierungsverständnis? Man braucht sich nicht zu wundern, wenn Menschen immer weniger Vertrauen in die Politik haben, wenn sich Verantwortliche nur bewegen, wenn das Verfassungsgericht sie dazu zwingt. Kommentar: Endlich tut sich was bei der Erbschaftsteuer Sie selbst waren mal Multimillionär – dank des Verkaufs der App Blinkist. Dann haben Sie sich aber entschieden, fast ihr gesamtes Privatvermögen abzugeben und gemeinnützigen Zwecken zuzuführen. Wieso das? Zum einen, weil ich das Gefühl hatte, in einer Gesellschaft zu leben, die so ungleich ist, dass ich meinen Reichtum nicht genießen kann. Zum anderen, weil ich Angst um die Demokratie hatte und immer noch habe. Ich wollte den Teil, den ich nicht brauche, einsetzen, um Probleme zu lösen. Bisher habe ich es nicht bereut. Wachen Sie manchmal nachts auf und fragen sich: Warum habe ich das bloß getan? Im Gegenteil: Vorher hatte ich schlaflose Nächte. Reich zu sein in einer Gesellschaft, die so ungerecht ist, fühlt sich an, als sei man Teil des Problems. Diese Sorgen habe ich heute nicht mehr. Warum ist es aus Ihrer Sicht ein Problem, wenn Menschen sehr viel Geld haben? Wir leben in einer Demokratie. Und Demokratie bedeutet: Macht wird begrenzt und verteilt. Wir wollen nicht, dass einzelne Menschen zu viel Macht haben – deshalb haben wir keine Kanzler auf Lebenszeit und komplizierte Verfahren, um politische Macht zu kontrollieren. Wenn aber eine Person auf Milliarden sitzt, ist das eine unglaubliche Menge an Macht. Diese Person kann drohen, Arbeitsplätze zu verlagern. Sie kann sich Zugang zur Politik kaufen. Sie kann Medien kaufen. Sie denken da offenbar an Menschen wie Elon Musk ... Genau. In den USA sehen wir, wohin große Ungleichheit führen kann. Dort sind die Milliardäre so reich geworden, dass sie die Demokratie aushebeln. Das kann auch bei uns passieren. Außerdem wenden sich in einer ungleichen Gesellschaft viele Menschen von der Demokratie ab, weil sie sich nicht repräsentiert fühlen. Das ist ein Nährboden für Parteien wie die AfD . Und die AfD wird wiederum von Menschen mit sehr viel Geld unterstützt , weil sie die reichenfreundlichste Politik im Programm hat. Ehe man sich versieht, hat man wieder eine antidemokratische Regierung. Im Wahlkampf: AfD erhält Millionenspende von Impf-Rebell Im September überraschte Unionsfraktionschef Jens Spahn mit der Aussage, dass auch er die Vermögensverteilung in Deutschland für ein Problem halte . Als mögliche Lösung nannte er eine Reform der Erbschaftsteuer. Könnten Union und SPD hier also doch noch zusammenfinden? Auch in der Union gibt es viele, die das Problem verstanden haben und eine Erbschaftsteuerreform befürworten. Aber gerade die Lautesten sind oft diejenigen, die dagegen sind. Man muss sich auch klarmachen: Was die SPD vorschlägt, wird die Ungleichheitskrise nicht lösen. Sondern? Im Moment wird de facto von unten nach oben verteilt. Der SPD-Vorschlag würde zumindest helfen, diese Umverteilung zu bremsen. Wir brauchen aber deutlich mehr Maßnahmen, um das Problem in den Griff zu bekommen. Angenommen, Sie dürften entscheiden: Wie würden Sie die Erbschaftsteuer reformieren? Die Idee eines Lebensfreibetrags finde ich sinnvoll. Momentan erneuern sich die Freibeträge alle zehn Jahre und Familien können praktisch ab dem nullten Lebensjahr beginnen, Vermögen Stück für Stück zu übertragen. Das ist ein riesiges Privileg. Das SPD-Modell verstehe ich so, dass 99 Prozent der Menschen gar keine Erbschaftsteuer zahlen müssten. Das finde ich zu großzügig. Mindestens die obersten zehn Prozent sollten aus meiner Sicht zur Kasse gebeten werden – nicht erst die Millionäre. Herr Klein, wir danken Ihnen für das Gespräch.
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