Iran-Krieg: S&P 500 knackt 7.000 Punkte – diese Logik treibt Anleger

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Die Aktienkurse an den US-Börsen steigen, obwohl der Krieg mit dem Iran keineswegs vorbei ist. Das wirkt widersprüchlich – folgt an den Märkten aber einer eigenen Logik. Die Wall Street hat den anhaltenden Krieg mit dem Iran zuletzt erstaunlich gelassen aufgenommen. Der S&P 500 beendete am Mittwoch den Handel mit einem Anstieg um 0,8 Prozent auf 7.022,95 Punkte und übersprang damit erstmals in seiner Geschichte die Marke von 7.000 Punkten. Der Nasdaq legte um 1,6 Prozent auf 24.016,02 Zähler zu und erreichte ebenfalls einen Rekordstand, während sich der Dow Jones kaum bewegte. Bemerkenswert ist insbesondere der größere Zusammenhang: Der S&P 500 hat damit die Verluste aus den ersten Tagen des Krieges nicht nur wettgemacht, sondern liegt wieder klar darüber. Seit der Ankündigung einer zweiwöchigen Feuerpause zwischen den USA und dem Iran in der vergangenen Woche haben die großen US-Indizes deutlich zugelegt. Das ist nur auf den ersten Blick widersprüchlich. Denn Börsen handeln nicht die Gegenwart, sondern Erwartungen. Trumps Iran-Blockade: China schaltet sich ein Überblick: Alle Entwicklungen zum Krieg in Nahost im Newsblog Genau darauf setzt der Markt derzeit. Neben der Waffenruhe gibt es Signale, dass Teheran in den Gesprächen mit Washington von seiner harten Linie abrücken könnte. Insidern zufolge erwägt der Iran eine teilweise Öffnung der Straße von Hormus . Durch die Meerenge laufen rund 20 Prozent der weltweiten Öl- und Flüssiggasexporte. Für Anleger ist das die entscheidende Nachricht: Nicht, weil der Krieg damit beendet wäre. Sondern weil damit das Szenario eines kontrollierbaren Konflikts plausibler wird. Die Börse handelt das kleinere Übel An den Märkten zählt selten, ob eine Lage gut ist. Entscheidend ist oft, ob sie weniger schlimm verläuft als befürchtet. Genau das scheint hier der Fall zu sein. Zu Beginn des Krieges dominierten Sorgen vor einer langen Eskalation, einem dauerhaften Energieschock und neuen Belastungen für die Weltwirtschaft. Nun setzen viele Anleger darauf, dass es zwar gefährlich bleibt, der schlimmste Fall aber ausbleibt. Diese Logik erklärt auch, warum selbst stockende Gespräche die Kurse nur kurz belastet haben. Die Hoffnung auf neue Verhandlungen reicht oft schon aus, um Rücksetzer wieder auszugleichen. Art Hogan von der US-Finanzfirma B. Riley Wealth sprach von einem "vorsichtig optimistischen" Markt. Thomas Altmann von QC Partners sagte, die Hoffnung auf eine Verlängerung des Waffenstillstands treibe Anleger zurück in Aktien. Und Jochen Stanzl, Chefmarktanalyst der Consorsbank, sagte: "Tatsächlich stattfindende israelisch‑libanesische Gespräche und die Aussicht auf eine Wiederaufnahme der US-iranischen Gespräche sind alles, was es braucht, um dem Markt einen Weg aus der Krise zu zeigen." Dahinter steckt auch ein psychologischer Effekt. Investoren wollen nicht an der Seitenlinie stehen, falls sich die Lage schneller entspannt als gedacht. Die Angst, eine kräftige Erholung zu verpassen, kann Märkte fast so stark antreiben wie echte Zuversicht. Gerade in Phasen hoher Unsicherheit reichen deshalb oft kleine Signale der Entspannung, um große Kursbewegungen auszulösen. Angriff auf US-Basen: Iran nutzte wohl chinesischen Satelliten Iran-Krieg: USA verlieren einen ihrer wertvollsten Hightech-Spione Sinkende Ölpreise beruhigen die Anleger Hinzu kommt ein zweiter Punkt: Der Ölmarkt sendet derzeit kein dauerhaftes Katastrophensignal. Zwar hat der Krieg die bislang größte Unterbrechung der weltweiten Öl- und Erdgasversorgung ausgelöst. Doch zuletzt fielen die Preise wieder unter die Marke von 100 US-Dollar . Das nährt die Erwartung, dass der Schock begrenzt bleibt. Für Aktienmärkte ist das zentral. Ein dauerhaft hoher Ölpreis würde die Inflation neu anheizen, die Konsumlaune drücken und die Spielräume der Notenbanken einengen. Solange Energie aber nur vorübergehend teurer wird, bleibt die Hoffnung bestehen, dass die US-Wirtschaft den Konflikt verkraften kann. Der Präsident der Chicagoer Niederlassung der US-Notenbank Fed, Austan Goolsbee, deutete genau das an: Wenn der Preisschub kurz bleibt, dürften auch die Folgen für die US-Konjunktur begrenzt sein. Auch der Verlauf der Öl-Terminkontrakte wird an den Märkten als Entwarnung gelesen. Fällt die Kurve für spätere Liefertermine, signalisiert das die Erwartung sinkender Preise. Aus Sicht vieler Investoren heißt das: Die Knappheit ist ernst, aber vermutlich nicht von Dauer. Starke Firmenzahlen überlagern den Krieg Dass die Aktienkurse an den Börsen gleichzeitig steigen, liegt aber nicht nur am Nahen Osten. Die Berichtssaison liefert zusätzliche Unterstützung. Die Bank of America meldete einen Gewinnanstieg im ersten Quartal, die US-Großbank Morgan Stanley profitierte von einer Welle an Fusionen und Übernahmen und erzielte einen Rekordumsatz im Aktienhandel. Solche Zahlen geben Anlegern ein Gegengewicht zur geopolitischen Unsicherheit. Sie unterfüttern die These, dass die amerikanische Wirtschaft trotz Krieg, Ölrisiken und politischer Spannungen robust bleibt. Wenn Unternehmen weiter gute Ergebnisse vorlegen, erscheint es Investoren leichter vertretbar, geopolitische Risiken zunächst auszublenden. Dann wird der Krieg nicht ignoriert, aber im Marktpreis relativiert. Viel Hoffnung, wenig Gewissheit Genau darin liegt allerdings auch die Schwäche der aktuellen Rally. Sie beruht bislang vor allem auf der Erwartung, dass sich die Lage nicht weiter verschärft und am Ende irgendeine Form von Verständigung möglich bleibt. Bewiesen ist das nicht. Die Gespräche zwischen Washington und Teheran sind mehrfach ins Stocken geraten. Insbesondere der Streit um die Straße von Hormus zeigt, wie fragil die Lage bleibt. Deshalb warnen auch etliche Marktbeobachter vor zu viel Euphorie. Die Deutsche Bank verweist zwar darauf, dass der Markt einen eher vorübergehenden Konflikt einpreise. Andere Experten klingen deutlich vorsichtiger. Die aktuelle Phase begünstige eher Trader, die auf kurzfristige Gewinne aus sind, als langfristige Anleger, hieß es von der Schweizer Privatbank Julius Bär , wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" berichtet. Dort lautet das Urteil: "Die aktuelle Phase erfordert nach wie vor eher Vorsicht als Mut." Damit ist auch der Kern des Widerspruchs beschrieben. Die Aktienkurse an der Börse steigen nicht, weil der Krieg vorbei wäre. Sie steigen, weil Anleger darauf setzen, dass er beherrschbar bleibt und nicht in den maximalen Schaden führt. Das kann sich als kluge Vorwegnahme erweisen. Es kann sich aber auch als Zweckoptimismus entpuppen. Noch wird der Markt vor allem durch eine Hoffnung getrieben und nicht durch eine Lösung.
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