Er war Jugendnationalspieler, Model, Schauspieler und macht seit Jahrzehnten Musik: Marten Laciny alias Marteria. Im Interview blickt er auf persönliche Fehler und politische Irrwege. Ein Hinterhof in Berlin-Kreuzberg, Ende März: Versteckt zwischen Mülltonen und parkenden Transportern führt eine Nebentür in einen dunklen Flur. Ein unscheinbarer Aufzug ruckelt in die oberste Etage. Ankunft in einem Büro, das so gar nicht nach Rap-Prominenz aussieht. Die Einrichtung: spartanisch. Der Ausblick: karg. Drei Mitarbeiterinnen tippen auf ihren Tastaturen herum. Plötzlich schwingt eine Tür auf und ein Mann füllt den Raum mit seiner Präsenz – und einer stürmischen Begrüßung. Marten Laciny, besser bekannt als der Musiker Marteria, wirkt bestens gelaunt und begegnet einem mit einer fast schon kumpelhaften Art. Der 43-Jährige hat das letzte Album seiner "Zum Glück in die Zukunft"-Trilogie fertiggestellt. Vom Stress der letzten Monate fehlt jede Spur. Im Interview spricht der gebürtige Rostocker über seinen persönlichen Lebenswandel und eine Politik, die ihm Kopfschmerzen bereitet. t-online: Herr Laciny, sind Sie heute ein anderer Mensch als noch vor 20 Jahren? Marten Laciny: Definitiv. Ich habe in meinem Leben viele Fehler gemacht und meine Lehren daraus gezogen. Welche Fehler waren das? Es sprengt den Rahmen, alles aufzuzählen: Aber es hat sicher auch mit meinem früheren Lebensstil, Drogen und falschen Entscheidungen zu tun. Wie haben Sie sich da herausmanövriert? Ich habe mich in Therapie begeben und sehr viel über mich gelernt. Können Sie das präzisieren? Das Wichtigste ist, Fehler anzuerkennen und Verantwortung zu übernehmen. Entscheidend ist die Selbstreflexion: zu verstehen, warum Dinge passieren – und daran zu arbeiten, dass sie nicht wieder passieren. Die Therapie war dafür ein wichtiger Schritt. Was heißt das konkret für Sie? Dass ich mich hinterfragen muss. Stärke heißt, zuzuhören und Dinge zu verändern. Gerade jetzt ist eine Zeit, in der Männer mehr Haltung zeigen müssen. Sie sprechen viel von Reflexion. Gleichzeitig wirken Sie nach wie vor wie ein sehr impulsiver Mensch. Wie passt das zusammen? Ich bin immer noch impulsiv, das gehört zu mir. Aber ich habe gelernt, besser damit umzugehen. Früher habe ich vieles einfach gemacht, heute reflektiere ich mehr. Trotzdem brauche ich diese Energie – dieses Leidenschaftliche ist ein Teil von mir. Spiegelt sich genau dieser Konflikt auch in Ihrem neuen Album wider? Die Songs sind eine Verarbeitung der letzten Jahre. Persönlich, aber auch gesellschaftlich. Es geht um das, was passiert ist – und darum, wie man damit umgeht. Eine zentrale Zeile lautet: "Wir haben alles vergessen, sogar die Wahrheit." Was meinen Sie damit? Dass es immer schwieriger wird, Wahrheit zu greifen. Jeder baut sich seine eigene Realität. Gleichzeitig prasseln jeden Tag so viele Krisen auf uns ein, dass viele Menschen überfordert sind. Ist das auch eine Erklärung für die gesellschaftliche Stimmung gerade? Vermutlich schon. Viele ziehen sich zurück, suchen Sicherheit im eigenen Umfeld. Diskurs wird schwieriger, unterschiedliche Meinungen treffen seltener aufeinander. Das ist ein großes Problem. Sie sagen aber auch: Wir leben gleichzeitig so frei wie nie zuvor. Genau das ist der Widerspruch. Wir haben enorme Möglichkeiten – und gleichzeitig das Gefühl, dass vieles unsicherer wird. Diese Gleichzeitigkeit macht es so kompliziert. Sie sind in der DDR geboren. Hat das Ihren Blick auf Freiheit geprägt? Absolut. Wenn ich mit meiner Familie über die Vergangenheit spreche, wird klar, wie eingeschränkt Freiheit früher war. Heute ist sie selbstverständlich – zumindest wirkt es so. Aber gleichzeitig gerät vieles ins Wanken, weil Menschen die Orientierung fehlt. Woran machen Sie diese Orientierungslosigkeit fest? Daran, dass viele Menschen gar nicht mehr wissen, was sie glauben sollen und wie sie Sachen zu verstehen haben. Andere Meinungen werden kaum noch zugelassen. Früher gab es mehr Reibung, mehr echten Diskurs. Heute bewegen sich viele in kleinen, abgeschlossenen Kreisen. Diese Themen spiegeln sich auch in Ihren Texten. Dabei kommt man nicht umhin, über die AfD zu sprechen. Halten Sie diese Partei für ein Problem? Schon, ja. Aber nicht jeder AfD-Wähler ist ein Extremist. Wo ziehen Sie für sich die Grenze? Man muss verstehen, woher das kommt. Viele Menschen haben Angst – vor Jobverlust, vor der Zukunft. Gerade im Osten ist das oft ein Protest. Das heißt aber nicht, dass ich diese Entscheidung richtig finde. Im Gegenteil: Ich halte sie für falsch. Die AfD zu wählen? Ja. Warum? Weil diese Partei keine Probleme löst. Es ist bedrückend zu sehen, dass sich Menschen nach einer besseren Zukunft sehnen, aber eine Partei wählen, die in der Vergangenheit lebt: programmatisch, sprachlich, personell. Wie könnte ein Weg aus diesem Dilemma aussehen? Man kommt da nur ran, wenn man miteinander spricht – nicht, indem man Menschen pauschal abstempelt. Suchen Sie diesen Dialog aktiv? Ja. Ich habe zum Beispiel auf Rügen an einem Stammtisch gesessen – mit Leuten von ganz links bis ganz rechts, vom Arzt bis zum Maurer. Und da wurde wirklich diskutiert. Mit Argumenten, ohne sofortige Verurteilung. Das hat mir gezeigt, wie wichtig solche Räume sind. Sie leben bewusst nicht abgeschottet, sondern suchen den Kontakt zu Menschen jeglicher Couleur. Birgt das auch Gefahren? Ich möchte kein Leben im goldenen Käfig führen. Meine Freunde sind keine Promis, sondern ganz normale Leute. Daraus ziehe ich meine Energie – auch wenn das manchmal bedeutet, dass ich in Situationen gerate, die nicht immer kontrollierbar sind. Was genau ist Ihnen denn schon passiert? Ich bin jemand, der im Moment lebt, der gerne rausgeht, feiert. Ich brauche das. Heute weiß ich besser, wo meine Grenzen sind. Aber früher gab es Momente, wo Paparazzi Fotos von mir gemacht haben, nachdem ich die ganze Nacht in einem Club durchgefeiert habe – und vielleicht nicht gerade wie ein Vorbild daherkam. Auch für Ihren Sohn? Zum Beispiel, ja. Inzwischen ist er selbst erwachsen, macht Musik – auch mit Ihnen gemeinsam auf dem neuen Album. Welche Werte haben Sie ihm als Vater mitgegeben? Bleib so, wie du bist – aber reflektiere immer dein eigenes Handeln. Ich bin überzeugt, dass man zu seinen Fehlern stehen sollte. Ehrlich sein, Verantwortung übernehmen. Das ist mir extrem wichtig. Welche Rolle spielt Musik dabei für Sie? Musik kann Denkanstöße geben. Wenn ein Song dazu führt, dass jemand einen Gedanken zulässt, dann ist schon viel erreicht. Ihr Song "Captain Europa" zeichnet ein kritisches Bild. Ich stelle mir Europa wie einen Superhelden vor. Früher stark, bewundert, ein Vorbild. Und heute sitzt er in einer Holzhütte, trinkt Whisky, raucht – und merkt, dass seine Zeit langsam vorbei ist. Was meinen Sie damit? Europa war lange einer der wichtigsten Player. Aber jetzt kommen andere: Indien , China . Gleichzeitig gibt es interne Probleme – wirtschaftlich, politisch. Dinge, die früher selbstverständlich waren, sind es nicht mehr. Ist das auch eine Kritik an Europa selbst? Teilweise. Europa hat sich stark angepasst und verliert gleichzeitig an Zusammenhalt. Nationales Denken nimmt wieder zu – und das schwächt das Projekt. Trotzdem klingen Sie nicht komplett pessimistisch. Weil die Grundidee stark ist. Europa war nie ein klassischer Patriot, sondern ein Projekt, das auf Offenheit basiert. Aber man merkt, dass dieses Bild gerade bröckelt. Woher nehmen Sie trotz all dessen Ihre Hoffnung? Aus meinem Umfeld, aus Reisen, aus Begegnungen. Wenn man die Welt wirklich sieht, merkt man: Es gibt unglaublich viele gute Menschen. Das geht im täglichen Nachrichtenstrom oft unter. Wofür kämpfen Sie? Für Gerechtigkeit. Dafür, dass Menschen einander besser verstehen und respektvoll miteinander umgehen. Und konkret auch gegen Rassismus und Ausgrenzung. Das wird mich mein Leben lang begleiten. "Zum Glück in die Zukunft III" von Marteria wurde am 17. April 2026 veröffentlicht. Die Tour zum Album startet am 14. August in seiner Heimatstadt Rostock .