Collien Fernandes und Christian Ulmen liefern sich inzwischen eine Art Medienkrieg. Der Mut von Fernandes, ihren Ex-Mann anzuzeigen, offenbart tiefe Abgründe. Sie weinte und rang um Worte: Collien Fernandes , mit kugelsicherer Weste gepanzert und durch Polizeischutz bewacht, sprach am Donnerstag in Hamburg vor Tausenden Demonstranten über die Anzeige, die sie gegen ihren Ex-Mann gestellt hatte, und über die Debatte, die seit der öffentlichen Berichterstattung entbrannt ist. Sie erhalte Morddrohungen, sagte sie. Niemand müsse sich mehr wundern, dass Frauen der Mut fehle, "zu sagen: Dieses und jenes wurde mir angetan", rief sie in die Hamburger Nacht. Ein erster Etappensieg auf einer Tour de Force Der Kampf, den Collien Fernandes gerade austrägt, ist mutig. Und unabhängig davon, was dran ist an ihren Vorwürfen gegen ihren Ex-Mann: Ihr Einsatz gegen digitale Gewalt ist richtig. Weil sie mit so großer persönlicher Leidenschaft kämpft, zeigen sich erste Erfolge: im Politischen und offenbar auch in ihrem persönlichen Fall. Wie am Freitag bekannt wurde, ermittelt die Staatsanwaltschaft in Itzehoe gegen Christian Ulmen wegen des Vorwurfs der Nachstellung. Für Collien Fernandes ist das ein erster Etappensieg auf einer Tour de Force: Seit Jahren kämpft sie gegen digitale Gewalt. In einer ZDF-Dokumentation machte sie öffentlich, dass Deepfake-Pornos von ihr im Internet kursieren. Sie stellte im November 2024 eine Anzeige gegen unbekannt, doch lange passierte: nichts. Die Staatsanwaltschaft legte das Verfahren zu den Akten, die Berichterstattung nahm ab. Erst als sie sich entschied, ein privates Kapitel ihrer Geschichte publik zu machen, nahm die Ermittlung Fahrt auf. Sie vertraute sich dem "Spiegel" an und schilderte dort: Christian Ulmen , mit dem sie 14 Jahre lang verheiratet war, soll sich über Jahre als sie ausgegeben und mit Männern sexuelle Gespräche geführt sowie erotische Bilder und Videos verschickt haben. Das Material sollte offenbar einen authentischen Eindruck erwecken. Für Ulmen gilt die Unschuldsvermutung. Der Streit um die "Deepfake-Videos" Es sind Vorwürfe von erheblicher Tragweite – nicht nur in ihrem privaten Umfeld. Fernandes musste damit rechnen, dass der öffentliche Aufschrei riesig wird. Sie musste davon ausgehen, dass ihr Ex-Mann Anwälte einschalten und gegen die Berichte vorgehen wird. Ulmen heuerte dafür den Medienanwalt Christian Schertz an. Am Freitag teilte dieser im Namen seines Mandanten mit: Christian UImen habe "zu keinem Zeitpunkt Deepfake-Videos von Frau Fernandes oder anderen Personen hergestellt und/oder verbreitet." Nur: Davon war in der Recherche des "Spiegel" auch nie die Rede. Deepfake-Videos wurden zwar thematisiert, aber vordergründig als ein Phänomen, mit dem sich Collien Fernandes schon seit Jahren im Zuge ihrer eigenen Recherche für die ZDF-Doku "Deepfake-Pornos: Die Jagd nach den Tätern" beschäftigt hatte. Collien Fernandes warf später in einer Instagram-Story lediglich die Frage auf: "Wenn mir Männer sagen, die mit 'Collien' in Kontakt standen, dass sie ein Gangbangvideo von mir gesehen haben und nicht von Frauen, die mir ähnlich sehen, dann gibt es doch zwei Möglichkeiten: Möglichkeit a) bei meinem letzten Gangbang lief eine Kamera mit oder Möglichkeit b) es ist ein Deepfake, eine Montage, ein was auch immer." Collien Fernandes fassungslos: "Ich glaube es nicht" Fernandes gegen Ulmen: Ein Mann spielt eine Doppelrolle Die Chronik: Wie im Fall Fernandes alles begann Allein wegen dieser Feinheiten und der juristischen Fallstricke, die sich aus dem undurchsichtigen Geflecht in den Tiefen des Internets ergeben, muss es für Collien Fernandes schwer gewesen sein, ihre Anschuldigungen publik zu machen. Sie dürfte geahnt haben, wie angreifbar sie sich macht. Womit sie jedoch nicht rechnen konnte, sind die unzähligen Verrenkungen, die Hetzportale seit Tagen anstellen, um ihr einen Strick aus ihren Vorhaltungen zu drehen. Befeuert von tendenziösen Berichten und lautstarkem Geraune, entlud sich eine Welle der Ablehnung. Fernandes wurde systematisch infrage gestellt. Ihr wurde unterstellt, sie konstruiere Vorwürfe, verfolge eigene Interessen und inszeniere sich als Opfer. Die Grenze zur persönlichen Herabwürdigung wurde vielfach überschritten – bis hin zu offenen Drohungen. Eine Kampagne ohne jede Grundlage Der Fall Fernandes wurde zur Projektionsfläche: Für die einen, weil sie in der Frau eine moderne Jeanne d'Arc sahen, die sich gegen Ungerechtigkeiten im Digitalen starkmacht. Für die anderen, die in ihr die Galionsfigur einer Bewegung ausmachen, die angeblich eine Internetzensur vorantreiben wolle. Letzteres ist zum Signalwort einer rechten Medienkampagne geworden, die jeglicher Grundlage entbehrt. In Berlin nahm das Thema politisch Fahrt auf. Bundesjustizministerin Stefanie Hubig will ein ohnehin geplantes Gesetz, das Lücken im Umgang mit digitaler Gewalt schließen soll, nun beschleunigen. Aber vieles von dem, was Kritiker ihr bei diesem Vorstoß andichten, stimmt gar nicht: Eine Klarnamenpflicht im Netz ist nicht geplant, die SPD-Politikerin lehnt sie explizit ab . Es geht längst nicht mehr um die Sache, sondern um Stimmungsmache. Der Fall Fernandes zeigt die Abgründe, in die die deutsche Öffentlichkeit blickt, wenn Themen für eine politische Agenda instrumentalisiert werden. Was als persönliche Schilderung mit dem Verweis auf ein juristisches Dunkelfeld begann, wurde innerhalb kürzester Zeit zum Austragungsort ohrenbetäubender Konflikte. Collien Fernandes' Schritt in die Öffentlichkeit war von Anfang an mit erheblichen persönlichen Risiken verbunden. Dass daraus nun eine solche Schlammschlacht wird, zeigt, wie vergiftet die Debattenkultur im Land ist. "Strafbarkeitslücken bei Deepfake-Pornografie schließen" Das positive Signal der Debatte ist: Nur wer Missstände benennt, kann etwas bewirken. Als Christian Schertz seinen Mandanten am Freitag in Schutz nahm, verfasste er in seiner Mitteilung einen letzten Absatz: "Unabhängig von diesem Fall" begrüße er "die beabsichtigte Schließung von Strafbarkeitslücken bei Deepfake-Pornografie ausdrücklich". Schertz fordere schon seit Langem, "eine effektivere Durchsetzbarkeit bestehender Ansprüche durch klare gesetzliche Regelungen". Die Unterstützung für das geplante Gesetz war nie größer. Digitale Gewalt gegen Frauen ist endlich im öffentlichen Bewusstsein angekommen. Beides ist Collien Fernandes' Verdienst.