Kräftig Kasse machen mit Beatmungs-Patienten

4 monate vor


Kaum eine Leistung bringt so viel Geld wie die Versorgung von Beatmungspatienten. Ein klarer Fehlanreiz, sagen Mediziner. 70 Prozent der Patienten in Beatmungs-WGs bräuchten keine Beatmung. Eine Recherche von Frontal21 und Correctiv. Als Daniel Kretz von der Beatmungs-WG hörte, war er erleichtert. Von Wohngemeinschaften, in denen Schwerstpflegefälle rund um die Uhr betreut werden, hatte er noch nie gehört. Als sein Vater 2019 bei einem Autounfall schwer verletzt wurde, lag er im Wachkoma mit einem Tracheostoma. Noch am Unfallort hatten die Rettungskräfte die Luftröhre seines Vaters geöffnet, vorschriftsmäßig. Doch das Loch in seinem Hals sollte mehr als anderthalb Jahre lang bleiben und darin ein fingerdicker Plastikschlauch stecken. Eine sogenannte Trachealkanüle, die niemand mehr entfernte, erzählt der Sohn: „Der Pflegedienst nicht, der Hausarzt nicht.“ Kaum eine Leistung bringt Pflegediensten so viel Geld ein wie die häusliche Versorgung von Beatmungspatienten. Für Palliativmediziner Matthias Thöns ist der Fall Kretz Ausdruck unseres renditeorientierten Pflegesystems. Bei der Untersuchung, stellt er fest: Hubert Kretz kann sehr wohl ohne Kanüle leben. “Ehrlich,“ sagt der Mediziner, “gruseliger kann es nicht sein. Es geht hier, ich sage das ganz offen, um ein sehr, sehr gutes Geschäftsmodell.“ Wer dem Fall Hubert Kretz nachgeht, erhält Einblicke in eine Branche, die weitgehend unbemerkt Millionen Euro Umsätze mit der Beatmung von Menschen macht. Ohne dass die Einrichtungen wirksam kontrolliert würden. Bei einer Beatmungs-WG tritt der Pflegedienst formell als Vermieter auf, der Zimmer an Patienten untervermietet. Nur so ist es „häusliche Pflege“ und kann bei den Kassen auch teurer abgerechnet werden als im Pflegeheim. Pro Patient: bis zu 30.000 Euro und Monat. Stationär sind es nur ca. 6500 Euro. Auch die Familie von Hubert Kretz musste für das Zimmer einen Wohnungsmietvertrag mit dem Pflegedienst abschließen. Plus Pflege täglich: 436,80 Euro, so geht es aus dem Kostenvoranschlag des Anbieters an die Krankenkasse hervor. Wie viel tatsächlich abgerechnet wurde, ist nicht bekannt. Daniel Kretz hatte den Eindruck, es sei vor allem ums Geld gegangen: „Man hat mir immer gesagt, wenn er das Tracheostoma nicht hat, dann muss er halt da raus. Weil dann kann man eben nicht mehr so abrechnen.“ Im Fall von Hubert Kretz belegen Behandlungsunterlagen. Neben seinem Sohn zweifelte auch eine Logopädin an der Notwendigkeit einer Trachealkanüle. In ihrem Therapiebericht vermerkte sie, dass „dringlichst abgeklärt werden solle, ob eine Dekanülierung“, also die Entfernung der Kanüle möglich sei. Die Kanüle blieb. Der Pflegedienst teilt auf Nachfrage von Frontal21 und Correctiv schriftlich mit, „Intensivpflegerische Maßnahmen verordnet allein der Arzt.“ Und weiter heißt es in einem Anwaltsschreiben: „Damit ist auch die Unterstellung obsolet, eine Behandlung erfolge abrechnungsbedingt.“ In den Behandlungsdokumenten von Hubert Kretz findet sich kein Hinweis darauf, dass die Kanüle überprüft wurde - trotz der dringenden Empfehlung der Logopädin. Daniel Krätz erzählt: Der Arzt, der seinen Vater in der Beatmungs-WG betreute, habe ihm empfohlen „wirtschaftlich zu denken“. Die Trachealkanüle am Unfallort sei doch ein Glücksfall gewesen. Wir fragen nach beim Arzt. Der widerspricht: „Diese Äußerungen wurden von mir nicht getätigt.“ Die Frage, weshalb er trotz Anratens der Logopädin die Kanüle nicht überprüft habe, lässt er unbeantwortet. Während im Jahr 2005 noch an die 1000 Patienten zuhause mit künstlicher Beatmung versorgt wurden, sind es, so waren es laut Bundesregierung 2018 schon bis zu 50.000 intensivbehandelte Patienten in häuslichen Wohneinheiten. Der Verdacht: Etliche sind wegen der besseren Abrechnungsmöglichkeiten in Mietwohnungen untergebracht. Manche hängen an Schläuchen, andere tragen nur die Kanüle. Aber wer überprüft, ob wirklich alle die auch benötigen? Mit seinem neuen Intensivpflegegesetz will der Bundesgesundheitsminister “Fehlanreize und Missbrauchsmöglichkeiten” beseitigen. Doch was das Gesetz leisten kann, wird sich erst zeigen. Der Bundestag hat das Gesetz im Juli 2020 zwar beschlossen. In der Praxis müssen die Regelungen größtenteils noch nicht angewendet werden: Es gilt ein Übergangszeitraum von 36 Monaten. #Frontal21 #Investigativ #Beatmungs-Patienten Mehr von #frontal21​​ findet ihr hier: https://kurz.zdf.de/BNG/ ----- Hier auf ZDFheute Nachrichten erfahrt ihr, was auf der Welt passiert und was uns alle etwas angeht: Wir sorgen für Durchblick in der Nachrichtenwelt, erklären die Hintergründe und gehen auf gesellschaftliche Debatten ein. Diskutiert in Livestreams mit uns und bildet euch eure eigene Meinung mit den Fakten, die wir euch präsentieren. Abonniert unseren Kanal, um nichts mehr zu verpassen. Immer auf dem aktuellen Stand seid ihr auf https://www.heute.de​​
Aus der Quelle lesen