Er gilt als erstes Supercar der Welt. Doch unter der betörenden Hülle des Lamborghini Miura verbarg sich eine Tücke: Während die High Society den Luxus feierte, kämpften Testfahrer bei Tempo 300 ums Überleben. Es gehört zu den meistzitierten Anekdoten der Automobilgeschichte: Ferruccio Lamborghini , ein erfolgreicher Fabrikant von Landmaschinen aus der Emilia-Romagna, der vielleicht schönsten Landschaft Italiens, beklagt sich bei Enzo Ferrari über die Kupplung seines Sportwagens. Die Antwort des Magnaten aus Maranello soll herablassend ausgefallen sein: "Lass mich Autos bauen. Du kümmere dich um deine Traktoren." Ob der Satz exakt so fiel, bleibt im Nebel der Markenhistorie verborgen. Sicher ist jedoch die Reaktion: Lamborghini begann kurz darauf, eigene Sportwagen zu entwickeln. Nur drei Jahre später, im März 1966, präsentierte er auf dem Genfer Autosalon den Miura – ein Auto, das die Statik der Branche verschob. Er stieß VW vom Thron: Der Opel, den ganz Wolfsburg hasste Koks, Edelstahl, Flügeltüren: John DeLorean jagte sein Imperium in die Luft Die Sensation von Genf Der Miura war flach, radikal und technisch ein Bruch mit der Tradition. Während Ferrari seine Zwölfzylinder-Modelle damals überwiegend mit Frontmotor konstruierte, setzte Lamborghini auf einen quer eingebauten V12 direkt hinter den Sitzen. Dieses Mittelmotor-Konzept war zuvor fast ausschließlich im Rennsport zu finden. Gepaart mit dem visionären Design des jungen Marcello Gandini wurde der Miura nicht nur zum Blickfang. Denn mit einer Höchstgeschwindigkeit von bis zu 290 km/h war er auch eines der schnellsten Serienautos seiner Zeit. Für viele Historiker markiert dieser Wagen die Geburtsstunde des modernen Supersportwagens. Genau hinschauen: Aus diesem Kasten wurde später ein SUV-Welterfolg Stahl gegen den Sensenmann: Volvo macht den Tod zum Verkäufer Vom Geheimprojekt zum Weltstar: Der VW, den keiner wollte – und alle liebten Das Sinatra-Urteil Schnell avancierte der Miura zum ultimativen Statussymbol. Musiker und Filmstars verfielen dem Stier (dem Wappentier der Marke) aus Sant'Agata, darunter Rock-Größen wie Elton John und Rod Stewart . Besonders tief saß jedoch ein Ausspruch von Frank Sinatra. Der Entertainer, der sich Ende der 1960er-Jahre einen Miura kaufte, soll den Unterschied zwischen den Marken so zusammengefasst haben: "Wenn du jemand sein willst, kaufst du einen Ferrari. Wenn du jemand bist, kaufst du einen Lamborghini." Es war ein rhetorischer Tiefschlag gegen das bis dahin unangefochtene Prestige aus Maranello. Eine Schönheit mit gefährlichen Tücken Doch so spektakulär der Miura auftrat, so anspruchsvoll war sein Charakter. Die Aerodynamik steckte noch in den Anfängen. Bei hohen Geschwindigkeiten und leerem Tank (er steckte ganz vorne) konnte die Vorderachse deshalb gefährlich leicht werden – der Wagen drohte abzuheben. Einst billig, heute begehrt: Diese DDR-Autos sind jetzt Gold wert Der Land Cruiser hat Geburtstag: Vom Verlierer zum gefeierten Filmstar Testfahrer wie Bob Wallace spielten eine entscheidende Rolle dabei, das Biest zu bändigen. Seine nächtlichen Hochgeschwindigkeitsfahrten über italienische Autobahnen sind heute fester Bestandteil der Marken-Mythologie. Sie zeugen von einer Ära, in der Mut oft die fehlende Computerberechnung ersetzte. Und auch die Vernunft. Rückzug auf das Weingut Der glanzvolle Aufstieg der Sportwagen konnte die Krise im Stammgeschäft nicht verhindern. Anfang der 1970er-Jahre geriet Lamborghinis Traktorenunternehmen infolge einer Agrarkrise unter Druck. 1972 verkaufte Ferruccio Lamborghini seine Anteile am Sportwagenhersteller. Er zog sich auf ein Landgut in Umbrien zurück, wo er fortan Wein produzierte – unter anderem eine Sorte namens "Sangue di Miura", das Blut des Miura. Es war der Abschied eines Mannes, der sein Ziel erreicht hatte. Ein Wendepunkt für die Ewigkeit Der Miura blieb ein Meilenstein. Sein Konzept des leistungsstarken Mittelmotor-Sportwagens wurde in den folgenden Jahrzehnten zum Weltstandard – eine Architektur, die später viele Hersteller für ihre Spitzenmodelle übernahmen. Auch Ferrari. Ferruccio Lamborghini hatte den Rivalen aus Maranello nicht besiegt. Aber er hatte ihn gezwungen, sich neu zu erfinden.