Vielerorts wird auf ein schnelles Ende des Iran-Kriegs gehofft, damit Öl- und Gaspreise sinken. Dies könnte allerdings deutlich länger dauern als angenommen. Die Energiemärkte werden sich von den Folgen des Iran-Kriegs wahrscheinlich über Monate nicht erholen. Ein Bericht der britischen Wochenzeitung "The Economist" zeigt auf, dass sich Öl- und Gaspreise wohl nur sehr langsam wieder sinken, selbst wenn der Krieg sofort enden sollte. Ursache für den enormen Preisanstieg ist insbesondere die iranische Blockade der Straße von Hormus. Dadurch fällt rund ein Fünftel der weltweiten Erdöl- und Erdgasproduktion weg. Durch die Knappheit sind die Preise deutlich gestiegen – Brent-Rohöl um 54 Prozent seit Kriegsbeginn, Gaspreise in Europa sogar um 85 Prozent. Krieg in Nahost: Das Eingeständnis eines Irrtums Straße von Hormus: "Das ist ein regelrechter Meilenstein" Doch die Situation hat noch weitere Konsequenzen als den Lieferausfall im Moment. So müssen nach Kriegsende drei Dinge geschehen, um den vorherigen Zustand zu erreichen. Zunächst müssen die Produzenten am Golf ihre Fördermenge wieder auf das alte Niveau bringen. Dann müssen Schiffe das Öl zu Raffinerien bringen. Dort muss die Lieferung dann zu nutzbarem Kraftstoff verarbeitet werden. Jeder Schritt könnte dabei deutlich länger dauern als angenommen – Ähnliches gilt beim Gas. Viele Anlagen sind beschädigt Die Golfstaaten haben ihre Produktionsmenge aktuell deutlich reduziert, da sie weniger Öl exportieren könne. Soll die Produktion wieder aufgenommen werden, müssen die Anlagen überprüft und Verstopfungen in den Leitungen beseitigt werden. Der Druck muss langsam hochgefahren werden. Erste Verarbeitungsanlagen müssen ebenfalls erst geführt werden. Laut des "Economist" könnte all dies zwei bis vier Wochen dauern. Ein großes Problem beim Gas: Viele Anlagen sind beschädigt. Das weltweit wichtigste LNG-Kraftwerk Ras Laffan in Katar ist verantwortlich für ein Fünftel der weltweiten Produktion. Nun sind zwei der 14 Verflüssigungsanlagen stark beschädigt. Dauer der Reparatur laut dem katarischen Staat: drei bis fünf Jahre. Auch bei weniger stark beschädigten Anlagen dürften sich die Reparaturen über mehrere Wochen hinziehen. Große Probleme bei der Schifffahrt Auch bei der Schifffahrt könnte es dauern, bis alles wieder wie gewohnt funktioniert. So sind aktuell rund 480 Schiffe im Golf gestrandet. Viele dürften auch nach einem Waffenstillstand erst abwarten, bis sie sich wieder in Bewegung setzen. Der Rückstau würde sich zudem wohl zwei Wochen hinziehen. Zudem wurden Treibstofftanks, Lagerhäuser und Schiffe durch iranische Angriffe getroffen. Hier muss möglicherweise erst geräumt werden, damit die Durchfahrt gewährleistet werden kann. Dazu kommt, dass viele Versicherungen in der Region keine Schiffe mehr versichern wollen – und die, die es tun, haben die Prämien deutlich erhöht. Das dürfte sich laut dem "Economist" nicht so bald ändern. Ein weiteres Problem könnte sich daraus ergeben, dass ein Großteil der Tanker sich erst mal weit entfernt von der Golfregion befindet. Viele sind bei der Ölaufnahme in Amerika oder bei der Anlieferung in Asien. Diese Lieferungen müssten erst einmal abgeschlossen werden. Dies könnte bis zu 90 Tagen dauern. Raffinerien brauchen teilweise Monate für Wiederherstellung Doch selbst wenn die Schiffe das Öl aus dem Golf transportieren und nach Asien bringen, steht es vor einer Herausforderung. Die dortigen Raffinerien haben teilweise ganze Anlagen stillgelegt, es wird acht Prozent weniger Öl verarbeitet. Es könnte Wochen dauern, bis diese wieder vollständig hochgefahren sind. Insbesondere Notabschaltungen können Monate in Anspruch nehmen, sagt Ajay Parmar, ehemaliger Ingenieur beim französischen Energiekonzern TotalEnergies , "bei "The Economist". Dasselbe gelte für LNG- Regasifizierungsanlagen. So dürfte es auch nach Kriegsende rund vier Monate dauern, bis sich der Energiemarkt wieder beruhigt. Die Folgen der gesunkenen Gesamtölmenge dürfte sich durch das Auffüllen von Reserven dagegen noch bis ins nächste Frühjahr ziehen.