Fußball-WM in den USA: Bleiben Sie besser zu Hause

latest news headlines 3 std vor
Flipboard
Unser Korrespondent lebt seit diesem Jahr in den USA, und das sehr gerne. Ausländischen Fußballfans würde er aber von einem Besuch der Weltmeisterschaft im Sommer abraten. Eine Warnung. Das WM-Fieber ist hier in den USA wahrlich noch nicht ausgebrochen. Sicher, die Sportgeschäfte haben sich bereits munitioniert. Wenn ich in New York in die Schaufenster blicke, dann sind die Trikots der teilnehmenden Mannschaften bereits großflächig ausgestellt. Möglicherweise bin ich bislang auch nur an die falschen Läden geraten, aber die Spielausrüstung des Gastgebers war in den meisten Läden eher in den hinteren Regalen einsortiert. Stattdessen lachte mich zuletzt in einem Schaufenster unweit meiner Wohnung ein Trikot Brasiliens an. Gerne wird auch die bunte Spielkleidung Jamaikas prominent beworben, oder natürlich die vom Mitausrichter Mexiko. Schließlich leben auch in den USA fast 40 Millionen Menschen mit Wurzeln im südlichen Nachbarstaat. Steven Cherundolo: "Andere Sportarten haben langfristig keine Chance" Preisschock: WM vervierfacht Zugpreise Ich dachte mir bei meinem Blick in die Geschäfte, dass gar nicht die US-Amerikaner die Stimmung des Turniers tragen werden, so sportbegeistert sie sonst sind, sondern eher die Fans aus Mittel- und Südamerika, vielleicht auch die aus Europa. Und von dort schwappt das WM-Fieber dann vielleicht auf die Amerikaner über. So eine Begeisterung kann ja schnell anstecken. Soweit meine Überlegungen in der Theorie. Umso schwerer wiegt das, was ich Ihnen praktisch von Fußballfan zu Fußballfan raten würde. Falls Sie gerade noch überlegen sollten, wegen dieses Turniers in die USA reisen zu wollen: Tun Sie sich selbst einen Gefallen. Bleiben Sie zu Hause. Sie werden ansonsten einem Turnier beiwohnen, dessen Organisatoren sich die Taschen mit Ihrem Geld vollmachen und es politisch für ihre Zwecke ausschlachten – und zwar in einer Zeit, in der die Sicherheitslage in den USA zumindest als volatil gelten muss. Fangen wir mit dem offensichtlichsten Problem an: Geld. Die Nachfrage nach Tickets ist gigantisch. Ende Januar hat die Fifa mitgeteilt, dass ihr eine halbe Milliarde Anfragen für Karten vorliegt. Und nach den Gastgeberländern USA, Kanada und Mexiko ist die Nachfrage in Deutschland am größten. Viele dieser Anfragen dürften allerdings nicht nur von Fußballfans gekommen sein, sondern vor allem von findigen Geschäftsleuten. Denn die Fifa hat mit mehreren Maßnahmen die Preise so hoch wie noch nie getrieben. Eine Beispielrechnung: Der DFB hatte für das erste deutsche Gruppenspiel gegen Curaçao im Dezember die Kosten zwischen 155 und 430 Euro taxiert. Damit liegt man schon in der Preisklasse eines Konzerts von Pop-Superstar Taylor Swift . Dazu gingen die Kosten schon während der ersten Verkaufsphase bei einer gestiegenen Nachfrage durch "dynamic pricing" in die Höhe. Soll heißen: Wollen viele Leute Karten, werden sie noch teurer. Und wer hätte schon erwarten können, dass die Nachfrage bei einer Fußball-WM besonders hoch ist? Klar, die Fifa. Karten für mehr als 3.000 Euro Wenn Sie heute noch eine Karte für dieses Spiel möchten, können Sie ein Ticket durch einen Weiterverkauf von anderen Fans erwerben. Ein Portal dafür hat die Fifa für dieses Turnier erstmals eingerichtet – ein Garten Eden für Leute, die nicht am Fußball interessiert sind, sondern an einem schnellen Euro. Tickets gegen Curaçao kosten auf diesem Portal nicht mehr nur ein paar Hundert, sondern mehr als 3.100 Euro. Und jedes Mal, wenn sie den Besitzer wechseln, streicht die Fifa 15 Prozent der Kosten für sich ein. Nicht vergessen: Es sind Preise für das erste Gruppenspiel, nicht für die K.-o.-Runde. 20 Dollar sind immer weg Doch die teuren Tickets sind erst der Anfang. Rechnen Sie unbedingt auch deutlich höhere Kosten für Lebensmittel ein. Eingebrannt hat sich bei mir mittlerweile die Faustregel, dass ich mit jedem Gang aus der Haustür mindestens 20 Dollar ärmer bin. Wenn Sie abgesehen von Fast-Food-Ketten ein Restaurant in New York kennen, in dem ich pro Mahlzeit billiger davonkomme, lassen Sie es mich bitte wissen. Einzige Ausnahme: Pizzastücke. Einzeln. Überlegen Sie selbst, wie lange Sie damit auskommen können. Schon ohne eine Fußball-WM steigt mir auch regelmäßig der Schock in die Glieder, wenn ich in den Supermarkt muss. Eine Dose mit Nüssen gibt es ab etwa fünf Euro, zwölf Eier liegen bei sechs Euro – und in den Stadien wird der Bierpreis jenseits von zehn Euro liegen. Gut, sagen Sie jetzt vielleicht, WM ist nur alle vier Jahre, da schauen wir nicht aufs Geld. Aber etwas anderes werden Sie nur schwer übersehen können: die politischen Zustände in diesem gespaltenen Land. Es ist nicht die Frage, ob Donald Trump die Weltmeisterschaft für sich politisch nutzen wird. Er hat dies bereits getan. Offen ist nur noch die Frage, wie weit er gehen wird. Ein Fantasie-Friedenspreis Spätestens seit Fifa-Boss Gianni Infantino Trump im Dezember einen neu erfundenen Fantasie-Friedenspreis überreicht hat, ist klar: Die Fifa stützt Trump nicht nur, sie hofiert ihn regelrecht – und es gibt absolut kein Anzeichen dafür, dass sich dies während des Turniers ändern wird. Der Fußballweltverband hat sich übrigens offiziell politischer Neutralität verschrieben. Doch was soll das schon wert sein, wenn der Verbandschef im Weißen Haus ein und aus geht und sich freudestrahlend mit einer roten Trump-Mütze zeigt? "Fußball vereint die Welt" lautet einer der Slogans des Turniers. Bislang gilt eher: Die US-Regierung spaltet die Welt – und der Weltfußballverband wird ihr nicht dazwischengrätschen. Die Auswirkungen sind schon vor Turnierbeginn dramatisch: Aus Haiti und dem Iran dürfen keine Fans einreisen. Aus anderen Ländern wie Algerien, dem Senegal oder der Elfenbeinküste sind Einreisen zwar erlaubt, aber voraussichtlich nur gegen eine Kautionsgebühr: Diese soll für die Einreise von Kindern 5.000 und bei Erwachsenen bis zu 15.000 Dollar betragen. Ausnahmen sind für die WM bislang nicht vorgesehen. Iran droht mit Anschlägen Vielleicht ist Ihnen das aber während einer Weltmeisterschaft völlig egal. Fußball und Politik wollen viele Fußballfans strikt voneinander trennen können. Möglicherweise halten Sie den politischen Kurs der USA ja sogar für völlig richtig. Selbst wenn das so sein sollte, gebe ich Ihnen noch eine letzte Warnung mit – und die hat mit Ihrer ganz persönlichen Sicherheit zu tun. In den USA wird sie sowohl von außen als auch von innen bedroht. Die äußere Bedrohung hat sich bekanntermaßen durch den Krieg der USA im Iran verändert. Die Mullahs und ihre Schergen haben weltweit mit Anschlägen auf "Freizeit- und Tourismusziele" gedroht. Das Land, das ihr Staatsoberhaupt und zahlreiche führende Köpfe getötet hat und nun eine der größten Sportveranstaltungen der Welt ausrichtet, wird ihr oberstes Ziel sein – das muss ich, glaube ich, nicht weiter ausführen. Zur äußeren Bedrohung kommt die von innen. Die US-Regierung selbst gefährdet das Wohl vieler Menschen. Viele Sicherheitsbehörden, die eigentlich für Recht und Ordnung zuständig sind, werden selbst als Bedrohung wahrgenommen. Die Angst vieler Migranten, willkürlich von Agenten der Behörde ICE gefasst, eingesperrt und abgeschoben zu werden, ist real. Auch ich habe schon in verschiedenen Gesprächen von Menschen gehört, die sich wegen dieser diffusen Angst nur noch selten auf die Straße trauen. Aktuell werden ICE-Mitarbeiter an Flughäfen eingesetzt und kontrollieren an vielen Orten auch die Pässe von Reisenden. Bis zu Beginn des Turniers könnte sich das wieder ändern. Die Behörde hilft aktuell bei der Kontrolle wegen einer Haushaltssperre für das eigentliche Sicherheitspersonal aus. Es dürfte allerdings sicher sein, dass ICE-Beamte auch bei der WM präsent sein werden – die Frage ist nur noch, wie und wo. Wer weiß heute schon, ob die Behörde nicht auch eingesetzt wird, um einzelne Fangruppen zu filzen und sie am Stadion abzuführen? Zuzutrauen wäre es dieser Trump-Regierung. Lässt Trump das zu? All diese Szenarien malen vielleicht die Situation zu schwarz. Ich hoffe das sogar sehr. Eine top organisierte WM, die die USA nicht nur mit Kanada und Mexiko, sondern auch mit dem Rest der Welt enger zusammenführt, würde dem Land gerade eigentlich sehr guttun. Die Tribünen der Sportstätten sind von jeher Orte, an denen die USA die Politik hinter sich lassen. Die Frage ist nur, ob Donald Trump und die von ihm geschaffene Lage im Land es zulassen werden.
Aus der Quelle lesen