Mittlerweile ist die Temperatur in der Causa Fernandes merklich gesunken. Doch es bleiben Fragen offen – und die Rekonstruktion des Falls zeigt bekannte Muster. Rund fünf Wochen ist es her, dass Collien Fernandes im "Spiegel" schwere Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen erhob. Hatte er über Jahre Fake-Profile in ihrem Namen erstellt und darüber mit zahlreichen Männern kommuniziert? Für ihn gilt die Unschuldsvermutung. Doch die Veröffentlichung löste eine Welle aus. Zehntausende Menschen demonstrierten gegen digitale Gewalt. Justizministerin Stefanie Hubig kündigte härtere Gesetze an. Tagelang überschlug sich die Medienwelt mit neuen Schlagzeilen um Deepfake-Pornografie und diskutierte über Begriffe wie "virtuelle Vergewaltigung". Was hat sich seitdem verändert und wie geht es mit dem Fall weiter? t-online hat die vergangenen Wochen rekonstruiert und zeichnet eine Debatte nach, die von vielen Seiten gekapert wurde – und typische Muster digitaler Erregungskampagnen aufweist. Philipp Sälhoff, Geschäftsführer des Forschungsnetzwerks "Polisphere", hat die Causa mit seinem Team wochenlang beobachtet und analysiert. Er sagt t-online: "Der Fall Fernandes ist ein weiteres Lehrstück für neurechte Diskursverschiebung. Die eigentlichen Vorwürfe – digitale Gewalt, Identitätsdiebstahl – wurden im Diskurs fast vollständig überlagert durch den Kampagnenvorwurf zur Einführung der Klarnamenpflicht, vor allem gegen HateAid und das Justizministerium." Grundlage für die Schlussfolgerungen der Denkfabrik bildeten Datenerhebungen im digitalen Diskursraum, vornehmlich auf der Plattform X. Die Analysten kommen zu dem Schluss, dass diese Diskursverschiebung im Fall Fernandes "bemerkenswert schnell" ging: "Hier wurde in sehr kurzer Zeit ein Fall digitaler Gewalt mittels Delegitimierung, Desinformation und Derailing für eine politische und kulturkämpferische Auseinandersetzung gekapert", sagt Sälhoff. "Es ist nicht nur konstruktiv" Judith Strieder, Expertin aus der Betroffenenberatung der gemeinnützigen Organisation HateAid, die Opfer digitaler Gewalt berät und rechtlich unterstützt, sagt zu dieser Entwicklung im Gespräch mit t-online: "Es ist nicht nur konstruktiv, wie der Diskurs geführt wird. Man bekommt mit, dass inzwischen einige Personen genervt von dem Fall sind oder von der Betroffenen Collien Fernandes selbst." Collien Fernandes machte die Vorwürfe am 19. März öffentlich und wurde damit schlagartig zur Projektionsfläche: Für die einen zur Heldin im Kampf gegen Ungerechtigkeiten, für die anderen zur Hassfigur in einer angeblichen Intrige gegen Meinungsfreiheit. Dies wirkte sich massiv auf Fernandes aus. Sie sagte der "Süddeutschen Zeitung" in dieser Woche: "Mir ging es vor der Anzeige besser als jetzt." Andere Betroffene hätten Fernandes vor den negativen Reaktionen gewarnt: "Der erste Schmerz sei die Tat, der zweite die Stigmatisierung, die folgt, sobald man den Mund aufmacht. Man sei eine rachsüchtige Ex, die lügt, und so weiter." Fernandes ist dennoch überzeugt: "Ich glaube, es braucht diesen Aufschrei der Menschen da draußen, um zu sagen: Es reicht, jetzt bitte endlich echter Feminismus von Männern". Suchvolumen zeigt Rückgang des Interesses Ob es wirklich dazu kommt, hängt auch von der Aufmerksamkeitsökonomie des Falls ab. Schien das Thema vor einem Monat medial allgegenwärtig, lässt die Nachfrage inzwischen massiv nach. Ein Blick in Google Trends belegt: Nachdem das Suchvolumen zu den Namen "Collien Fernandes" und "Christian Ulmen" am 20. März 2026 rasant angestiegen war, flachte es bereits in den darauffolgenden Tagen stetig ab. Zwischen dem 24. und 29. März hielt es sich in etwa auf einem Level, das jedoch nur etwa ein Fünftel des anfänglichen Interesses ausmachte. Nach einer ersten Welle an solidarischen Reaktionen fanden sich unter Social-Media-Postings auch vermehrt Kommentare, die auf die für Ulmen geltende Unschuldsvermutung hinwiesen. Dieser Gegentrend zum gesellschaftlichen Aufschrei bildet sich auch in der Google-Suche ab. Innerhalb eines Zeitraums von drei Monaten wurde am 22. März und damit drei Tage nach der Veröffentlichung von Fernandes' Vorwürfen der Begriff "Unschuldsvermutung" am häufigsten in der Suchmaschine eingegeben. Dass diese Gegenbewegung auch extreme Formen annahm, machte Fernandes' Auftritt in Schutzweste am 25. März 2026 aufgrund von Morddrohungen bei der Demo in Hamburg deutlich. Mittlerweile ist Fernandes überzeugt, dass die vielen Hassnachrichten auch "mit dem Verhalten der Gegenseite" zusammenhängen, die gegen die Berichterstattung vorgeht. Auf Anfrage von t-online schweigt Medienanwalt Christian Schertz, der Christian Ulmen in der Angelegenheit vertritt, bislang zu diesem Vorwurf. t-online wollte von ihm außerdem wissen, warum man zwar gegen die Berichterstattung des "Spiegel" vorgehe – die Kernvorwürfe des Artikels aber nicht angreife. Lässt sich daraus ableiten, dass Ulmen tatsächlich Fake-Profile seiner Ex-Frau erstellte, mit Hunderten Männern in Kontakt stand und teilweise mit ihnen Telefonsex praktizierte? Christian Ulmen hüllt sich dazu seit mehr als fünf Wochen in Schweigen. "Die Prüfung des Anfangsverdachts dauert an" Ob dem Schauspieler Konsequenzen drohen, ist indes noch Gegenstand von Ermittlungen. Ende 2025 erstattete Collien Fernandes auf Mallorca , wohin sie 2023 mit Christian Ulmen ausgewandert war, Anzeige gegen ihn. Das Gericht entschied jedoch Mitte April, dass die spanische Justiz in dem Fall nicht zuständig sei , und das Verfahren an die Justiz in Deutschland abgegeben werde. Der Beschluss liegt t-online vor. Fernandes' spanischer Rechtsanwalt legte in dieser Woche Berufung ein. Zugleich laufen auch in Deutschland Ermittlungen – diese sind inzwischen in Potsdam , dem ehemaligen Wohnsitz des Ehepaares, gelandet. Die dortige Staatsanwaltschaft teilt auf Anfrage am Donnerstag mit: "Der Sachstand ist unverändert und die Prüfung des Anfangsverdachts dauert an." Die Behörde untersuche die vorliegenden Beweismittel und medialen Recherchebefunde hinsichtlich "des Vorwurfs der Nachstellung". Judith Strieder ist überzeugt, dass unabhängig vom weiteren Verlauf der Ermittlungen im Fall Ulmen/Fernandes die starke mediale Präsenz schon jetzt viel bewirkt habe. So habe man seit Bekanntwerden der Vorwürfe einen Anstieg um etwa hundert Prozent in der HateAid-Beratung verzeichnet: "Monatlich hatten wir circa 20 Anfragen zum Thema bildbasierte sexualisierte Gewalt, nach der Recherche haben sich diese verdoppelt." Dass somit seit etwa einem Monat mehr Personen Hilfe in Anspruch nehmen, bedeute nicht, dass es seitdem auch mehr Vorfälle von digitaler Gewalt gab, "sondern dass betroffene Personen auf uns aufmerksam geworden sind und Mut gefasst haben, sich Hilfe zu suchen", erklärt Strieder. Bei einigen Hilfesuchenden liege der eigene Fall schon Jahre zurück, habe aus rechtlicher Perspektive nur noch geringe Chancen: "Dennoch möchten sie jetzt aktiv werden, weil das Thema digitale Gewalt derzeit medial so intensiv besprochen wird", so Strieder. Die Expertin betont, dass es für Täter aktuell noch immer leicht ist, sich anonym zu bewegen: "Es gibt bisher noch keinen Straftatbestand für die Erstellung von sexualisierten Deepfakes. Diese Schutzlücke muss schnell geschlossen werden." Es müsse die Erstellung sexualisierter Deepfakes strafbar gemacht werden, KI- und Face-Swap-Apps dürften in den App-Stores nicht mehr so leicht und kostenlos zugänglich sein. Bundesjustizministerin Stefanie Hubig hat inzwischen ihren Gesetzesentwurf zur Verschärfung des Strafrechts zum Schutz vor "digitaler Gewalt" vorgelegt. In dem Papier, das seit dem 17. April öffentlich ist, heißt es, man wolle Strafbarkeitslücken schließen, die "insbesondere das Herstellen sexualisierter Deepfakes und Fälle des sogenannten digitalen Voyeurismus" betreffen. "Darüber hinaus soll es Betroffenen von digitaler Gewalt erleichtert werden, selbst gegen die Verletzungen ihrer Rechte vorzugehen." Die Zahlen zu diesen Formen der Gewalt geben der Ministerin recht. Auf Anfrage bei den Ermittlungsbehörden teilt eine Sprecherin des Bundeskriminalamtes t-online mit, dass "die Bundeslagebilder der letzten beiden Berichtsjahre zeigen, dass die Zahl weiblicher Opfer der Fallgruppe Digitale Gewalt gestiegen" sei. Innerhalb von fünf Jahren habe sich die Opferzahl mehr als verdoppelt – überwiegend seien davon Frauen betroffen. Ralph Friedrich, der die Causa Fernandes/Ulmen als Datenanalyst bei "Polisphere" ausgewertet hat, sagt: "Die Trennung von 'digitaler Gewalt' und der 'realen Welt' funktioniert aus unserer Sicht nur bedingt: Eine Hassnachricht oder Morddrohung, die auf dem Bildschirm auftaucht, hat natürlich auch absolut reale und spürbare Folgen bei der Betroffenen." Bei Collien Fernandes seien im Zuge des Diskurses Elemente aufgefallen, "die solche Eskalationen begünstigen können: die Verbreitung von privaten Informationen, Aufrufe zur Kontaktaufnahme und eine dehumanisierende Sprache". Diese Einschüchterungen seien "eine toxische Strategie, die für einen demokratischen Diskurs fatal ist", so Friedrich. Manipulative Diskursdynamiken, Verharmlosungen und die Privatisierung von gesellschaftlichen Missständen: All das sei laut den Experten beim Fall Fernandes zu beobachten gewesen. Die Muster seien immer gleich. "Das war gestern Frauke Brosius-Gersdorf , heute Collien Fernandes und kann morgen wieder jemand ganz anderes sein", so Philipp Sälhoff. Bei der Schauspielerin und Moderatorin sei nur die Dichte an Ereignissen, die narrativ verknüpft wurden, besonders hoch gewesen: "Das hat die Dynamik beschleunigt und verstärkt." Für Collien Fernandes ist auch nach fünf Wochen keine Ruhe eingekehrt. Sie sei froh, dass sie derzeit mit dem "Traumschiff" am anderen Ende der Welt sei, sagte sie am Donnerstag der "Süddeutschen Zeitung". Den ZDF-Dampfer könne nicht jeder betreten, dies gehe nur mit Anmeldung. "Das sorgt dafür, dass ich mich sicherer fühle", so Fernandes.