Nach dem 2:5-Rückstand in Paris schien der Traum vom Champions-League-Finale für den FC Bayern bereits geplatzt. Dann aber kam eine Ansage von Manuel Neuer. Aus Paris berichtet Julian Buhl Als das 5:4-Spektakel vorbei war, das sich Paris Saint-Germain und der FC Bayern soeben geliefert hatten, kam es zu skurrilen Szenen auf dem Platz im Prinzenpark. Die Spieler des deutschen Rekordmeisters und die von PSG begegneten sich dort nämlich noch einmal auf der gleichen Seite, wo sie sich jeweils von ihren Fans verabschieden wollten. So richtig wussten beide Lager dabei nicht, ob sie sich nach diesem mit insgesamt neun Toren historischen Champions-League-Hinspiel freuen durften oder doch ärgern mussten. Joshua Kimmich sollte später bei Prime Video von dem komischen Gefühl berichten, nach einer Niederlage auch glücklich zu sein. Irgendwie galt das für beide Teams. Paris hatte zwar gewonnen, gleichzeitig aber auch nach einer 5:2-Führung verpasst, das Halbfinale mit einem deutlichen Sieg vorzuentscheiden. Bayern hatte die Partie zwar verloren, war aber zwischenzeitlich schon fast ausgeschieden: Nach dem Pariser Doppelschlag (56. und 58. Minute) drohten bereits alle Finalträume vorzeitig zu platzen. Rummenigge exklusiv: Ex-Bayern-Boss im großen t-online-Interview 822 Millionen Euro in drei Jahren: Bayerns ungleiches Duell mit PSG Nach Kompany-Forderung: Uefa prüft Regeländerung in Champions League Genau das war der entscheidende Moment eines verrückten Halbfinalspiels, in dem die Bayern dann doch noch eine weitere Wendung schafften. Kapitän Manuel Neuer ging nach dem 2:5 aus Bayern-Sicht auf seine Mitspieler zu und machte ihnen klar, dass noch nichts entschieden sei. Trotz der lauten Stimmung im Stadion und dem Spielstand glaubte der Weltmeister von 2014 noch immer an den Finaltraum. Das berichtete er hinterher in den Katakomben des Prinzenparks. Und Neuer sollte recht behalten. Nur ein paar Minuten später schlugen Dayot Upamecano per Kopf (65.) und Luis Díaz mit einer tollen Einzelaktion (68.) zurück. Sie gaben ihrer Mannschaft damit den Glauben auf das Erreichen des Endspiels wieder zurück. Zumindest lebt die Hoffnung darauf noch. Sportvorstand Max Eberl hatte beobachtet, dass sich die PSG-Spieler, "nach dem 5:2 abgeklatscht haben, als ob sie schon durch sind, nach Budapest fahren. Du kommst dann gegen diese Kulisse zurück, das ist für mich besonders". Kimmich: "Das ist irgendwie so ein Gefühlsbad" Bayern lieferte sich mit dem Titelverteidiger einen Schlagabtausch, wie ihn noch keiner der Beteiligten je zuvor erlebt hatte. Dieses Spektakel toppte selbst das bereits als Jahrhundertspiel titulierte wilde 4:3 der Bayern vor zwei Wochen im Viertelfinal-Rückspiel gegen Real Madrid noch einmal. Vizekapitän Joshua Kimmich gab zu, dass es schwierig sei, "auch für uns dann das Spiel so richtig zu greifen, weil am Ende haben wir fünf Tore gekriegt, und vier in Paris geschossen. Das ist irgendwie so ein Gefühlsbad". Ähnlich beschrieb das auch Vorstandsboss Jan-Christian Dreesen dann beim Bankett im noblen Four Seasons George V, wo die Mannschaft ihr Teamquartier bezogen hatte. Dreesen sprach dort im Salon Vendôme, in dem sich der Bayern-Tross versammelt hatte, zunächst von "einem historischen Tag" und "etwas sehr Außergewöhnlichem". "Dann bist du eigentlich tot" Aus der erhofften Siegerparty in dem in Sichtweite des Arc de Triomphe gelegenen Etablissement wurde allerdings nichts. Dreesen fasste die Geschehnisse noch einmal zusammen und gab dabei Einblicke in seine Gefühlswelt: "Wenn du 2:5 hinten bist, dann bist du eigentlich tot. Da sitzt du auf der Tribüne und denkst: Oh, oh, oh, wie soll das werden?" Man habe heute einmal mehr "gesehen, dass diese Mannschaft Charakter hat. Sie hat diesen Charaktertest wieder einmal bestanden", sagte Dreesen. "Sie hat den Mut, den Willen und das Vertrauen in sich selbst, solche Rückstände immer wieder aufzuholen." In der Bundesliga holte Bayern nach zwölf Rückständen noch etwas Zählbares, jüngst am Samstag in Mainz, als die Münchner aus einem 0:3 ein 4:3 machten. Gegen Real Madrid im Viertelfinale kamen sie dreimal nach einem Rückstand zurück. Ein solches Traumcomeback blieb ihnen gegen den europäischen Champion in Paris zwar verwehrt. Am Mittwoch in München könnten sie genau das mit einem Sieg gegen PSG doch noch vollenden. Daran erinnerte Chefcoach Vincent Kompany in der Mannschaftskabine. Das sagte Kompany in der Kabine Aleksandar Pavlović verriet: "Er hat gesagt, dass er stolz auf uns ist, wie wir zurückgekommen sind, was für eine Mentalität wir gezeigt haben. Dass wir eine gute Energie und auch ein gutes Spiel gemacht haben. Er freut sich schon auf München." Mittelfeldchef Joshua Kimmich ergänzte: "Generell ist es für ihn jetzt auch wichtig, dass jeder diesen Glauben ausstrahlt, dass wir das noch drehen können." Jeder in der Kabine habe "diesen Glauben, dieses Gefühl, dieses Selbstvertrauen, dass wir Paris zu Hause schlagen können". Kompany, der das Spiel aufgrund einer Gelbsperre auf der Tribüne verfolgen musste, richtete aber nicht nur Worte an seine Spieler, sondern auch an die Fans. "Wir brauchen unsere Fans, wir brauchen Unterstützung. Es war so ein Feuer gegen Madrid. Wir brauchen sogar noch mehr", sagte er. "Wir brauchen 75.000 Fans, die genauso wie unsere Auswärtsfans heute gefiebert haben", so Kompany. Darauf hoffe er schon ab dem Aufwärmprogramm. Geht es nach Kompany, soll die bayerische Hauptstadt sich jetzt bereit machen für das nächste Kapitel dieser schon jetzt fast epischen Fußball-Saga – und die nächste magische Münchner Nacht.