Der FC Bayern nimmt den Meistertitel im Vorbeigehen mit und nimmt größere Ziele ins Visier. Vorstandsboss Dreesen zieht dabei einen bemerkenswerten Vergleich. Aus München berichtet Julian Buhl Die Szenerie in der Münchner Arena wirkte am Sonntagabend ein wenig skurril. Der FC Bayern hatte mit dem 4:2-Heimsieg gegen den VfB Stuttgart soeben die 35. Meisterschaft der Klubgeschichte perfekt gemacht. Wer aber ausgelassene Feierstimmung erwartete, suchte die im Stadion vergebens. Auf der Ehrentribüne stießen die Vereinsoberen um Ehrenpräsident Uli Hoeneß und Aufsichtsrat Karl-Heinz Rummenigge zwar wahlweise mit Weißbier (Hoeneß) und Weißwein (Rummenigge) an. Die Spieler aber blieben verhältnismäßig ruhig. Sie hatten sich Arm in Arm vor der Südkurve aufgereiht und hüpften im Rhythmus der Gesänge der Fans. Auch der Porzellan-Kakadu, mit dem die Bayern-Stars seit der vergangenen Saison ihre Titelgewinne zelebrieren, durfte dabei nicht fehlen. Den Höhepunkt der bayerischen Feierlichkeiten bildete zweifellos der Moment, als Cheftrainer Vincent Kompany die Rufe der Fans erhörte und ihnen allein vor seinen Spielern mit geballten Fäusten zujubelte. "Das ist das Bild des Jahres" Das sah Präsident Herbert Hainer genauso. "Ich hab spontan oben gesagt: Das ist das Bild des Jahres, als er vor den Fans stand", sagte Hainer und wiederholte erneut das, was ausnahmslos alle Bayern-Bosse bereits seit Monaten einstimmig sagen: "Vincent Kompany ist wirklich ein Glücksfall für uns. Wie er die Mannschaft führt, welchen attraktiven Fußball wir spielen, was für eine Ruhe er ausstrahlt, das tut den Spielern gut, das tut uns als Verein gut." Kompany selbst sagte: "Ich habe Glück gehabt, in meiner Karriere viele Titel erleben zu dürfen. Aber für mich ist wichtig, dass dieses Gefühl bleibt, dass das der erste Titel ist. Und ich glaube, dieses Gefühl sehen Sie dann in diesem Moment", so Kompany. "Dieses Gefühl, wie viel Arbeit das kostet, was man alles dafür tun muss." Harry Kane formulierte das bei t-online ähnlich: "Egal, ob es deine erste, zweite, dritte oder vierte Trophäe ist. Es ist, wie der Boss gesagt hat: Du musst jeden Titel wie deinen ersten feiern." Einen entscheidenden Unterschied gibt es aber im Vergleich zur vergangenen Saison, wie auch Kane betonte: "Wir wissen natürlich, dass wir noch um einiges spielen in diesem Jahr." Darum gab es keine Weißbierduschen Vor allem deshalb fiel der Meisterjubel der Bayern abgesehen von Kompanys Meistermoment vor der Fankurve nicht so richtig überschwänglich aus. Noch nicht. Auch Weißbierduschen, bei denen die Spieler ihren Coach mit überdimensional großen Biergläsern über den Platz jagen, gab es keine. Diese bayerische Feiertradition muss noch warten. Grund dafür ist aber kein Verbot des Trainers. "Nein, nein. Ich glaube nicht mal, dass das ein Thema war. Überhaupt nicht", sagte Kompany und erklärte: "Wir haben noch genügend Zeit, das zu feiern, was wir schon erreicht haben. Aber jetzt geht's nur über das, was wir noch erreichen können." Er habe das als Spieler schließlich "miterlebt, was man dann so spürt, in diesen Momenten. Wenn es der 19. April ist und du bist noch in jedem Wettbewerb dabei." Bei einem gemütlichen Essen mit den Familien in der Players-Lounge der Arena richteten die Stars des FC Bayern den Fokus ganz schnell auf ihren Traum vom Triple. Das Selbstverständnis der Bayern ist zurück Dementsprechend war das Meisterstück der Bayern dann auch ziemlich schnell abgehakt. Das zeigt, dass der Rekordmeister sein Selbstverständnis in den vergangenen 18 Monaten unter Kompany wieder zurückgewonnen hat. Nachdem der Belgier bereits im vergangenen Jahr zumindest die Solo-Meisterschaft nach München zurückgeholt hatte, dürfen die Bayern in diesem Jahr nun nämlich sogar wieder vom Gewinn des Triples träumen. Sowohl im DFB-Pokal als auch in der Champions League haben sie es jeweils bereits bis ins Halbfinale geschafft. Schon am Mittwoch (20.45 Uhr im Liveticker bei t-online) geht es für die Münchner bei Bayer Leverkusen darum, es erstmals seit sechs Jahren wieder ins Pokalfinale in Berlin zu schaffen. In den beiden Wochen darauf stehen dann die Duelle mit Titelverteidiger Paris Saint-Germain in der Champions League an. Genau darauf richtete Kompany noch in der Kabine den Fokus. Bayern-Boss adelt Kompany mit großem Trainer-Vergleich Mit seiner Meisteransprache hatte Kompany auch Vorstandsboss Jan-Christian Dreesen beeindruckt, der dabei ebenfalls in der Kabine weilte. "Er findet immer den richtigen Ton, auf seine Art und Weise", sagte Dreesen zu t-online: "Wir haben jedenfalls ein Level erreicht, einen Spirit in der Mannschaft – das macht echt Spaß. Den hat man ganz, ganz selten so und der erinnert mich ein bisschen an vor mittlerweile 13 Jahren." Damals führte Jupp Heynckes die Bayern zum ersten Triplegewinn der Vereinsgeschichte. Ob er sich nicht darüber wundere, wie Kompany mit gerade einmal 40 Jahren in die großen Fußstapfen des damals 67 Jahre alten Heynckes treten könne, wurde Dreesen noch gefragt. "Das ist eigentlich gar nicht verwunderlich, weil es nichts mit dem Alter zu tun", sagte er. "Es hat immer was mit der Ansprache und dem Miteinander mit den Spielern zu tun." Kompanys Ansprache an die Mannschaft zeichne sich durch viel "eigene Erfahrung mit einer ganzen Menge Respekt aus, den die Spieler ihm immer entgegenbringen". Die Stars wüssten schließlich, dass Kompany selbst ein Weltklasse-Innenverteidiger gewesen sei. "Das zu kombinieren, auch mit der richtigen strategischen Einstellung, das ist toll", so Dreesen weiter. "Die, die das früher geschafft haben, haben einen anderen Weg gewählt." Jetzt geht Bayern den von Kompany. Die kommenden drei Wochen werden darüber entscheiden, ob der die Münchner auch in die beiden Endspiele um das mögliche Triple führen kann. Zum Feiern bleibt dabei keine Zeit. Zumindest vorerst.