Haribo und Dr. Oetker fälschlich in rechte Ecke gestellt: Campacts Versagen

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Der Verband "Die Familienunternehmer" zeigt sich offen gegenüber der AfD. Von links wurde nun eine Kampagne gegen einzelne Unternehmen gestartet. Dumm nur, dass diese nichts mit dem Verband zu tun haben. Ich bin ein schwarzes Schaf. Ich rede viel, sogar mit fremden Leuten, ich lache laut, und meine Launen haben Ausschläge. Je nach Tagesform, Gegenüber, Weltordnung und Schlafpensum nach oben oder unten. Das macht mich in meiner Heimat zu etwas Besonderem. Denn ich stamme aus Ostwestfalen-Lippe (OWL), aus Gütersloh . Und Ostwestfalen brauchen in der Regel mehrere Schnäpse, um mehr und überschwänglicher zu formulieren als "Muss ja" oder "Nicht schlecht". Das klingt erst mal sehr verschlossen und verknöchert, hat aber auch immense Vorteile. Es geht normalerweise in einer zuverlässigen und sehr bodenständigen Ruhe voran, im Inneren von uns aus OWL. Wer nicht gern aus sich herausgeht, flippt auch nicht schnell aus. Das ist gerade in diesen Zeiten, in denen alles Schrille Trumpf ist und viele schnell unter Schnappatmung leiden, eine mal gar nicht zu unterschätzende Größe. Ich möchte es so zusammenfassen: Ostwestfalen-Lippe ist das exakte Gegenteil von Social Media. Und ein größeres Kompliment kann man ja heutzutage kaum machen, finde ich. Plötzlich in der Schusslinie Nun gibt es aber ja von allem Ausnahmen. Im von Gütersloh gut zehn Kilometer Luftlinie entfernten Bielefeld dürfte dieser Tage eine solche Ausnahme, eine Ausnahmesituation gar, geherrscht haben. Und zwar zu Recht. Ich würde sehr viel darauf verwetten, dass sich nicht wenige Verantwortliche bei Dr. Oetker am Montag dieser Woche nach einem Sauerstoffzelt gesehnt haben. Und zwar in dem Moment, als eine Zitatkachel der selbst ernannten Kampagnen-Organisation Campact ihre Runden durch die sozialen Netzwerke drehte. Darauf zu sehen war ein Foto von einem Teil der AfD-Bundestagsfraktion, unter anderem Alice Weidel und Tino Chrupalla . Direkt daneben stand: "Die AfD : ist so rassistisch, menschenfeindlich und rechtsextrem wie eh und je." Unter dem Bild: ein Gummibärchen in AfD-Blau. Und daneben der Text: "Haribo, Dr. Oetker, BMW und andere: Laden die AfD ab jetzt zu Strategiegesprächen ein. Und deklarieren, die Brandmauer sei gescheitert?!" Man darf das auch scharf kritisieren Ein Post, der sich auf die ebenfalls am Montag bekannt gewordene Nachricht bezog, dass die Wirtschaftslobby-Verband "Die Familienunternehmer" AfD-Abgeordnete zu ihrem Parlamentarischen Abend im Oktober eingeladen hatte und dies auch künftig vorhat. Sie beendet ihre Strategie, nicht mit der vom Verfassungsschutz in Teilen als rechtsextremistisch eingestuften Partei zu sprechen. Sondern sie künftig in ihre Salons einzuladen, sprich: ein Stück weit daran mitzuwirken, sie salonfähig zu machen. Das kann man kritisieren. Das kann man auch sehr scharf kritisieren . Das kann man richtig schlimm finden. Man kann sich darüber empören. Man kann sich fragen, ob dieser Verband sich seiner Verantwortung bewusst ist – nicht nur seiner wirtschaftlichen, sondern auch seiner gesellschaftlichen. "Eigentum verpflichtet", sozusagen. Kann man alles. Als Organisation wie Campact muss man das sogar, denn andernfalls macht man sich ja überflüssig. Was man aber auch muss, und zwar noch zwingender als zu protestieren: Man muss korrekt protestieren. Und das muss man nicht nur dann, wenn man auf Facebook mehr als 600.000 Follower hat und auf Instagram mehr als 200.000. Dann aber muss man es unbedingt. Hatte Campact offensichtlich nicht. Denn nachdem man sich in Bielefeld bei Dr. Oetker vom ersten Schock erholt hatte, ging man dort an die Öffentlichkeit. Und widersprach deutlich: "Die Dr. August Oetker KG und die Dr. August Oetker Nahrungsmittel KG treten anderslautenden Darstellungen in Medien und sozialen Netzwerken entgegen", war nun auf den Firmenaccounts zu lesen: "Wir besitzen keine Mitgliedschaft im Verband 'Die Familienunternehmer'." Campact hat auch in der Reaktion versagt Sie sehen: Bei Dr. Oetker ist es ein bisschen kompliziert. Es ist ein riesiges Unternehmen, es haben sich Erben gestritten, es wurden Unternehmensstränge verteilt – kurz: den einen Dr.-Oetker-Betrieb gibt es nicht. Es bedarf also ein wenig Sorgfalt, um herauszufinden, wer denn eigentlich wer und wer bei wem womöglich Mitglied ist. Denn hinzu kommt: Der Verband "Die Familienunternehmer" gibt seine Mitglieder nicht öffentlich preis. Kann man auch doof finden, muss man aber bei der Recherche berücksichtigen. Man muss nachhaken und sich bombensicher sein, bevor man Unternehmen anprangert. Was man auch muss: Fehler erkennen und reagieren. Angemessen reagieren. Und auch da hat Campact weitgehend versagt. Es löschte seinen Post zwar sehr schnell – und reagierte dann für Netzverhältnisse sehr lange gar nicht weiter. Erst einen Tag später schaffte dann ein neuer Post Klarheit: Es sei "ein Fehler unterlaufen", textete Campact. "Wir hatten in dem Post gesagt, dass Dr. Oetker und Haribo Mitglieder des Lobbyverbands sind. Das ist nicht korrekt, deswegen haben wir den Post gelöscht. Und entschuldigen uns für den Fehler!" So was bekommt man nie aus der Welt Es geht noch ein bisschen weiter; beim Kurznachrichtendienst Threads umfasst der neue Post sechs Einzelposts. Und gemessen daran findet der nun wirklich gar nicht so kleine Fehler keine weitere Erwähnung. So kann man den eigenen Fauxpas auch verschleiern, er geht einfach unter. Too little, too late. Campact drückt sich. Das fängt schon bei der Formulierung an. Es ist kein "Fehler unterlaufen", sondern man hat einen Fehler gemacht. Und sich einen Tag Zeit gelassen, ihn aus der Welt zu räumen. Was ja nie ganz gelingt. Der ursprüngliche Post hatte ungleich mehr Likes als seine Korrektur. Er wurde geteilt. Und es kursieren nach wie vor zahlreiche Boykottaufrufe. Was einmal im Netz ist, bleibt da auch, das wird man auch bei Campact wissen. Auch Haribo hat sich geäußert und seine Mitgliedschaft im Verband dementiert. Auf Facebook schreibt das Unternehmen: "Die Falschinformationen stammen ursprünglich aus einem Wikipedia-Eintrag, der mittlerweile korrigiert wurde." Im Zweifel erst mal schweigen Es bleibt ein sehr schlechter Nachgeschmack. Denn es ist immer schlecht, erstens solche zu attackieren, die eigentlich im selben Team spielen. Nun ist Dr. Oetker keine NGO , aber in seinen Positionen sehr klar. Beim Überfall Russlands auf die Ukraine zum Beispiel ging das Traditionsunternehmen mit sehr geradem Rücken an die Öffentlichkeit und ließ keine Zweifel an seiner Solidarität mit der Ukraine. Zweitens ist es ziemlich blöd, schlampig arbeitend dazustehen als eine Organisation, die Spendengelder einsammelt. Und drittens ist es richtig, richtig schlimm, unprofessioneller dazustehen als die, die man bekämpfen will. Keine Sorge: Den Wortwitz mit dem "Gummibären-Dienst" erspare ich uns jetzt. Das Ganze ist ja so schon schlimm genug. Ganz offensichtlich aber hat man das bei Campact noch nicht so recht verstanden. Eine Sprecherin schreibt mir auf Nachfrage zur Begründung für den Fehler: "In vielen Medien kursieren gerade Gerüchte, welche Unternehmen zu den sogenannten 'Familienunternehmer' gehören. Viele davon lassen sich schwer überprüfen. Denn der Verband hält geheim, wer bei ihm Mitglied ist." Tja. Dann nennt man im Zweifel erst mal lieber keine Namen. Und denkt nach. Mindestens für eine Pizza-Länge. Und verlässt sich nicht auf unsichere Quellen wie Wikipedia oder ChatGPT. Denn auch Reichweite verpflichtet.
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