Die Koalition hat sich darauf verständigt, die heimische Gasproduktion auszuweiten. Zuvor hatte sich Wirtschaftsministerin Katherina Reiche dafür eingesetzt. Was kann das bringen? Mitte März haben Berater von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) ein Kurzgutachten erstellt , in dem es darum geht, was Europa nach der Eskalation im Nahen Osten gegen steigende Energiepreise tun sollte. Auf Seite 18 der Studie schreiben die Ökonomen um die Wirtschaftsweise Veronika Grimm : "Eine Möglichkeit wäre es, die Gas-Extraktion etwa durch Fracking zu erlauben und ernsthaft zu prüfen, um die Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten zu reduzieren." Zuvor hatte sich Reiche selbst bereits für Fracking in Deutschland starkgemacht: "Wir haben eigene Reserven in Deutschland", sagte sie Ende Februar der Funke Mediengruppe. Seitdem wächst die Zustimmung zu diesem Vorschlag aus den Reihen der Union. Diese Idee findet sich nun auch im Beschlusspapier der Koalition vom Montag wieder. Neben Absenkung der Energiesteuer für Benzin und Diesel sowie der Einführung einer einmaligen, steuerfreien Entlastungsprämie enthält es auch ein Bekenntnis zur "Erschließung ausgewählter heimischer Gasvorkommen". Zudem soll der Ausbau der erneuerbaren Energien "ambitioniert" vorangehen. Fracking ist in Deutschland oft verboten Ganz explizit wird Fracking als Fördermethode nicht im Papier erwähnt. Dies ist in Deutschland seit 2017 in sogenannten unkonventionellen Lagerstätten größtenteils verboten. Ausgenommen sind wissenschaftlich begleitete Erprobungsmaßnahmen. Die Förderung in konventionellen Lagerstätten hingegen ist erlaubt. Allerdings schlummern nach Angaben des Bundesverbands Erdgas, Erdöl und Geoenergie (BVEG) vor allem in unkonventionellen Lagerstätten die größten Potenziale der heimischen Förderung. Dieses Gasvorkommen kann nur durch Fracking erschlossen werden. Wenn die Bundesregierung also von einer Erschließung von Gasvorkommen spricht, kann sie damit eigentlich nur Fracking meinen. Pro Jahr fördert Deutschland aktuell um die vier bis fünf Milliarden Kubikmeter Gas aus Deutschland, das meiste davon (98 Prozent) in Niedersachsen. Kleinere Reserven gibt es auch in Sachsen-Anhalt und Thüringen. Die heimische Erdgasförderung deckt etwa fünf Prozent des Erdgasbedarfs in Deutschland ab. Nach Angaben des BVEG verfügt Deutschland über 32,1 Milliarden Kubikmeter an Erdgasreserven, die wahrscheinlich noch förderbar sind. Dies würde für die nächsten sieben Jahre ausreichen, wenn man auf aktuellem Niveau fördern würde, so der Verband. Würde man unkonventionelles Fracking in Deutschland wieder erlauben, kämen womöglich noch einmal 450 Milliarden Kubikmeter Gas aus Kohleflözen und 2,3 Billionen Kubikmeter Gas aus Schiefergestein hinzu, glaubt der BVEG. Andreas Fischer, Energieökonom vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln , bestätigt auf Anfrage diese Zahlen grundsätzlich. Er mahnt aber zu Vorsicht: "Es ist hier noch unklar, welche Mengen tatsächlich wirtschaftlich erschlossen und letztendlich gefördert werden können und mit welchem technischen sowie finanziellen Aufwand dies verbunden wäre", sagt er zu t-online. Gasförderung aus Deutschland: Umweltfreundlicher als Import Für Reiche und ihre Berater erscheint es angesichts der möglichen Reserven nicht sinnvoll, auf dieses Erdgas zu verzichten, wenn zugleich derselbe Energieträger weiter importiert wird. Das Argument lautet, dass Erdgasimporte aus weit entfernten Regionen der Umwelt weitaus mehr schaden als eine stärkere heimische Gasförderung. Die Wirtschaftsministerin sieht darin einen Weg, die Importabhängigkeit zu verringern. Die Idee ist nicht neu und wurde im Zuge des Ukraine-Kriegs schon einmal diskutiert. Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina hatte deshalb die Vor- und Nachteile in einem Impulspapier untersucht. Sie kam unter anderem zu dem Schluss, dass die Umweltrisiken für Fracking durch technische Entwicklungen nicht mehr so hoch sind, wie von Umweltschützern propagiert. Solange es strenge Auflagen gebe und die "beste verfügbare Technik" verwendet würde, könnten die Risiken etwa für Grundwasser und Gewässer minimiert werden. Umweltschutz allein ist also kein ausreichender Grund, Fracking abzulehnen. Trotzdem ist das Leopoldina-Papier kein uneingeschränktes Plädoyer für Fracking in Deutschland. So könnte die heimische Förderung zwar kurzfristig einen Beitrag zum Klimaschutz leisten, indem sie die Abschaltung von Kohlekraftwerken ermöglicht . Langfristig würde Deutschland damit allerdings die Menge an fossilem Gas am Weltmarkt insgesamt erhöhen und somit auch dafür sorgen, dass mehr verbraucht würde. Aus dieser Perspektive wäre es somit eindeutig ein Rückschritt in der Klimapolitik. Fracking lohnt sich für Unternehmen ohne Subventionen nicht Außerdem schätzen Fachleute, dass es mindestens drei oder vier Jahre dauern würde, bis die Gasbranche wirklich mit dem Fracking beginnen könnte. Kurzfristig verbessert dies die Versorgungssicherheit nicht. Deutschland will bis 2045 klimaneutral werden, die EU hingegen hat ihre Klimaziele bis 2050 festgeschrieben. Nach der Inbetriebnahme bliebe daher nur ein relativ kurzer Zeitraum, in dem Fracking zulässig wäre, bevor es nach geltendem Recht wieder eingestellt werden müsste – was für Unternehmen wenig attraktiv ist. Experten zufolge ist das Return-on-Investment für Fracking in der Regel erst nach 20 bis 30 Jahren erreicht. Damit sich Fracking in Deutschland also wirtschaftlich lohnt, wäre eine Rechtsgrundlage zwingend erforderlich, die den Export des deutschen Gases nach 2045 ermöglicht. Energieökonom Fischer ergänzt, dass "voraussichtlich kontinuierlich neue Bohrungen erforderlich" wären, um wirtschaftlich sinnvolle Mengen Gas zu fördern. "Es handelt sich also nicht um eine einmalige Erschließung". Außerdem ist der Leopoldina-Untersuchung zufolge nicht klar, ob Deutschland wirklich zu wettbewerbsfähigen Preisen Gas fördern kann, vor allem angesichts der möglichen Umweltauflagen. Diese würden sich schließlich auch auf den Gaspreis auswirken, genauso wie Arbeits- und Verwaltungskosten, die hierzulande ohnehin als hoch gelten. "Inwiefern Unternehmen vor dem Hintergrund dieser und der weiteren mit Fracking verbundenen Unsicherheiten ohne staatliche Absicherung einen Einstieg erwägen würden, bleibt daher ungewiss", heißt es in den Schlussfolgerungen der Leopoldina. Es bräuchte also Subventionen, um das Fracking wirtschaftlich zu machen.