Wirtschaftsministerin Katherina Reiche möchte den Ausbau der erneuerbaren Energien neu aufstellen. Der von ihr vorgelegte Plan hätte weitreichende Folgen. Das sogenannte Netzanschlusspaket aus dem Bundeswirtschaftsministerium würde laut einer neuen Kurzstudie des Beratungsunternehmens Consentec die Energiewende massiv ausbremsen, vor allem in Regionen mit attraktiven Bedingungen für Wind- und Solaranlagen. In einigen Gebieten würde in mehr als zwei Drittel der Kommunen der Bau neuer Anlagen zum Erliegen kommen, so die Autoren. Das Gutachten, das von der Denkfabrik Agora Energiewende in Auftrag gegeben wurde, zeigt dies anhand von drei beispielhaften Netzgebieten. Dabei gingen die Autoren vom Stromertrag des Jahres 2025 aus. Reiche-Plan soll Stromsystem günstiger machen Der Entwurf des Wirtschaftsministeriums sieht vor, bestimmte Stromnetzgebiete in Deutschland als "kapazitätslimitierte Gebiete" auszuweisen. Das würde auf jene Gebiete zutreffen, die jedes Jahr mindestens drei Prozent der installierten Strommenge abregeln müssen. Das ist nötig, wenn eine Anlage gerade mehr Strom produziert, als das Netz aufnehmen kann . Der Netzbetreiber schaltet die Anlagen dann aus, muss dafür aber den Anlagenbetreiber entschädigen. Würde ein Investor künftig einen neuen Wind- oder Solarpark in einem "kapazitätslimitierten Gebiet" errichten wollen, müsste er nach dem Reiche-Plan auf diese Entschädigung verzichten. Die Ausweisung als kapazitätslimitiert würde bis zu zehn Jahre lang anhalten, in diesem Zeitraum wäre der Bau neuer Anlagen also finanziell deutlich risikoreicher als bisher. Reiche begründet diesen als "Redispatch-Vorbehalt" bezeichneten Plan damit, dass die Netzbetreiber Zeit bräuchten, um ihre Netze zu ertüchtigen. Durch die Entschädigungszahlungen würde der Steuerzahler regelmäßig für Strom bezahlen, den die Netze aber nicht aufnehmen könnten – das sei teuer und ineffizient. Die Ministerin erhofft sich dadurch also sinkende Kosten für Strom. An diesem Effekt zweifelt allerdings die Consentec-Studie. Zwar würde man an einer Stelle Geld sparen, weil die Entschädigungszahlungen ausfielen; dafür stiegen aber die Kosten an anderer Stelle. Die Finanzierungskosten für die deutlich risikoreicheren Projekte würden steigen – was ebenfalls von der Allgemeinheit bezahlt werden müsste. "Hinzu kommt, dass Projekte an weniger ertragreichen Standorten entstünden, weil der Netzanschluss dort einfacher zu erlangen ist. Das erhöht wiederum die Zuschussbedarfe aus dem Bundeshaushalt." Viel wahrscheinlicher wäre es allerdings, dass es in bestimmten Regionen zu einem Baustopp vieler Projekte käme, weil das Risiko für Investoren und Banken zu groß wäre. 77 Prozent der Gemeinden in Schleswig-Holstein wären betroffen Die Autoren der Studie kritisieren außerdem die enge Definition von "kapazitätslimitiert". Wenn diese Definition schon ab einer Abregelungsmenge von drei Prozent greifen würde, wären "weite Teile des Netzes betroffen" . Untersucht wurde dies an drei beispielhaften Netzen: Schleswig-Holstein Netz, Bayernwerk Netz und Wemag. Alle drei haben gemeinsam, dass sie besonders attraktive Standortbedingungen für erneuerbare Energien bieten – im Norden für Windkraft, im Süden für Solar. Im Schleswig-Holstein Netz wären demnach 77 Prozent der Gemeinden von einem De-facto-Baustopp betroffen, im Bayernwerk Netz würde es 62 Prozent der Gemeinden treffen. Bei Wemag sind es hingegen nur ein Prozent aller Gemeinden. Die Autoren beziehen sich auf das Jahr 2025, das insgesamt ein sehr windschwaches Jahr war; in einem durchschnittlichen Jahr könnten deshalb im Norden deutlich mehr Gemeinden betroffen sein. Ganz anders würde die Lage aussehen, wenn die Schwelle erst später greifen würde, zum Beispiel erst ab einer Abregelungsmenge von zehn Prozent. Dann wären im Schleswig-Holstein Netz nur fünf Prozent aller Gemeinden betroffen, im Bayernwerk Netz 16 Prozent. Bei der Wemag wäre keine einzige Gemeinde mehr betroffen. Netzausbau kommt voran und könnte die Lage schnell verbessern Das Beratungsunternehmen kritisiert zudem, dass der Plan des Ministeriums die sehr dynamische Lage in den Netzgebieten nicht berücksichtige. "Während einzelne Engpässe in den nächsten zwei bis drei Jahren beseitigt werden, wird der Großteil laut aktueller Netzausbauplanung erst bis Mitte der 2030er-Jahre vollumfänglich behoben sein." Die Engpassgebiete könnten sich bis dahin jedes Jahr verschieben – eine Region, die 2026 als kapazitätslimitiert gelte, könnte schon 2027 frei sein. Kritisch sehen die Autoren auch, dass nicht zwischen den verschiedenen Technologien unterschieden werde. Im Süden müssen besonders häufig Solaranlagen abgeregelt werden, die Windenergie sorge aber weniger für Probleme und sollte daher aus Sicht der Experten nicht begrenzt werden. Gleiches gelte für die Solarenergie im Norden. Insgesamt glauben die Experten, dass es ohnehin bessere Möglichkeiten gäbe, um den Ausbau der Erneuerbaren mit dem Stromnetz in Einklang zu bringen. Hierzu hat es in den vergangenen Wochen eine Reihe von Vorschlägen gegeben. So würde die Bundesnetzagentur regional differenzierte Baukostenzuschüsse befürworten. Dabei müssten sich Investoren am Ausbau der Netze finanziell beteiligen, wenn sie in einem Engpassgebiet bauen wollen. SPD lehnt Pläne von Reiche ab Ob der Plan von Katherina Reiche tatsächlich kommt, steht bisher nicht fest. Der Gesetzesentwurf befindet sich aktuell in der internen Abstimmung. Die SPD hat allerdings große Vorbehalte. Auch innerhalb der Energiebranche gibt es Kritik an dem Vorhaben – unter anderem auch von den beiden großen Netzbetreibern EnBW und EWE. Ziel müsse es sein, "den Ausbau der erneuerbaren Energien trotz begrenzter Netzkapazitäten fortzuführen und gleichzeitig die Netzstabilität zu sichern", heißt es in einem Pressestatement von EnBW. Medienberichten zufolge wird es wohl auch keine schnelle Einigung geben: Die Koalition hat konkrete Beschlüsse zum Netzanschlusspaket auf September vertagt.