Harvey Weinstein: Ex-Filmproduzent zeigt keine Reue vor Gericht

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Mit den Vorwürfen zahlreicher Frauen gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein begann vor neun Jahren die "Me Too"-Bewegung. Mittlerweile wurde er mehrfach verurteilt und sitzt noch immer vor Gericht. Doch das sorgt kaum noch für Aufsehen. David Schafbuch berichtet aus New York "Gibt es heute einen Prozess, von dem ich wissen müsste?", fragt ein Sicherheitsbeamter in der Eingangshalle des New Yorker Supreme Criminal Court, als er den Presseausweis erblickt. Wer zum Vergewaltigungsprozess von Harvey Weinstein will, dem einst so mächtigen und erfolgreichen Filmproduzenten, den weist der Beamte auf ein Schwarzes Brett hin. Dort ist aufgelistet, wo und wann die Prozesse heute beginnen. In welchem Saal verhandelt werde, wisse er nicht. 2017 hatten Vorwürfe von dutzenden Frauen gegen Weinstein ein mediales Erdbeben verursacht: Dem Produzenten wurden durch Recherchen der "New York Times" und des Magazin "New Yorker" zahlreiche Sexualstraftaten vorgeworfen. Der Mann, der unter anderem die Herr der Ringe-Trilogie oder einen Großteil der Filme von Starregisseur Quentin Tarantino realisierte, wurde zum Inbegriff von Gewalt und Machtmissbrauch gegenüber Frauen. Weinstein beteuert Unschuld Die Veröffentlichungen lösten die sogenannte "Me Too"-Bewegung aus, in dessen Folge weitere Frauen weltweit Gewalttaten von mächtigen Männern publik machten. Weinstein wurde seitdem mehrfach verurteilt. Aktuell sitzt er eine 16 Jahre dauernde Haftstrafe ab. Bis heute beteuert er seine Unschuld und zeigt keinerlei Reue. Alle Handlungen, die ihm vorgeworfen werden, seien einvernehmlich erfolgt, behauptet er. Der Missbrauchskomplex um Weinstein beschäftigt noch immer die Justiz. Auch an diesem Tag geht es in New York um einen weiteren Fall, in dem Weinstein 2013 mutmaßlich eine Frau durch seinen Einfluss in der Filmbranche gefügig gemacht und zum Sex gezwungen haben soll. Neun Jahre, nachdem erstmals Vorwürfe gegen Weinstein laut wurden, hat sich an deren Schwere nichts geändert. Lediglich das Interesse an dem Mann ist deutlich zurückgegangen, das der Medien, der Öffentlichkeit und offenbar auch das des Gerichtspersonals. 20 Sekunden im Saal Zum Gerichtssaal geht es 13 Stockwerke nach oben, Saal 81. Davor liegt ein dunkler Flur: abgewetzter grüner Steinboden, ebenso mitgenommene graue Wände. Licht und frische Luft dringt dort kaum hinein. Vor dem Verhandlungssaal warten an diesem Donnerstagmorgen lediglich eine Handvoll Interessierte auf den Beginn des Prozesses. Neben der Eingangstür sind zahlreiche Absperrgitter aufgereiht. Gebraucht werden sie heute nicht. Zu den Interessierten gehören drei Fotografen, die sogenannte Auftaktbilder schießen: Zu Beginn dürfen sie kurz in den Saal, für den Rest des Tages sind dann keine Bilder mehr erlaubt. 20 Sekunden Zeit gibt sich einer der Fotografen, dann will er wieder raus sein. Viel sei da ohnehin nicht zu holen, sagt ein Kollege zustimmend. Denn Weinstein mache ja auch "nicht viel". Ein schweres Buch Der Angeklagte trifft um 10.25 Uhr im Gerichtssaal ein. Der 74-Jährige ist gesundheitlich mittlerweile schwer angeschlagen, er sitzt im Rollstuhl. Unter anderem soll Weinstein aktuell an Diabetes und Krebs erkrankt sein. Zudem unterzog er sich 2024 einer Herzoperation. Weinstein trägt einen dunklen Anzug und eine Lesebrille schief im Gesicht. Auf seinem Schoß liegt ein schweres Buch. Es ist eine 1.072 Seiten dicke Biografie des Verlagsgründers von Random House, Bennett Cerf. Der Verleger förderte unter anderem die Karrieren von Autoren wie William Faulkner, Truman Capote oder Ayn Rand. Weinstein produzierte in seiner langen Karriere Filme mit Schauspielerinnen wie Rose McGowan, Gwyneth Paltrow oder Uma Thurman: Sie alle warfen ihm später sexualisierte Gewalt vor. Als Weinstein hinter der Anklagebank ankommt, verrichten die Fotografen rasch ihre Arbeit und verlassen den Saal. Ein Gerichtsdiener löst eine Handschelle von Weinsteins n Arm. Er war an seinen Rollstuhl gekettet. Haft auf einer Insel Auf den langen Holzbänken für die Zuschauer nehmen pro Reihe höchstens zwei bis drei Personen Platz. Vor sechs Jahren, als Weinstein sich erstmals wegen mehrerer Sexualverbrechen vor exakt dem gleichen Gericht in New York verantworten musste, war das noch anders. Damals wurden viele Journalisten wegen des großen Andrangs überhaupt nicht in den Saal gelassen. Vor dem Gebäude war es zu Demonstrationen gekommen. Seine aktuelle Haftstrafe verbüßt Weinstein auf der New Yorker Gefängnisinsel Rikers Island . Die Haftanstalt steht seit Langem wegen Gewalttaten und schlechten Haftbedingungen in der Kritik. Er sterbe da drin, sagte Weinstein jüngst in einem Interview dem "Hollywood Reporter". Die Stadt will das Gefängnis in Zukunft schließen. Weinstein sei durch seine Krankenakte zu einer "unerwarteten Stimme" für die Schließung geworden, schrieb die "New York Times" im vergangenen Jahr. Weinsteins echte Stimme hören an diesem Tag nur seine Anwälte. In den Zeugenstand wird er nicht gerufen. Stattdessen befragen die Staatsanwälte und seine Verteidiger zwei Hotelmanager aus Kalifornien . Sie erläutern, wie Weinstein regelmäßig für wenige Tage als Gast in ihren Luxushäusern eincheckte. Auf fünf großen Bildschirmen werden im Saal Rechnungen gezeigt: Es geht um regelmäßige Schönheitsbehandlungen oder Mahlzeiten, die auch mal mehr als 1.000 Dollar gekostet haben. Urteil im dritten Anlauf? In den Hotels verwendete Weinstein häufig Decknamen wie "Max Poster" oder "Jim Westbrook". Für prominente Gäste, so bestätigen es beide Zeugen, sei das nicht ungewöhnlich. Worauf die Staatsanwaltschaft aber mit den geladenen Zeugen hinauswill, wird nicht ersichtlich. Weinstein wird in dem Prozess vorgeworfen, 2013 eine damals 27 Jahre alte Schauspielerin in New York vergewaltigt zu haben. Der Produzent spricht wiederum von einvernehmlichen Handlungen. 2020 wurde er dafür bereits schuldig gesprochen. Das Urteil wurde 2024 allerdings wegen Formfehlern aufgehoben. Im vergangenen Jahr wurde der Fall zum zweiten Mal verhandelt. Ein Urteil gab es nicht, weil sich die Jury nicht auf einen Schuldspruch einigen konnte. Jetzt wird die Sache also zum dritten Mal verhandelt – und Richter Curtis Farber bläst nach der Vernehmung der ersten Hotelmanagerin kurz die Backen auf. Im Verlaufe des Tages wird es immer wieder zu Verzögerungen kommen. Den Mitgliedern der Jury verspricht er zwischenzeitlich, dass sie heute pünktlich um 16 Uhr den Saal verlassen können. "Schläfriger Tag" Während der mehrstündigen Verhandlung gähnt der Richter immer mal wieder. Mal diskutieren Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung, ob verschiedene Dokumente nicht noch geschwärzt werden müssten, bevor sie im Saal präsentiert werden. Mal fehlen mehrere Seiten in einem Vernehmungsprotokoll, die man auftreiben muss. Ein Gerichtsdiener, der hinter Weinstein sitzt, schaut nach mehreren Stunden wiederholt zur Decke. Einer seiner Kollegen drückt auf einem hellgrünen Stressball herum. Der Angeklagte nimmt all das ohne große Regungen wahr. Dabei war Weinstein schon vor den "Me Too"-Vorwürfen in Hollywood für seine Wutanfälle und Gewaltausbrüche bekannt. Im New Yorker Gerichtssaal ist davon nichts zu merken. Seine Anwälte reichen ihm hin und wieder Notizen auf kleinen, roten Zetteln, die Gerichtsdiener Plastikbecher mit Wasser. Mehrmals wischt sich der 74-Jährige mit einer nassen Serviette durch das Gesicht. Weinsteins Verteidiger, Marc Agnifilo, spricht in einer Vernehmungspause von einem "schläfrigen Tag". Agnifilo hat Erfahrung in Prozessen mit großer, medialer Aufmerksamkeit. Zu seinen Klienten zählte schon der Musiker und Unternehmer Sean Combs, der unter dem Künstlernamen Diddy bekannt wurde. 2025 wurde Combs wegen Delikten im Zusammenhang mit Prostitution zu einer Haftstrafe von vier Jahren und zwei Monaten verurteilt. Aktuell arbeiten seine Anwälte daran, die Dauer der Strafe zu mindern. Pünktlich um 16 Uhr kann Richter Farber verkünden, dass trotz einiger Verzögerungen die Geschworenen jetzt den Saal verlassen können. Weinsteins drei Anwälte bleiben zurück und unterhalten sich noch länger mit den drei Staatsanwältinnen und dem Richter. Auch an der Westküste der USA vertritt aktuell ein zweites Team Weinsteins Interessen vor Gericht: In Los Angeles versuchen seine Anwälte, in einem Berufungsverfahren seine aktuelle, schon geltende Haftstrafe wegen Vergewaltigung aufzuheben.
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