Die modernen Autokraten bauen sich goldene Paläste. Moderne Demokraten üben sich in architektonischer Bescheidenheit. Was sie von Trump und Putin lernen sollten. Der amerikanische Präsident plant im Garten des Weißen Hauses einen Ballsaal, der größer und goldener werden soll als alles, was Washington bisher gesehen hat. Der russische Präsident Wladimir Putin ließ sich am Schwarzen Meer angeblich einen neobarocken Palast errichten, der in seinen Dimensionen die Sommerpaläste der russischen Zaren übertrifft. Die Familie des ungarischen Präsidenten Viktor Orbán hat ein ehemaliges Landgut der Habsburger Herrscher in der Nähe von Budapest übernommen und aufwändigst restauriert. Diese Präsidenten wissen: Macht manifestiert sich nicht nur durch politischen Einfluss und militärische Stärke. Sie muss sichtbar sein. Das kultivierte Europa belächelt die neureiche Protzerei der Autokraten. Vor allem in Deutschland blickt man spöttisch auf die goldenen Verzierungen der Macht. Nach den monumentalen Bauvorhaben der Nationalsozialisten ist Bescheidenheit seit nunmehr 80 Jahren die Maxime öffentlichen Bauens in Berlin und in den Landeshauptstädten (von Bayern einmal abgesehen, aber das ist etwas anderes). Die Architektur der Demokratie sei eine der Bürgernähe und Transparenz, heißt es beispielsweise auf der Bauprojekte-Seite der hessischen Landesregierung in stolzer Demut. Dröge und auch nicht wirklich billiger Das klingt prima. Doch die Zurückhaltung ist längst Attitüde geworden. Die wenig ambitionierten Gebäude in Deutschland sind in Herstellung und Betrieb kaum effizienter als die durchgeknallten Pläne des amerikanischen Präsidenten. Der Erweiterungsbau des Bundeskanzleramtes beispielsweise wird nicht, wie geplant, 600, sondern mehr als 770 Millionen Euro kosten. Dafür bekommen die Bundesbürger keine richtungweisende Architektur, sondern weitere Büros, eine Kindertagesstätte und zwei Hubschrauberlandeplätze. Das neue Gebäude wird mit dem bisherigen Kanzleramt verbunden und sieht dann aus wie das Oval eines Teilchenbeschleunigers. Das sei die in Beton gegossene endgültige Abkehr von den nationalsozialistischen Monumentalplänen für das Zentrum Berlins, hat der frühere Bundeskanzler Olaf Scholz einmal gesagt. Das kann schon sein. Doch bescheidene demokratische Gebäude werden nicht früher fertig, billiger sind sie auch nicht. Baumängel, Mehrkosten und Verzögerungen entstehen offensichtlich auch da, wo man sehr langsam plant. Der Berliner Flughafen BER ist zum Sinnbild dafür geworden. Die Bürgerinnen und Bürger merken das natürlich. Stuttgart 21 als Kathedrale der Mobilität Auf der anderen Seite aber verschenkt die vermeintlich karge Bauerei in Berlin und den Landeshauptstädten das identitätsstiftende Potenzial der Architektur. Was wäre Köln ohne den Dom, Dresden ohne die Frauenkirche? Dass auch die europäische Moderne für die Seele bauen kann, beweisen die Basilika Sagrada Família in Barcelona und die Elbphilharmonie in Hamburg – und wenn Stuttgart 21 irgendwann einmal fertig werden sollte, wird der Bahnhof eine Kathedrale der Mobilität sein. Über alle drei Bauten lässt sich zu Recht Hohn und Spott ausschütten. Schön sind sie trotzdem. Die Abscheu gegen die Säulen, den Marmor, das Gold in Washington und Moskau ist nur zum Teil ästhetisch bedingt. Die Protzerei, das antidemokratische "Ich mache es, weil ich es kann", stört kultivierte Demokraten noch mehr. Sie übersehen, dass die wenigen Bauten in Europa, in die man sich verlieben kann, ebenfalls verrückte Initiatoren hatten. Und sie ignorieren, dass nicht nur autokratische Präsidenten, sondern auch Demokraten identitätsstiftende Gebäude brauchen. Es muss nicht mehr Lametta sein. Mehr Mut wäre gut.