Ein Wal strandet, ein Biologe und Influencer wittert seine Chance. Nicole Diekmann über die Sehnsucht nach einfachen Lösungen in einer komplizierten Welt. Es gibt Versprechen, die klingen so einfach. Sie passen auf eine Zitatkachel. Sie passen zu unser aller Wunsch, dass irgendwas endlich mal unkompliziert ist. Zu Parteien, die jedes Problem mit "Wir schieben einfach alle ab" lösen wollen. Zu Präsidentschaftskandidaten, die sagen: "Ich werde die ganze Welt mit Zöllen überziehen und außerdem keine Kriege anzetteln, und dann ist Amerika wieder großartig." Zu Männern, die einen kläglich gestrandeten Wal streicheln und kluge Sätze zu dessen Rettung absondern und dabei wirken wie einst Pferdeflüsterer Robert Redford . Wenn auch nicht ganz so gut aussehend, aber wer kann das schon von sich behaupten? Und das ist ja auch völlig egal, denn total oberflächlich. Apropos oberflächlich: Nein, niemand mit einem gesunden Herzen erträgt einen hilflosen Wal, der sich arglos verirrt hat und nun vor den Augen der Weltöffentlichkeit kläglich wimmert. Nicht mal Leute mit Fischbrötchen in der Hand, die sich vor Ort des Gesundheitszustands des bemitleidenswerten Tieres und der eigenen moralischen Kompetenz versichern wollen. Leute übrigens, die laut "FAZ" pöbelten, weil sie in ihrer Gaffgier nicht direkt durchgelassen wurden. Die "auch mal Helfer mit Steinen bewarfen". Leute, die nachts per Boot zum Wal durchzukommen versuchten. Also entweder Leute, die schlicht zu doof sind, um zu verstehen, wie sehr dieses Verhalten das ohnehin gestresste Tier zusätzlich leiden lässt. Oder aber Leute, die schlicht egoistisch und sensationsgeil genug sind, um ihre an sich ja angeblich äußerst ausgeprägte Tierliebe diesen niederen Instinkten unterzuordnen. Und bevor sich wieder jemand aufregt, weil ich Leute als doof bezeichne: Don't shoot the messenger, also nicht die Überbringerin der schlechten Nachricht für diese verantwortlich machen. Hat er Schuld am Ostsee-Drama? Harte Vorwürfe gegen "Walflüsterer" Lehmann 85 Millionen Meeresbiologen Und stellen Sie sich meine Überraschung vor: Wir sind nicht nur ein Volk von Virologen und Bundestrainern, nein, wir sind auch eine 85 Millionen Menschen starke Meeresbiologie-Expertise. Jedenfalls setzten viele der Menschen vor Ort und viele, die sich im Internet mit klugen Ratschlägen meldeten, all ihre Hoffnungen nun in den Robert Redford der Meere. Sein Name: Robert Marc Lehmann. Bevor Sie ihn nun auf Instagram suchen: Seinen Account dort gibt es nicht mehr. Angeblich, weil er gerade in einer sehr wichtigen Mission unterwegs ist. Klingt bestechend logisch. So kennen wir Influencer und andere Social-Web-Größen: Wenn sie etwas wirklich Wichtiges zu erledigen haben, legen sie ihre Accounts lahm. Denn das interessiert die Leute nicht. Erst wenn alles vorbei ist, der See still ruht, dann melden sie sich zu Wort. Zu viel Spannung, das verwirrt die Fans ja nur. Was wir wollen, ist Langeweile. Das ist die menschliche Natur, darauf beruhen sämtliche Algorithmen. Deshalb floppen Thriller im Kino, deshalb verkaufen sich Krimis schlecht, deshalb sind True-Crime-Podcasts Rohrkrepierer. Ganz ehrlich und jetzt ohne Ironie: Wer eine solche absurde Begründung für den Rückzug von Social Media schluckt, der ist selbst von schlichtesten Sachverhalten überfordert und verlässt das Haus nur an ihm gnädigeren Tagen aus eigener Kraft vollständig bekleidet. Zweifel am Lebenslauf Es könnte also durchaus andere Gründe für Lehmanns Rückzug geben. Zum Beispiel die lauter werdende Kritik an ihm. Lehmann scheint nämlich gerne zu frisieren. Keine Wale, das wär ja Quatsch. Aber seine Vita. Das renommierte Ozeaneum in Stralsund musste ihn bereits vor ein paar Jahren korrigieren, berichtet ebenfalls die "FAZ". Er sei Teamleiter bei ihnen gewesen, so das Naturkundemuseum. Nicht Abteilungsleiter, wie von ihm behauptet. Und ob er im Rahmen seiner was auch immer Leitungsfunktion viel um die Welt gereist sei – tja, da scheiden sich die gutgläubigen von den aufgeklärten Geistern. Dreimal sei er während seiner Tätigkeit in Norwegen gewesen, so das Ozeaneum. Das war's. Nichts gegen Norwegen, aber ein bisschen größer ist die Welt ja schon. Mindestens so groß wie die Kreativität einiger Menschen beim Gestalten des Lebenslaufs. Lehmann hatte sich auch als Leiter einer möglichen Rettungsmission angeboten. Als das abgelehnt wurde, reiste er ab. Wir wollen es schön haben Nun gut. Das sind nur Details – zumindest im Vergleich mit der möglichen Rettung eines Wals, die via Livestreams in die Welt (nicht nur nach Norwegen) gesendet wird. Streams übrigens, die Rekorde brechen. Denn wir wollen es alle möglichst einfach haben, und wir wollen es alle endlich auch mal wieder schön haben. Wenn im Weißen Haus der Irrsinn wohnt und regiert, wenn die Bundesregierung keine Ad-hoc-Superlösung gegen die explodierenden Energiepreise aus dem Hut zaubert (auch da kann Social Media übrigens helfen: Fast schon überflüssig zu erwähnen, dass es dort neuerdings auch einen Hort von Übergewinn- und Kartellrechtsexperten gibt), dann kann doch wenigstens ein Mann am Horizont erscheinen, der Timmy, den Wal, rettet. Der den echten Experten, nicht den selbst ernannten, die sagen: "Lasst den Wal in Ruhe, da ist wenig zu machen", beherzt entgegnet: "Alle Wissenschaft, alle Erfahrung, alle fundierte Auseinandersetzung mit den Themengebieten 'Meeresbewohner', 'Salzwasser, Süßwasser' oder aber auch 'Seriosität' gut und schön, aber ich bin YouTuber, ich kenne den Markt, ich regel das!" Und der dann ein Wunder vollbringt. Warum denn auch nicht? Jesus ist schließlich auch in der Osterzeit auferstanden, und der war nicht nur gestrandet, der war sogar gekreuzigt! Wer aufhört, zu glauben, der ist schon verloren! Und warum sollte der nächste Messias nicht dem Internet entspringen? Kann doch sein. Nichts ist einfach Kann sein, ist aber doch eher ausgeschlossen. Es ist keine frohe Botschaft, aber es ist nun mal Realität: Manchmal muss man Dinge aushalten. Die Grausamkeit der Natur. Ohnmacht. Expertise. Wo ich schon mal dabei bin: Auch anderswo liegen die Dinge nicht so einfach, wie wir es gerne hätten. Selbst, wenn wir alle abschieben könnten (Rechtsstaat, ich weiß, supernervig für die Apologeten der Schlichtheit, aber nun mal und Gott sei Dank existent), wären damit natürlich nicht alle Probleme gelöst. Vielmehr noch: Es würden sich viele neue ergeben. Schauen Sie nur mal beim nächsten Krankenhausbesuch, wie viele Menschen mit Migrationshintergrund da sowohl als Ärztinnen und Ärzte arbeiten als auch, wer da in der Pflege tätig ist. Weiter: Die Zölle, das läuft irgendwie nicht so super, wie Trump das den ganz Naiven einreden wollte, und mit dem Versprechen, keine Kriege anzetteln zu wollen, hat’s ja erstaunlicherweise auch nicht geklappt. Hätte ihm ja mal jemand sagen können, dass es die Straße von Hormus erstens gibt und sie zweitens für die Weltwirtschaft extrem wichtig ist. Jemand aus dem Internet zum Beispiel. Auf nichts ist mehr Verlass.