Gedächtnis im Alter: Studie zufolge hilft Sport kurzfristig wenig

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Ein gesunder Lebensstil soll das Demenzrisiko senken. Eine Studie zeigt aber: Einige empfohlene Maßnahmen bringen erstaunlich wenig – zumindest auf kurze Sicht. Wer sich im höheren Alter vor Demenz fürchtet, erhält häufig den Rat, sich viel zu bewegen, auf einen gesunden Blutdruck zu achten und erhöhte Blutfettwerte zu senken. Dahinter steckt ein plausibler Gedanke: Gut durchblutete Gefäße gewährleisten, dass das Gehirn ausreichend versorgt wird, und unterstützen so seine Leistungsfähigkeit. Tatsächlich legen Beobachtungsstudien nahe, dass Menschen mit einem gesunden Herz-Kreislauf-System im Alter seltener kognitiv abbauen und ein geringeres Demenzrisiko haben. Neue Forschungsbefunde stellen die einfache Gleichung "bessere Durchblutung = bessere Geisteskräfte" nun infrage. Sie zeigen: Weder Ausdauertraining noch Maßnahmen, die den Blutdruck und das Cholesterin senken , verbessern die kognitive Leistung messbar – zumindest nicht innerhalb von zwei Jahren. Studie mit mehr als 500 Menschen mit erhöhtem Demenzrisiko An der Untersuchung nahmen 513 ältere Erwachsene teil, die noch keine Demenz hatten, aber ein erhöhtes Risiko dafür: Sie alle hatten Bluthochdruck und berichteten entweder selbst über nachlassendes Gedächtnis oder hatten nahe Angehörige mit Demenz. Für die Studie wurden sie per Zufall in vier Gruppen eingeteilt: Eine Gruppe machte regelmäßig Ausdauertraining, bestehend aus zügigem Gehen oder Radfahren, etwa zweieinhalb Stunden pro Woche. Eine zweite erhielt eine intensive Behandlung mit Medikamenten, um Blutdruck und den Spiegel von LDL-Cholesterin im Blut deutlich zu senken. Die Teilnehmer aus der dritten Gruppe sollten sowohl Sport treiben als auch Blutdruck- und Cholesterinsenker nehmen. Die vierte Gruppe wurde nur wie üblich (also nach der Vorgabe geltender Leitlinien) medizinisch versorgt. Maßnahmen sind offenbar nicht besonders effektiv Den Wissenschaftlern ging es um die Frage: Lässt sich das Denk- und Erinnerungsvermögen durch diese Maßnahmen messbar verbessern? Um das herauszufinden, nutzten sie den sogenannten PACC-Score. PACC steht für "Preclinical Alzheimer Cognitive Composite", was auf Deutsch so viel wie "kombinierter Test zur Erfassung früher Alzheimer-bedingter Gedächtnis- und Denkveränderungen" bedeutet. Dabei handelt es sich nicht um einen einzelnen Test, sondern um einen kombinierten Messwert aus mehreren Gedächtnis- und Denktests. Dieser Gesamtwert soll insbesondere Aufschluss über Veränderungen der kognitiven Leistungsfähigkeit erkennen lassen, wie sie etwa im Vorfeld einer Alzheimererkrankung auftreten können. Das Ergebnis: In allen Gruppen schnitten die Teilnehmer am Ende etwas besser ab als zu Beginn, aber die Unterschiede zwischen den Gruppen waren so klein, dass sie auch Zufall sein könnten. Daraus schließen die Forscher: Weder Bewegung noch Medikamente – noch beides zusammen – waren der normalen Behandlung nach der Vorgabe geltender Leitlinien klar überlegen. Heißt das, Sport bringt nichts? Die Befunde mögen ernüchtern und enttäuschen oder gar Empörung auslösen: Seit Jahrzehnten predigen Fachleute, wie wichtig Bewegung und ein gesunder Kreislauf fürs Gehirn sind – und jetzt stellt sich heraus, dass die Wirkung auf die Geisteskräfte in Wahrheit vernachlässigbar ist? Dagegenhalten ließe sich: Bewegung und ein gesunder Kreislauf sind aus vielerlei Gründen gut für die Gesundheit, auch für die des Gehirns. Die Studie beweist nicht, dass entsprechende Maßnahmen "nichts bringen", sondern nur, dass sie innerhalb von zwei Jahren keine messbaren Verbesserungen herbeiführen. Sie sagt also etwas über eher kurzfristige Effekte, nicht über den langfristigen Nutzen. Im Kopf behalten sollte man auch, dass die Teilnehmer bereits ein erhöhtes Risiko für geistigen Abbau hatten. Die eingesetzten Maßnahmen könnten in Intensität oder Dauer nicht ausgereicht haben, um bei den Testpersonen deutliche Veränderungen im Gehirn auszulösen. Hinzu kommt: Viele der positiven Effekte von regelmäßiger Bewegung und Gefäßgesundheit sind klar belegt – etwa für Herzinfarkt, Schlaganfall oder die allgemeine Lebensqualität. Die neuen Erkenntnisse mögen die Erwartungen relativieren. Sie widerlegen aber nicht die grundlegende Bedeutung eines gesunden Lebensstils. Eher machen sie deutlich, dass der Zusammenhang zwischen Gefäßen und Gehirn komplex ist – und dass Prävention vermutlich ein langfristiges Projekt ist.
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