Der Fall Fernandes hat eine Debatte über digitale Gewalt ausgelöst. Doch das Problem ist seit Langem bekannt – Politikerinnen und Politiker schauten jahrelang weg. "Wir wollen jetzt nach vorn schauen." Das sagen Politiker immer dann, wenn der Blick zurück auf ein selbst verschuldetes Desaster fallen würde. Lieber nicht über Fehler sprechen, das ist die Devise. Denn dann müsste man ja Verantwortung übernehmen. Konsequenzen ziehen. Lars Klingbeil zum Beispiel, einer der beiden Chefs der eher in die unteren Regionen der Wahlergebnisse blickenden SPD , sprach am Montag davon, man müsse nun nach vorn blicken. Da war die Landtagswahl in Rheinland-Pfalz, seit 35 Jahren von Sozialdemokraten regiert, für die SPD gerade in die Hose gegangen. Zwei Wochen zuvor wiederum hielt die CDU wenig vom Rückspiegel. Sie hatte da gerade einen zwischenzeitlichen Umfragevorsprung von satten 14 Prozent verbaselt und war bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg Zweite geworden. Dieses Gerede vom "Blick nach vorn" ist nichts anderes als Feigheit. Was konstruktiv und dynamisch in die Zukunft gerichtet wirken soll, entlarvt in Wahrheit den Unwillen zur Selbstreflexion. Sich mit eigenen Fehlern und Versäumnissen auseinanderzusetzen. Hier wird versucht, eine Unfähigkeit als Tugend zu verkaufen. Verfahren eingestellt? Fernandes-Ermittlungen werfen Fragen auf Ausweis eines Politikversagens Exakt dieser Reflex ist seit vergangenem Donnerstag in sämtlichen Timelines bestens und in Reinform zu beobachten. Seit der "Spiegel" die Vorwürfe von Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen veröffentlicht hat, übertreffen sich in allen sozialen Netzwerken aktive und ehemalige Vertreter von Regierungsparteien der vergangenen Jahre und Legislaturperioden in ihren tatkräftigen Forderungen nach schärferen Gesetzen gegen digitale Gewalt. Ulmen wird von seiner Ex-Frau Collien Fernandes vorgeworfen, über Jahre Fake-Profile in ihrem Namen erstellt und darüber mit zahlreichen Männern kommuniziert zu haben . Er soll laut Fernandes KI-generierte pornografische Inhalte, die ihr ähnelten, verbreitet haben. Es gilt nach wie vor die Unschuldsvermutung. Um das klarzumachen, wobei es daran ja eigentlich gar keinen Zweifel geben dürfte, außer man gehört der rechten Blase an: Es ist sehr, sehr gut, dass nun endlich was gegen digitale Gewalt passieren soll und ganz offensichtlich auch passieren wird. Dass endlich Zug in die Sache kommt, die jahrelang verschleppt wurde. Aber: All diese entschlossenen Posts sind Ausweis eines Politikversagens. Wer sich nämlich von den flachen Reflexen löst und mal kurz selbstständig nachdenkt, kommt ziemlich flott bei einer Anschlussfrage an. Sie lautet: Was hätte alles verhindert werden können, würde man jetzt nicht so tun, als wäre digitale Gewalt gegen Frauen erst seit vergangenem Donnerstag ein drängendes Thema? Lagebild ist eindeutig Ich weiß nicht, ob man bis hier schon herauslesen konnte, wie wütend mich das macht. Als Frau. Als seit Jahren über digitale Themen berichtende Frau. Als Bürgerin dieses Landes und als glühender Fan unserer Demokratie. Falls nicht, sehen Sie mir nach, wenn ich meine Wut ob der Verlogenheit dieser Debatte in den folgenden, überhaupt nicht damenhaften Satz fasse: Es kotzt mich an. Im November vergangenen Jahres veröffentlichte das Bundeskriminalamt (BKA) das " Lagebild Geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten ". Demnach wurden im Jahr 2023 53.451 Frauen Opfer von Sexualstraftaten. Fast die Hälfte aller Opfer war unter 18. Opfer häuslicher Gewalt wurden 187.128 Frauen. 593 Frauen wurden Opfer von Menschenhandel zum Zweck sexueller Ausbeutung. All diese Delikte weisen einen Anstieg auf. Lediglich die Zahl der gewaltsam getöteten Frauen war im Vergleich zum Vorjahr leicht gesunken, von 340 auf 308. Über zwei Drittel der Getöteten wurden übrigens von ihrem (Ex-)Partner oder einem anderen Familienmitglied oder Freund umgebracht. Den stärksten Anstieg, nämlich um sechs Prozent, verzeichnete der Punkt "digitale Gewalt". 18.224 Frauen waren 2023 davon betroffen. Es ist noch viel schlimmer Wichtig: Die Dunkelziffer ist bei vielen Delikten dramatisch hoch. Häusliche Gewalt zum Beispiel wird laut Experten in nur fünf Prozent der Fälle zur Anzeige gebracht. Heißt: 95 Prozent tauchen in der Statistik gar nicht auf. Und wie oft man auf Polizeiwachen bis heute mit leeren Augen angesehen wird, wenn man potenzielle Verbrechen aus der digitalen Sphäre dort zur Anzeige bringen will, dürfte hinlänglich bekannt sein. Heißt: Das wahre Ausmaß ist noch viel, viel, viel, viel, viel schlimmer und dramatischer als diese Zahlen. Andere Länder sind uns weit voraus Man wusste also schon weit vor der "Spiegel"-Geschichte von diesem Problem. Auch schon lange vor der oben zitierten Statistik. Bevor auch wirklich allen Verantwortlichen klar geworden ist, dass wir es hier mit einem Phänomen zu tun haben, dessen Dimension eine eigene Erhebung erfordert, ziehen nämlich auch noch mal erschreckend lange Jahre ins Land. Wertvolle und verlorene Zeit, in der Länder wie Spanien , Frankreich und Dänemark bereits Gesetze bzw. Strukturen geschaffen haben, die näher am Puls der Zeit sind. Collien Fernandes selbst versucht ja seit Jahren, für die Folgen digitaler Gewalt zu sensibilisieren. Und die "Spiegel"-Geschichte zeigt, wie tief das Problem liegt. Ein großes und sehr altes Problem Die rechte Blase versucht nun nach allen Kräften, Fernandes zu verunglimpfen. Rechte Medien, die Journalismus mit Verächtlichmachung und Menschenverachtung verwechseln, blasen zur Hexenjagd auf Fernandes. Die sogenannte Manosphere, also die Frauenhasser, die sich ohne Herabwürdigung in dieser für sie zu komplizierten und anstrengenden Welt nicht zu helfen wissen und damit auch noch Geld verdienen, wittert hinter allem nun mal wieder die große Verschwörung. Das zeigt, wie ausgeprägt der Hass ist. Er ist ein gesellschaftliches Problem. Ein großes. Ein altes. Deshalb sitzt er auch so tief. Misogynie gab's schon, da gab's noch nicht mal Zeitungen. Hass auf Frauen ist kein neues Phänomen; er ist so alt wie die Menschheit selbst. Dass digitale Tools und Medien auch hier als Brandbeschleuniger wirken, ist dazu im Vergleich zwar ein jüngeres Phänomen – aber kein junges. Und trotzdem hat man es hier nicht für nötig gehalten, angemessen schnell zu reagieren. Diese Art Politik muss endlich aufhören Das alles schreibe ich nicht, weil ich neuerdings dem Stammtischniveau huldige. Sondern weil Lernkurven super sind. Und weil ich ein hoffnungsfroher Mensch bin. Ich befürchte, dass KI nicht das letzte Themenfeld sein wird, in dem erst dann alle aufwachen, wenn mutmaßlich etwas wirklich Schlimmes entweder in gigantischem Ausmaß oder aber in Zusammenhang mit reichweitenstarken Menschen passiert ist. Ich möchte, dass frauenfeindliche, analoge und reaktive Politik endlich aufhört. Dann hätte auch dieser ganze miefige Abgrund, in dem man zum Beispiel bei X schaut und der Fernandes erneut digitale Gewalt antut, weniger Tiefe, weniger Zulauf. Es wird Zeit. Allerhöchste.