Die WM-Stadien in Katar: Feindliche Bedingungen

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Für die WM in Katar mussten Stadien aus dem Nichts in den Wüstensand gestampft werden. Ein leitender Ingenieur erklärt, welche Idee hinter dem ambitionierten Plan steckt.Es war eine Blamage – eine lebensgefährliche zudem: Beim Eröffnungsspiel im Lusail Iconic Stadium ging beinahe alles schief, was schiefgehen konnte. Das Trinkwasser – bei 34 Grad Hitze und extremer Luftfeuchtigkeit – bereits vor dem Halbzeitpfiff aufgebraucht, Rettungskräfte nicht auf ihren Posten, eine über zwei Kilometer lange Schlange, um mit der Metro das Stadiongelände zu verlassen.Gut 78.000 Besucher waren in das 80.000 Menschen fassende Rund geströmt, um die Partie zwischen dem saudi-arabischen Meister Al-Hilal und dem ägyptischen Traditionsklub Zamalek Kairo zu sehen. Um bei der ersten Bewährungsprobe des Finalstadions der WM 2022 in Katar dabei zu sein. Für die meisten endete der Ausflug in den gleichnamigen Vorort von Doha mit völliger Erschöpfung und in Tränen aufgelöst. Stimmen, die darin das Scheitern megalomanischer katarischer Träume sahen, versuchte man, rasch einzufangen. Es seien vielmehr "wichtige Erfahrungen" gesammelt worden, die zu einer reibungslosen Veranstaltung der WM beitragen würden, hieß es vom katarischen Organisationskomitee. Eine erwartbare wie durchsichtige Stellungnahme.Ebenso erwartungsgemäß wurde an keiner Stelle erwähnt, dass sich die Eröffnung des Lusail Iconic um gut zwei Jahre verspätet hatte. Das für das Stadion zuständige britische Architektenbüro Foster & Partners verschob ein im Februar 2022 zugesagtes Interview im Gleichschritt mit den Verzögerungen auf der Baustelle in Katar, nur um irgendwann im Spätsommer 2022 nicht mehr auf t-online-Nachfragen zu reagieren. Zumindest sie scheinen die Lust daran, über ihr Projekt im Wüstenstaat zu sprechen, verloren zu haben.Ein städtebaulicher KraftaktAcht Stadien mit einer Mindestkapazität von 40.000 Zuschauern ließ Katar in den vergangenen zwölf Jahren aus dem Wüstenboden stampfen – all das in einem Land, dessen Fläche in etwa der Hälfte des deutschen Bundeslandes Hessen entspricht. Ein städtebaulicher Kraftakt, denn mit dem reinen Stadionbau ist es natürlich nicht getan: Zufahrtsstraßen, Metronetze, Parkflächen und -plätze – Katar musste eine komplett neue Infrastruktur schaffen, die einem Besucheransturm von gut 1,2 Millionen Menschen Herr wird. Das ist im Übrigen über ein Drittel der aktuellen Bevölkerung Katars, die um die drei Millionen pendelt. Ein absurdes Vorhaben, das es ab dem 20. November, wenn die WM mit der Partie Katar gegen Ecuador beginnt, nun jedoch zu meistern gilt.Im Fokus werden dann besonders die Arenen in und um Doha, der Hauptstadt des Landes, stehen. Dass die (Fußball-)Welt überhaupt im Winter 2022 dorthin blickt, hat auch mit der Arbeit eines deutschen Architektenbüros zu tun.Albert Speer + Partner (AS+P) erarbeitete zwischen 2009 und 2010 die Bewerbungsunterlagen für eine mögliche Fußball-WM in Katar. Auf mehr als 700 Seiten führten die Frankfurter Experten aus, wie das größte Einzelsportevent der Welt in einer Umgebung stattfinden könnte, die aufgrund des extremen Klimas für die Austragung von Leistungssport feindliche Bedingungen hat. Stadien, Trainingsstätten, Unterkünfte, Verkehr – AS+P beleuchtete alles, was es benötigte. Aufgrund ihrer Arbeit, ihrer Ideen, wie etwa modularer und gekühlter Stadien, erhielt Katar den Zuschlag – klammert man das vermeintlich kräftig geflossene Bestechungsgeld und die politische Einflussnahme mal großzügig aus.Konkret tätig wurde AS+P in Katar jedoch nicht. "In Folge wurde AS+P leider nicht mit der weiteren Planung beauftragt und war somit auch nicht am Bau der jetzigen Stadien beteiligt", erklärte Unternehmenssprecherin Sara Bertsche t-online. Ein überraschendes Manöver, auch wenn ihre Kollegin Susanne Wellershaus erklärt, dass es durchaus üblich sei, dass "die Planungen im Rahmen einer Bewerbung für ein Mega-Event und die spätere Planung für die Umsetzung zwei getrennte Aufgaben" seien. Weshalb das Frankfurter Büro trotz seines erfolgreichen Konzepts keine Anschlussprojekte in Katar erhielt, kann oder will AS+P jedoch nicht verraten.Ein Containerstadion im Lego-System als grünes Gewissen der WMJemand, der den Bau eines der acht WM-Stadien wiederum maßgeblich konzipiert und geleitet hat, ist Knut Stockhusen. Für das Stuttgarter Ingenieursbüro Schlaich Bergermann Partner (SBP) war er für das Stadion 974 zuständig, der wohl ikonischsten und zugleich kurzlebigsten Arena in Katar.Denn die Arena im Osten Dohas besteht aus Hunderten – den namensgebenden 974, um genau zu sein – Containern, die im Lego-System zu einem 40.000 Zuschauer fassenden Fußballtempel zusammengesteckt wurden. "Alle wesentlichen Funktionen eines modernen Stadions sind in den Containern untergebracht. Haustechnik, Lüftung, Kontrollräume, Logen, Toiletten, Büros und alles Weitere sind darin angeordnet", erklärt Stockhusen t-online.Kurz nach der WM wird das Stadion, in dem sechs Gruppenspiele sowie ein Achtelfinale ausgetragen werden, in seiner aktuellen Form bereits wieder Geschichte sein: Es wird komplett in seine Einzelteile zerlegt, Stahlträger werden für andere Sportstätten genutzt, die Container teils nach Afrika verschifft, teils für andere Nutzungskonzepte in Katar eingesetzt.Die modulare Bauweise erleichtert den Rückbau dabei enorm. Ein aus gleich mehreren Aspekten spannendes Konzept: So wird das Stadion 974 zu keinem Millionen-Betongrab, wie es viele der un- bzw unterbenutzten WM-Arenen in Südafrika und Brasilien wurden. Das für den Bau erschlossene Areal am Persischen Golfstrand wird nach dem Turnier zu einem Naherholungsgebiet umgestaltet, die einzelnen Elemente werden in anderen Kontexten genutzt und verbaut.Devise für den Bau des Katar-Stadions: "Reduce, reuse, recycle"Dennoch fragt man sich: Der Rückbau des Stadions verschlingt noch einmal Arbeitskraft, Energie, Geld – inwiefern ist all das mit dem Nachhaltigkeitsgedanken vereinbar?"Der Rückbau und Neuaufbau sind vergleichsweise harmlos im Vergleich zur Produktion und Fertigung, der Phase mit dem größten CO2-Fußabdruck", erläutert Stockhusen. "Der Umzug des Stadions, eine mögliche Umkonfiguration in viele kleinere Arenen und Stadien oder der vollständige Neuaufbau am nächsten Austragungsort sind um ein Vielfaches nachhaltiger als ein Neubau, da die Elemente bereits produziert sind."Stockhusen gefällt zudem der Gedanke, dass das von ihm mitgeplante Stadion 974 mit dem weit verbreiteten Selbstverständnis bricht, Architekten und Ingenieure würden ein Monument für die "Ewigkeit" schaffen: "Wenn ein Bauwerk für die Ewigkeit geschaffen wird, das funktional allen heutigen und zukünftigen Anforderungen entspricht, hat die Architektur und die Ingenieurskunst doch alles richtig gemacht. Geht es aber nur darum, ein Monument zu erschaffen, stimmt nichts mehr."Stattdessen solle verstärkt das Prinzip "reduce, reuse, recycle" im Fokus stehen, findet der Ingenieur: "Wir wollen dazu beitragen, dass durch Innovation, Kreativität und durchdachte Planung flexible und multifunktional einsetzbare Bauten entstehen, die so eine maximale Lebenszeit haben oder eben einer Nachnutzung in Bestandteilen oder als Ressource zugeführt werden können."Das Stadion 974 soll so etwas wie das grüne Gewissen der WM in Katar sein, deren Ruf schon vor dem ersten Anpfiff, vor dem ersten erzielten Tor, desaströs ist. Statt, wie gewünscht, von der angeblich ökologischsten und sowieso in allen Belangen besten Endrunde aller Zeiten wird über geschätzt mehrere Tausend tote ausländische Vertragsarbeiter, sklavenähnliche Zustände auf den Baustellen und Unterkünften sowie homophobe und frauenfeindliche Aussagen offizieller Turnierbotschafter gesprochen.Auch Stockhusen muss sich als Beteiligter dieser Kritik stellen, sagt unter anderem: "Natürlich sind derartige Berichte aus der Bauphase sehr besorgniserregend und beschäftigen uns intensiv." Die Entscheidung, ein Projekt im menschenrechtsfremden Emirat zu übernehmen, verteidigt er dennoch: "Wir hinterfragen grundsätzlich zunächst einmal jedes neue Projekt weltweit und vor allem, ob und wenn ja, welchen Beitrag wir hier liefern wollen und können. Die Idee des Container-Stadions erschien uns derart revolutionär, dass wir uns dafür entschieden."Es stehe außer Frage, "dass die Sicherheit und der Schutz aller Beteiligten absolute Priorität vor allem anderen haben", betont Stockhusen. "Hier sind alle gefordert, proaktiv mitzumachen und Verbesserungen direkt vorzuschlagen und diese dann auch einzufordern, nur dadurch können sich doch Arbeitsbedingungen global verbessern."Trotz all dieser Überlegungen und Abwägungen: Gab es einen Punkt, an dem er und sein Büro sich von der Zusammenarbeit zurückgezogen hätten? "Natürlich gibt es Grenzen", antwortet Stockhusen – und nennt ein konkretes Beispiel: "Aus aktuellem Anlass zum Beispiel die Invasion Russlands in die Ukraine – die derzeitig die weitere Bearbeitung von Projekten in Russland unmöglich macht."Katar-WM als "wichtige Erfahrung" für die Zukunft des Sports?Bleibt noch die Frage zu klären, was für ein Zufall es doch ist, dass 974 nicht nur die Anzahl der verbauten Schiffscontainer ist, sondern auch die internationale Telefonvorwahl von Katar. Stockhusen gibt darauf eine erfrischend unverblümte Antwort. "Der Zusammenhang zwischen Anzahl der Container und Countrycode ist natürlich Marketing. Die Anzahl der Container ergibt sich eigentlich aus der Größe des Stadions, der Zuschaueranzahl und der Nutzung und wurde dann aber entsprechend angepasst."Wie so vieles bei diesem Turnier hat so auch das Stadion 974 den Impetus des Gewollten, des Gezwungenen, des Versuchs, die WM in eine Wüste der Fußballkultur zu verpflanzen. Der Versuch, der die (kurzfristige) Existenz des Stadions 974 überhaupt erst ermöglicht. Eine im Grunde obsolete Existenz – oder ist Katar und das Stadion 974 eine tatsächlich "wichtige Erfahrung" für die Zukunft des Sports, der Sportstätten und -events?Stockhusen liefert eine unscharfe, aber doch deutliche Antwort: "Der Prozess der Vergabe von Großsportveranstaltungen sollte überdacht werden, wie man an den inakzeptablen Verfehlungen vieler Sportfunktionäre sieht." Und weiter: "Sportgroßveranstaltungen sind aber ein komplexes Thema, mit vielen Perspektiven. Es geht doch nicht um Fußball, sondern um Sport an sich." Ihm geht es um die Grundsätzlichkeit des großen Ganzen."Eigentlich dient doch die Idee von internationalen Sportveranstaltungen neben dem sportlichen Wettstreit vor allem der Völkerverständigung und dem kulturellen Austausch", manifestiert Stockhusen, "wenn derartige Veranstaltungen aber immer nur in hochentwickelten Gebieten stattfänden, würde die Entwicklung an anderen Orten eventuell ins Stocken kommen."
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