Kinderfotos auf Instagram und Co.: Diese Lektion haben viele nicht gelernt

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Viele Eltern posten noch immer bedenkenlos Kinderfotos online. Diese fehlende Medienkompetenz kann allerdings ernste Folgen haben kann. Italien , Sommer 2019. Ein früher Nachmittag an irgendeinem Wochentag, den ich schon damals aufgrund meiner glückenden Urlaubserholung nicht auf Anhieb hätte nennen können. Ich ziehe gemächliche Bahnen durch den Hotel-Pool, um wenigstens etwas Produktives zu leisten, da schieben sich eine Mutter und ihr Kleinkind in meine Sichtachse. Das Kind: hörbar genervt, die Mutter sichtbar genervt. "Trotzphase", schießt es mir durch den Kopf. Kenn ich. So weit, so bekannt. Das Kind brüllt, steigert sich immer weiter rein, die Mutter versucht, zu beschwichtigen, erreicht das Gegenteil – wir alle haben dies entweder schon am eigenen Leib erlebt oder aber zumindest beobachtet. Dann aber passiert es: Die Mutter stellt ihre Beschwichtigungsversuche ein, stockt in ihrer Bewegung, verzerrt ihr Gesicht – und schlägt zu. Auf den Po ihres Kindes. Während ich noch ungläubig starre, setzen sich andere Hotelgäste umgehend in Bewegung. Sehr, sehr schnell stehen Fremde neben der überforderten Mutter und machen ihr unmissverständlich klar: Das wird nicht akzeptiert. Kinder werden nicht geschlagen. Die Frau, auch das ist zu beobachten, schämt sich. Und geht. Mir ist diese Szene aus zweierlei Gründen in Erinnerung geblieben. Zum einen, weil körperliche Gewalt gegen Kinder hinter verschlossenen Türen immer noch stattfindet, in der Öffentlichkeit aber eher selten zu beobachten ist. Zum anderen war ich beeindruckt von der reflexhaften Zivilcourage der Leute. "Guck an", dachte ich, "es gibt doch Themen in unserer Gesellschaft, bei denen sich schnell was tut." Es gibt Lernkurven – aber leider nicht überall Denn dass körperliche Züchtigung okay war, sogar als Erziehungsinstrument, das ist so lange nicht her, auch nicht als Unterschichtenproblem. Selbst die auch von mir hochgeschätzte Astrid Lindgren und ihre Bücher, die bis heute ja in jedem halbwegs gut sortierten Kinderzimmer liegen, machen da keine Ausnahme. Michel aus Lönneberga versteckt sich vor seinem wütenden Vater im Schuppen, in dem er dann seine berühmten Holzfiguren schnitzt, und auch in den Erzählungen über die Kinder von Bullerbü kommt die Prügelstrafe an Schulen vor. In Schweden wurde sie 1979 abgeschafft, in Deutschland ist sie Lehrern seit 1973 verboten. Eltern dürfen sogar erst seit dem Jahr 2000 per Gesetz keine körperliche Gewalt mehr anwenden. Es gibt Lernkurven, das ist die gute Nachricht. Die ich allerdings hiermit direkt wieder zu einem beachtlichen Teil einreißen muss: Wenn ich mir die vielen, vielen Urlaubsfotos mir persönlich völlig fremder Kinder in meinen Timelines ansehe, gerät mein Menschenbild direkt wieder ins Wanken. Ich kenne diese Kinder nicht, weil ich auch ihre Eltern nicht kenne. Und die wiederum kennen anscheinend eine goldene Social-Media-Regel nicht: Fotos von Kindern haben im Internet nichts zu suchen. Es ist wirklich Wahnsinn, wie wenig sich diese doch eigentlich so einfache und, ich möchte behaupten: nach den Maßstäben des gesunden Menschenverstandes simple Regel durchsetzt. Nach rund 20 Jahren Social Media haben erschreckend viele Menschen nichts dazu gelernt. Medienkompetenz? Fehlanzeige! Das absolute Negativbeispiel in diesen Tagen: eine wirklich frisch gebackene Mutter. Der Kaiserschnitt sei komplikationsfrei über die Bühne gegangen, schreibt sie – bestens sichtbar, mit ihrem Baby auf dem Arm, noch im Krankenbett. Nächstes Foto: Ein DIN-A-4-Zettel mit dem perfekt lesbaren Briefkopf des Krankenhauses, in dem die Frau entbunden hat, mit dem vollen Namen des Kindes und, als wäre das alles nicht schon schlimm genug, den vollen Namen der behandelnden Ärzte und der Hebamme. Wie man in puncto Medien- und Privatsphärenkompetenz dermaßen nach unten eskalieren kann, ist mir schleierhaft. Und das wäre es mir auch dann, gäbe es Instagram, Threads und andere erst seit dem ersten Quartal dieses Jahres. Nichts, aber auch gar nichts erklärt diesen schlimmen Drang, sich unbedingt in Szene setzen zu müssen und dabei die Persönlichkeitsrechte aller Beteiligten vollständig auszublenden. Sollte der einzige und dann ja vergleichsweise hehre Wunsch dieser sicherlich sehr glücklichen Frau gewesen sein, ihr Glück zu teilen, hat sie da leider maximal von der Wand bis zur Tapete gedacht. Und ich wünsche ihr und vor allem ihrem Kind von Herzen, dass da Menschen im echten Leben sind, die ihr zum großen Wunder gratulieren und gleichzeitig erklären: "Das sollte das erste und das letzte Bild deines Kindes im Netz gewesen sein, und dieses hier löschen wir jetzt auch besser mal umgehend!" Ein Appell, der übrigens – wieder mal – auch der hiesigen Politik gilt. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass so etwas in Finnland passiert, ist viel geringer. Nicht, weil dort so viel weniger Kinder geboren werden als in Deutschland (das ist ja fast gar nicht mehr möglich), oder weil dort nahezu ausschließlich Genies leben würden. Nein, das nicht, aber: Finnland führt seit Jahren regelmäßig den European Media Literacy Index an. Das Ranking des Open Society Institutes aus Bulgarien misst, wie widerstandsfähig die jeweilige Bevölkerung der 41 untersuchten Länder gegenüber Desinformation und Fake News ist. Deutschland liegt da immer eher so auf Platz 10 oder 11. Das Geheimnis: In Finnland wird Medienkompetenz in der Schule vermittelt. Nicht als eigenes Fach, sondern in allen Fächern themenbezogen. Und auch Erwachsene werden gezielt angesprochen, zum Beispiel beim Besuch eines Museums oder anderen öffentlichen Veranstaltungen. Das wäre ein Anfang. Bevor es sehr böse endet: Der österreichische ORF hat mit einem Anwalt gesprochen. Kinder ab 14 können dort theoretisch ihre Eltern verklagen, wenn die Fotos von ihnen gepostet haben. Nur, um mal klarzumachen, was Eltern da eigentlich tun. Das ist kein Kavaliersdelikt. Schönen Urlaub!
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