Gelenkersatz: Warum Sie nicht zu lange warten sollten

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Starke Schmerzen und Unbeweglichkeit deuten bei Arthrose darauf hin, dass es Zeit für ein künstliches Gelenk ist. Doch gerade Ältere haben oft Angst vor dem Eingriff. Eine fortgeschrittene Arthrose (Gelenkverschleiß) ist oft so schmerzhaft, dass die Betroffenen in ihrem Alltag stark einschränkt sind und jede körperliche Aktivität wehtut. Ein Ersatzgelenk könnte die Schmerzen nehmen und die Beweglichkeit wiederherstellen. Doch viele ältere Menschen fragen sich: Bis zu welchem Alter darf man eine solche OP riskieren?Gesunder Lebensstil unter Schmerzen kaum möglichWer im Zuge einer Arthrose unter starken Gelenkschmerzen leidet, kann keinen gesunden Lebensstil mehr praktizieren. Denn zu diesem gehören neben einer gesunden Ernährung vor allem Sport und körperliche Aktivität. Viele Arthrose-Patienten gehen stattdessen auf Schonkurs und werden immer unbeweglicher.Für die Gelenke ist das Gift, denn sie wollen gefordert werden. Doch auch das Risiko für weitere Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Übergewicht und Diabetes steigt. Daher empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Erwachsenen, mindestens 150 Minuten pro Woche körperlich aktiv zu sein. Das senkt die Insulinresistenz und den Blutfettspiegel, die Muskulatur wird gestärkt und die Stimmung verbessert sich. Auch das Sturzrisiko verringert sich durch regelmäßige körperliche Übung. Mehr als das Alter zählt der körperliche ZustandFür Menschen mit Arthrose ist Bewegung besonders wichtig. Gerade bei Belastung wird die wichtige Gelenkflüssigkeit durch den Knorpel gepumpt, die ihn ernährt und das Gelenk "schmiert". Geeignet sind physiotherapeutische Übungen und Sportarten, die die Gelenke wenig belasten, bei denen die Bewegungen gleichmäßig ausgeführt und Erschütterungen möglichst vermieden werden.Wenn körperliche Aktivität aber aufgrund von Schmerzen kaum mehr möglich ist, kann nur noch ein Ersatzgelenk Linderung schaffen. Doch besonders ältere Patienten haben oft Angst, dass sie dem operativen Eingriff nicht mehr gewachsen sind.Für Dr. Carsten Perka, Generalsekretär der Deutsche Gesellschaft für Endoprothetik und Ärztlicher Direktor des Centrums für Muskuloskeletale Chirurgie (CMSC) an der Charité in Berlin, sind diese Bedenken nachvollziehbar. "Eine größere Operation kann bei labilem körperlichem Gleichgewicht einen erheblichen Einschnitt bedeuten, von dem sich Betroffene mitunter nur langsam erholen."Deshalb sollte zunächst eine gründliche Risiko-Abwägung gemeinsam mit den Betroffenen stattfinden: "Ausschlaggebend für ein zufriedenstellendes Operationsergebnis in hohem Alter ist heute vorrangig die körperliche und geistige Verfassung, weniger das Geburtsdatum", sagt er.Mehr Sicherheit dank moderner OP-Techniken Durch Fortschritte in Intensivmedizin und OP-Techniken können mittlerweile auch große Operationen bei rüstigen Patienten im fortgeschrittenen Alter mit vergleichbaren Ergebnissen durchgeführt werden wie bei jungen, sagt Perka.Hier werden altersspezifische chirurgische Operationskonzepte mit altersmedizinischen (geriatrischen) Maßnahmen kombiniert. Dazu gehören der Schutz vor Auskühlung während der Operation ebenso wie kontrollierte Flüssigkeitsgabe. Auch Schlüssellochchirurgie statt offener Operationen und optimal angepasste Narkosen schonen die Betroffenen.Eine gute OP-Vorbereitung senkt die Risiken"Eine gute Vorbereitung auf die OP hilft, die Risiken in den Griff zu bekommen und das Ergebnis zu verbessern", sagt Perka. Etwa jeder fünfte Patient über 70 Jahren leide an mindestens fünf Krankheiten gleichzeitig. Diese sogenannte Multimorbidität gelte es bereits in der Vorbereitungsphase zu berücksichtigen.Eine Diabetes etwa müsse gut eingestellt, eine Unterernährung oder ein Vitaminmangel behoben werden. Neben der klassischen Rehabilitation nach der OP habe sich auch Prärehabilitation bewährt: Mit gezielter Physiotherapie vor dem Eingriff könne man nicht nur das Gehen an Unterarmstützen trainieren, sondern auch die Atemkapazität erweitern und die Muskeln kräftigen. Vorerkrankungen werden berücksichtigtEine große Rolle spielten auch bestehende Entzündungen, etwa der Zähne, Blase, sowie durch Wunden oder Fußpilz. Diese können gerade bei Älteren leicht zu Implantatinfekten führen und sollten deshalb vor der OP behandelt werden. "Hier sind auch unsere Patientinnen und Patienten gefragt, Verantwortung für ihre Gesundheit zu übernehmen und mitzuarbeiten." Durchaus realistisch sei deshalb auch ein Vorlauf von einem halben bis einem Jahr bis zur geplanten Operation.Privat-Dozent Dr. Stephan Kirschner, Präsident der AE, Direktor der Klinik für Orthopädie in den ViDia Kliniken, Karlsruhe, sieht in dieser gründlichen Vorbereitung die Grundlage des Operationserfolgs. Die Vorteile, die gut vorbereitete Senioren hätten, seien erheblich. "Sie können nach dem Eingriff oft wieder ein selbstständiges Leben führen und mobil bleiben", sagt der Orthopäde. Wie länge halten künstliche Hüften und neue Knie?Laut einer Lancet-Studie aus dem Jahr 2019 halten heute sechs von zehn Hüftprothesen mindestens 25 Jahre. Dazu beigetragen haben verbesserte Implantat-Materialien und -modelle sowie schonende OP-Methoden.Sie sind jedoch nur ein Teil des Erfolgs. "Ein Implantat erfordert auch nach der OP lebenslange Pflege und Aufmerksamkeit", sagt Perka. Hier sei die Mithilfe der Patienten gefragt. "Ihre Lebensweise bestimmt mit, ob frühzeitig eine Folgeoperation notwendig wird."Während die Endoprothesen früher häufig wegen Überlastung ausgewechselt werden mussten, sei heute immer mehr eine verminderte körperliche Aktivität der Grund. Diese könne wiederholte Ausrenkungen des Hüftgelenks, Instabilitäten des Kniegelenks und Stürze durch Gleichgewichts- und Koordinationsschwierigkeiten zur Folge haben.Daher sei es wichtig, alle vier Grundpfeiler der Fitness – Kraft, Beweglichkeit, Koordination und Ausdauer – gezielt zu erhalten und möglichst täglich zu trainieren. "Auch kurze Bewegungseinheiten sind nützlich", sagt Perka. Ebenso wichtig sei die Gewichtskontrolle: "Es sind vor allem die Gelenke, die das Plus an Körpergewicht tragen müssen und damit auch die Prothesen."
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