Die Regierung will die Altersvorsorge neu ordnen. Eine Studie zeigt jetzt, wie nötig das ist. Und wie das geplante Riester-Update auch die Betriebsrente in Schwung bringen könnte. Nicht weniger als einen "Paradigmenwechsel" hatte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) angekündigt . Die deutsche Altersvorsorge werde bald neu sortiert, private und betriebliche Vorsorge sollen künftig eine deutlich größere Rolle spielen. Wie groß allerdings der Nachholbedarf insbesondere bei der Betriebsrente ist, zeigt eine neue Analyse des Deutschen Aktieninstituts. Deutschland stark im Rückstand Demnach hinkt Deutschland im internationalen Vergleich bei kapitalgedeckter Vorsorge hinterher: In Deutschland entsprechen die kapitalgedeckten Altersvorsorgevermögen laut Studie nur rund 8 bis 9 Prozent der Wirtschaftsleistung. In Ländern mit stark kapitalgedeckten Systemen wie den Niederlanden oder Dänemark liegt dieser Wert dagegen bei mehr als 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Folge ist eine starke Abhängigkeit Deutschlands vom Umlageverfahren der gesetzlichen Rente , bei dem die Beitragszahler unmittelbar die laufenden Renten finanzieren. Und das wiederum bringt das Land aufgrund des demografischen Wandels in eine Zwangslage. Rente unter Druck: Wie die Regierung gegensteuert Mit dem zweiten Betriebsrentenstärkungsgesetz hat die Bundesregierung bereits versucht, die betriebliche Altersvorsorge zu verbreiten. Unter anderem wurden sogenannte Opt-out-Modelle erleichtert – allerdings nur für Unternehmen ohne Tarifvertrag. Dabei werden Beschäftigte automatisch in eine Betriebsrente einbezogen, können aber widersprechen. Solche Opt-out-Modelle gelten als effektiv, um die Beteiligung zu erhöhen. Auch die Förderung für Geringverdiener wurde ausgeweitet. Arbeitgeber können für Beschäftigte mit niedrigen Einkommen Beiträge in eine Betriebsrente einzahlen und erhalten dafür eine steuerliche Förderung. Der maximal geförderte Arbeitgeberzuschuss wurde mit dem neuen Gesetz erhöht. Neue Regeln für Betriebsrente: "Das ist international einzigartig" Bei der privaten Altersvorsorge ist das sogenannte Altersvorsorgedepot auf dem Weg . Dieses Modell soll ab 2027 die wenig ertragreiche Riester-Rente ablösen und stärker auf Geldanlage am Aktienmarkt setzen. Nach Ansicht der Studienautoren sollte ein solches Depot jedoch nicht nur für die private Vorsorge, sondern auch für die betriebliche Altersvorsorge genutzt werden können. Über Arbeitgeber ins Altersvorsorgedepot einzahlen? "Die betriebliche Altersvorsorge braucht ein Update. Ihr Potenzial bleibt in Deutschland vielfach ungenutzt, weil sie zu kompliziert und zu teuer ist", sagt Henriette Peucker, Geschäftsführende Vorständin des Deutschen Aktieninstituts. Werde das geplante Altersvorsorgedepot für die zweite Säule geöffnet, könnten Arbeitnehmer ihre Vorsorgeansprüche bei einem Arbeitgeberwechsel unkompliziert mitnehmen. "Das könnte zum Wendepunkt in der betrieblichen Altersvorsorge werden", glaubt Peucker. In Deutschland ist die betriebliche Altersvorsorge vergleichsweise kompliziert organisiert. Unternehmen können zwischen fünf verschiedenen Durchführungswegen wählen: Direktversicherung , Pensionskasse , Pensionsfonds , Direktzusage und Unterstützungskasse . Die Verbreitung entsprechender Verträge stagniert seit Jahren, zuletzt hatte gut jeder zweite Beschäftigte eine Betriebsrentenanwartschaft. Zu wenig in einem System, in dem eigentlich jeder Bezieher einer gesetzlichen Rente auch Vorsorge in den zwei anderen Säulen treffen sollte, der privaten und eben der betrieblichen Altersversorgung. Insgesamt existieren zwar rund 17 Millionen Betriebsrentenverträge, doch laut der Studie bietet nur etwa gut die Hälfte der Unternehmen überhaupt eine solche Vorsorge an. Gerade kleinere Betriebe verzichten häufig darauf, auch wegen des organisatorischen Aufwands. Garantien drücken die Rendite Ein weiteres Problem sehen die Autoren der Studie in den Garantievorschriften vieler deutscher Betriebsrentenprodukte. Diese sollen zwar das Risiko für Arbeitnehmer begrenzen, schränken aber gleichzeitig die Möglichkeiten ein, das Geld am Kapitalmarkt anzulegen – etwa in Aktien, Aktienfonds und ETFs . Die Folge sind häufig niedrigere Renditen. Aus Sicht der Autoren sollte deshalb eine deutlich höhere Aktienquote möglich sein. Langfristig sollten Anbieter von Betriebsrenten demnach mindestens 60 Prozent ihres Vermögens in Aktien investieren können. Wer in der Vergangenheit breit gestreut, langfristig und kontinuierlich investierte, konnte durchschnittliche Erträge zwischen 6 und 9 Prozent im Jahr erwirtschaften. Für einen der fünf Durchführungswege, die Pensionskassen, hat die Bundesregierung bereits den Weg frei gemacht, risikoreicher anlegen zu dürfen, um höhere Renditen erzielen zu können. Aber eben nur dort. Frankreich hat sein System bereits reformiert Lernen könnte Deutschland von Frankreich : Auch dort dominiert zwar die staatliche Rente, doch das Land hat sein Vorsorgesystem in den vergangenen Jahren reformiert. Seit 2019 gibt es dort ein neues Altersvorsorgeprodukt, den sogenannten "Plan d’épargne retraite" (PER). Dieses Standardprodukt soll betriebliche und private Vorsorge vereinfachen und attraktiver machen. Und das gelingt offenbar. Laut Studie ist die Zahl der Verträge in der betrieblichen Altersvorsorge in Frankreich seitdem um 36 Prozent gestiegen. 2024 gab es bereits rund 7,2 Millionen betriebliche PER-Verträge. Damit entfallen etwa 59 Prozent aller Betriebsrentenverträge auf dieses neue Modell. Mit dem "Plan d'épargne retraite" können Ansprüche leichter auf einen neuen Arbeitgeber übertragen werden. Bei PER-Verträgen wird das Geld standardmäßig stärker am Kapitalmarkt angelegt, mit einem höheren Aktienanteil in jungen Jahren. Beiträge können zudem steuerlich abgesetzt werden, Erträge bleiben in der Ansparphase steuerfrei. Beim Renteneintritt können Franzosen zwischen einer Kapitalauszahlung, einer lebenslangen Rente oder einer Kombination aus beidem wählen. Rentensystem steht vor einem Umbau Die Analyse erscheint zu einem Zeitpunkt, an dem die Reformbemühungen bei der Rente ohnehin in vollem Gange sind. Eine von der Regierung eingesetzte Rentenkommission soll bis zum Sommer Vorschläge für eine Reform des Systems vorlegen . Dabei soll auch eine "neue Kenngröße für ein Gesamtversorgungsniveau" über alle drei Säulen der Altersvorsorge entwickelt werden: gesetzliche Rente, betriebliche Altersvorsorge und private Vorsorge. Diese Kennzahl soll angeben, wie stark jede Säule zur Altersversorgung beitragen soll. Merz hatte angekündigt, dass sich das Verhältnis dieser Säulen künftig verändern könnte. Die gesetzliche Rentenversicherung werde bestehen bleiben, sagte er, sie werde jedoch "nur ein Baustein eines neuen Gesamtversorgungsniveaus" sein. Schon heute veröffentlicht die Bundesregierung zwar eine solche Gesamtgröße. Kritiker bemängeln jedoch, dass sie auf Modellannahmen basiert, die wenig mit der Realität vieler Erwerbsbiografien zu tun haben. So beziehen sich die Berechnungen meist auf den sogenannten Standardrentner, der 45 Jahre lang ununterbrochen zum Durchschnittslohn gearbeitet hat. Viele Menschen erreichen diesen Wert jedoch nicht. Auch wird teilweise angenommen, dass Beschäftigte regelmäßig privat vorsorgen, obwohl dies viele Haushalte finanziell gar nicht können.