Jude Law als Wladimir Putin: Hier ist niemand ein Magier

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In "Der Magier im Kreml" wird der Aufstieg von Wladimir Putin vom Geheimdienstchef zum Präsidenten Russlands nachgezeichnet. Leider konzentriert sich der Film dabei auf die falsche Figur. Es dauert ganze 45 Minuten, dann ist er das erste Mal zu sehen. Zwei Männer wollen Wladimir Putin , gespielt von Jude Law , von einer Karriere als Ministerpräsident Russlands überzeugen. Doch Putin, damals Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB, fühlt sich eigentlich ganz wohl in seiner Rolle: Als Spion habe er die gleiche Macht wie ein Politiker, nur ohne den Nachteil, in der Öffentlichkeit zu stehen. Aber die beiden Herren, der Medienoligarch Boris Beresowski und der TV-Produzent Wadim Baranow, müssen "etwas erfinden". Sie suchen nach einer "Galionsfigur" für Russland . Denn der aktuelle Präsident, Boris Jelzin, ist wegen seines Alkoholkonsums längst nicht mehr als Staatsoberhaupt zu gebrauchen. Putin als Nebenfigur "Kein Genie, aber fürs Erste passt er wunderbar", lautet die Einschätzung von Beresowski über den Geheimdienstmann Putin. Bekanntermaßen greift dieser dann trotz erster Einwände wenig später zur Macht. Bis heute hat Putin sie in Russland nicht mehr abgegeben. Im Film wird er immer wieder nur der "Zar" genannt. Beresowskis Urteil über Putin lässt sich auf den gesamten Film übertragen: Jude Law als Wladimir Putin, das passt in "Der Magier im Kreml" tatsächlich ganz wunderbar. Doch ein Geniestreich ist dem französischen Regisseur Olivier Assayas, der die gleichnamige Buchvorlage verfilmt hat, trotzdem nicht gelungen. Denn Putin ist nicht das Zentrum des Films, sondern nur eine Nebenfigur. Der Magier ist nicht der russische Präsident, sondern sein vergleichsweise farbloser Berater. Magisch ist daran gar nichts, oft ist es noch nicht einmal interessant. Oligarchen und der Griff zur Macht Der Film begleitet größtenteils Baranow, gespielt von Paul Dano: Man folgt ihm zunächst durch das wilde Moskau der Neunziger. Baranow macht zuerst Karriere am Theater, später im neuen Privatfernsehen. Um ihn herum werden einige Menschen sehr reich und einflussreich. Es ist die erste Generation russischer Oligarchen. Trotz Romanvorlage ist Regisseur Assayas in weiten Teilen des Films historisch korrekt – auch wenn einige der Geschichten kaum zu glauben sind. Lediglich mehrere Namen tauscht der Film aus: Der fiktive Putin-Berater Baranow ist an den Apparatschik Wladislaw Surkow angelehnt. Hinter dem großspurigen Oligarchen Dmitri Sidorow steckt die Geschichte des späteren Kremlkritikers Michail Chodorkowski. Irgendwann zur Hälfte des Films und des Jahrzehnts, als es mit Präsident Jelzin eben nicht mehr weitergeht, wechselt Baranow ins politische Fach. Wie und warum ausgerechnet dieser Fernsehmann dann ein einflussreicher Mann im Kreml wird, bleibt wie vieles andere an der Figur unklar. Ein hochrangiger Fußsoldat Paul Dano spielt ihn als gefühlskalten, uncharismatischen, loyalen Gefolgsmann Putins. Baranow ist kein Magier, kein Strippenzieher, auch kein Einflüsterer Putins. Denn der lässt ihn schon sehr früh wissen, dass er sich von niemandem etwas sagen lässt. Baranow ist lediglich ein hochrangiger Fußsoldat – und der hat dem Präsidenten emotional wie intellektuell genauso wenig entgegenzusetzen wie seiner Frau. "Mir fehlen die Worte", sagt er, als er erfährt, dass er Vater wird – und als Zuschauer fühlt man sich angesichts dieser Unberührtheit ähnlich. Viel spannender sind dagegen die vergleichsweise wenigen Auftritte von Baranows Chefs: Wenn Jude Law als Putin die Mundwinkel nach unten zieht, das Kinn zur Brust drückt und seine brutalen, imperialistischen Hasstiraden in ruhigem Ton vorträgt, dann kommt er dem Original sehr nahe. Magisch ist zwar auch das nicht, aber immerhin schön anzuschauen – etwa wenn Law bei Krafttraining die Backen aufbläst, auf Wasserski steht, oder breitbeinig im Urlaubsort Sotschi seinem Berater Befehle zuraunt. Nur Stalin ist noch populärer Leider gibt es diese Momente im Film viel zu selten. Sie reichen auch nicht aus, um richtig hinter die Fassade des Präsidenten zu blicken: In einem Moment fühlt sich Putin noch wohl als Geheimdienstmann im Hintergrund, direkt danach gibt er schon den Ton an und ärgert sich darüber, dass ein Russe noch populärer ist als er selbst: Josef Stalin. Anstatt Putins Gedankenwelt zu verstehen, sieht man Paul Dano häufiger dabei zu, wie er die Befehle seines Chefs ausführt. Mal drückt er Rockern oder Kommunisten Aktenkoffer in die Hand, mal trichtert er Putins späteren Rivalen Jewgeni Prigoschin ein, wie er Desinformationskampagnen im Internet aufziehen soll. Spätestens in der zweiten Hälfte flacht der Film dann ab, weil er immer wieder die nächste Episode in Baranows Leben abspult. Vergleichbaren Filmen war in der Vergangenheit das Zusammenspiel zwischen Schatten- und Frontmann deutlich besser gelungen: In "Vice" konnte man 2018 verfolgen, wie Christian Bale als übergewichtiger US-Vizepräsident Dick Cheney einen unterbelichteten US-Präsidenten George W. Bush (Sam Rockwell) befehligt. In "The Apprentice" erfuhren die Zuschauer 2024, wie die Weltsicht von Donald Trump (Sebastian Stan) in den Achtzigern vom diabolischen Anwalt Roy Cohn (Jeremy Strong) geschärft wurde. Zwischen Unterhaltung und Langeweile In diese Sphären vermag "Der Magier Kreml" jedoch nicht vorzudringen. Denn die Dynamik zwischen Front- und Schattenmann kommt dem Film vollkommen abhanden, weil man dem Frontmann Putin zu selten folgen kann und der Schattenmann Baranow so uninteressant ist, dass man ihm nicht folgen will. So fühlt man sich nach dem Film stellenweise unterhalten, aber doch größtenteils gelangweilt. Das ist bei einer so spannenden und vielschichtigen Geschichte schon eine ungewöhnliche Leistung im negativen Sinn, die zusätzlich von einem Ende getrübt wird, das dann doch völlig ins Fiktive abdriftet. "Der Magier im Kreml" ist seit dem 9. April in den deutschen Kinos zu sehen.
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