Die Indizes stehen nahe am Rekord – doch unter der Oberfläche bricht Panik aus. Wird KI zur größten Chance der Börse oder zur Abrissbirne ganzer Geschäftsmodelle? An den Aktienmärkten herrscht ein merkwürdiger Widerspruch. Während große Indizes wie der S&P 500 nahe ihren Allzeithochs notieren, geht bei vielen Anlegerinnen und Anlegern die Angst um. Der jüngste Rücksetzer im US-Leitindex fiel kaum ins Gewicht – eher ein kurzes Innehalten als eine echte Korrektur. Gleichzeitig wurden einzelne Aktien in wenigen Tagen massiv abverkauft, in einem Ausmaß, das sonst nur aus echten Börsencrashs bekannt ist. Besonders hart traf es etablierte Software- und Datenkonzerne wie Adobe , SAP , Atlassian , Morningstar , Workday, Intuit oder FactSet, um nur einige zu nennen. Auslöser der Sorge: Künstliche Intelligenz. Anleger fürchten, dass ganze Geschäftsmodelle überflüssig werden könnten – mitsamt Arbeitsplätzen und investiertem Kapital. Noch nie schien die Lücke zwischen glänzenden Indexständen und der tatsächlichen Marktverfassung so groß wie heute. Täuscht der Eindruck von Stabilität? Und droht KI tatsächlich, selbst milliardenschwere Branchen zu überrollen? Stabile Indizes, brüchiger Untergrund Ein Blick auf S&P 500, Nasdaq 100 oder Dax vermittelt zunächst Ruhe. Nichts deutet darauf hin, dass sich der Markt in Gewinner und Verlierer aufspaltet. Doch dieser Eindruck trügt. Während einzelne KI-Profiteure immer weiter steigen, geraten andere Aktien regelrecht in den freien Fall – trotz stabiler Indizes. Aktienexperte Tobias Krieg spricht von einem "Massaker unter der Oberfläche". Obwohl die Leitindizes kaum reagieren, würden "zahllose Aktien mit einer Intensität abverkauft, wie man es wohl selten erlebt". Fast die Hälfte aller US-Aktien notiert inzwischen unter ihrer 200-Tage-Linie – einem viel beachteten Durchschnittswert, der Trends signalisiert. Für den S&P 500 entspräche das einem Kursniveau von rund 5.090 Punkten, also fast 27 Prozent unter dem aktuellen Stand. Die Folge: Frust und Verunsicherung bei vielen Anlegern. Gewinner feiern, Verlierer stürzen ab Krieg zufolge haben algorithmische Handelssysteme den Markt fest im Griff. Diese Programme folgen Trends automatisch – unabhängig von Unternehmensgewinnen oder Bewertungen. Das Ergebnis ist eine starke Entkopplung von Fundamentaldaten. Ein Blick auf die schwächsten Aktien des S&P 500 bestätigt das Bild: The Trade Desk , Fiserv, Adobe, Gartner , Lululemon und GoDaddy gehören zu den größten Verlierern der vergangenen zwölf Monate mit Abschlägen bis zu minus 77 Prozent. Dem gegenüber stehen extreme Gewinner wie Western Digital , Seagate, Micron oder Nvidia. Auffällig: Die schwachen Aktien waren bereits im Vorjahr unter Druck und wurden weiter verkauft. Die starken Titel waren schon zuvor gefragt und legten nochmals zu. Der Markt verstärkt also bestehende Trends – nach oben wie nach unten – und blendet Zwischentöne zunehmend aus. Ein Trigger, kein Erdbeben Der jüngste Ausverkauf begann Anfang Februar mit einer Nachricht aus der KI-Welt. Das Unternehmen Anthropic stellte ein neues KI-Plug-in für seinen Chatbot Claude vor, das juristische Dokumente analysieren und Schriftsätze erstellen kann. Tätigkeiten, die zum Kerngeschäft von Unternehmen wie Thomson Reuters gehören. Die Aktie verlor daraufhin fast 18 Prozent an einem Tag. Doch Ortay Gelen, Wealth Manager bei Axia Asset Management, sieht darin nur den Auslöser, nicht die eigentliche Ursache. Viele Software- und Datenfirmen seien hoch bewertet gewesen, während gleichzeitig die Unsicherheit über die Wirtschaftlichkeit von KI wachse. "Steigende Kosten, unklare Monetarisierung, potenzielle Disruption", nennt Gelen als zentrale Faktoren. Der Markt teste derzeit ein neues Narrativ und übertreibe dabei deutlich. Verunsicherung reicht bis zu den Profis Die Unsicherheit betrifft längst nicht nur Privatanleger. "Wir werden weiterhin dieses Auf und Ab erleben", sagt Ben Falcone vom Vermögensverwalter Kayne Anderson Rudnick. Die Sorgen rund um KI seien struktureller Natur und kurzfristig kaum lösbar. Auch unter Analysten fehlt es an Klarheit, wie sich Investitionen in KI langfristig auszahlen werden. Kristina Hooper, Chefmarktstrategin bei Man Group, bringt es so auf den Punkt: Es gehe nicht nur darum, wer von KI profitiert, sondern auch darum, "diejenigen zu bestrafen, die viel Geld für KI ausgeben". Das zeigt sich am Beispiel Alphabet. Trotz starker Zahlen verlor die Aktie, nachdem der Konzern massive Investitionen in Höhe von 175 bis 185 Milliarden Dollar in Rechenzentren angekündigt hatte. Der Markt fragt sich: Wird KI ein Renditetreiber – oder ein teures Experiment? KI ist kein Wundermittel Manche Investoren fürchten, dass KI ganze Softwarebereiche überflüssig machen könnte. Josh Chastant von GuideStone Funds sieht besonders Anbieter mit veralteten Systemen unter Druck. Ortay Gelen widerspricht einer pauschalen Abgesangsthese: Generative KI sei eine Basistechnologie, kein fertiges Produkt. Sie werde in Software integriert – nicht an deren Stelle treten. Entscheidend sei, wer KI sinnvoll einbindet. Erfolgreiche Anbieter kombinierten Modelle, Daten, Arbeitsabläufe und Vertrieb. Ohne diese Bausteine bleibe es schwer, KI zu Geld zu machen. Klar ist jedoch: Wer heute nicht investiert, riskiert langfristig den Anschluss zu verlieren. Zusatz statt Ersatz Alexander Späth von der Kidron Vermögensverwaltung sieht KI nicht als Ersatz, sondern als Veränderung der Wertschöpfung. Besonders gefährdet seien Anbieter, deren Produkte hauptsächlich aus standardisierten Prozessen bestehen. "Ihr Wettbewerbsvorteil schwindet", warnt Späth. Weniger bedroht sind Späth zufolge Unternehmen mit tief integrierten Workflows, exklusiven Daten und regulatorischer Verankerung. Anbieter wie Thomson Reuters, Morningstar oder Verisk Analytics verfügen über geprüfte Datenbestände, die Vertrauen schaffen und einen Wettbewerbsvorteil bieten. KI kann Informationen bündeln, aber keine rechtssicheren Primärdaten ersetzen. Dennoch steigt der Druck, massiv in eigene KI-Lösungen zu investieren. Gewinne zählen weiterhin Bei aller Euphorie wird oft vergessen: KI muss sich rechnen. Investitionen in Rechenleistung, Energie und Fachkräfte sind teuer. Ortay Gelen betont, dass nicht entscheidend sei, ob KI Umsatz generiert, sondern wer die Gewinne abschöpft: Modellanbieter, Infrastrukturbetreiber oder Softwarefirmen. Diese Frage ist offen. Viele Anleger unterschätzen sowohl die Kosten als auch die möglichen Produktivitätsgewinne. Klar ist: Nicht jede KI-Investition zahlt sich aus. Unternehmensgewinne und Cashflows bleiben deshalb ein zentraler Maßstab – auch im KI-Zeitalter. KI-Verlierer stehen unter Zugzwang Späth verweist auf das chinesische KI-Modell DeepSeek, das gezeigt habe, wie schnell sich Machtverhältnisse verschieben können – und den Markt im vergangenen Jahr kurzzeitig unter Druck setzte. Noch sei völlig offen, welche Modelle sich langfristig durchsetzen. Für vermeintliche KI-Verlierer bedeutet das: Handlungsdruck ja, Panik nein. Gelen hält es für entscheidend, KI in bestehende Prozesse einzubetten, exklusive Unternehmensdaten zu nutzen und Partnerschaften einzugehen. Viele etablierte Anbieter verfügen bereits über starke Kundenbeziehungen und Vertriebskanäle. Das sind Vorteile, die sich nicht leicht kopieren lassen. Was Anleger jetzt tun können Für Privatanleger fühlt sich diese Phase laut Aktienanalyst Tobias Krieg "strukturell ungesund" an. Und das könne noch eine ganze Weile so bleiben. In stark trendgetriebenen Märkten verlieren klassische Bewertungsmaßstäbe zeitweise an Bedeutung. Kapital folgt Trends – nicht Qualität. Gefallene Aktien werden weiter verkauft, steigende ziehen weiteres Geld an, unabhängig von ihrem Preis. Alexander Späth sieht die aktuelle Rally zudem als "Scheinrally", getrieben von großen US-Investoren mit geringen Cashbeständen. "Positionen, die keine Performance liefern, müssen eliminiert werden", so Späth. Nachrichten wie die von DeepSeek oder Anthropic führen dann regelmäßig dazu, dass Investoren "zweifeln und verkaufen". Wer aktuell Liquidität halte, verpasse nichts, sagt Krieg. Im Gegenteil: Cash schafft Handlungsspielraum, reduziert Druck und erlaubt es, auf echte Trendwechsel zu reagieren. In unsicheren Zeiten ist Abwarten oft eine klügere Entscheidung als hektisches Handeln.