In der südrussischen Stadt Tuapse vergiftet schwarzer Ölregen Luft, Wasser und Boden. Russlands Regierung schaut tatenlos zu, während Experten von massenhafter Vergiftung warnen. "Die Stadt Tuapse gibt es nicht mehr. Sie ist zerstört. Der Boden ist vergiftet, das Wasser ist vergiftet, die Luft ist vergiftet." Entsetzen spricht aus den Worten des russischen Bloggers Pawel Kuchmirow. "In diesem Moment fällt dort schwarzer Regen, wie in Hiroshima. (...) Er tötet Pflanzen, Insekten, Vögel." In der Nacht zum 20. April ist nach einem Angriff ukrainischer Drohnen auf die Ölterminals im Hafen der Stadt ein gewaltiger Brand ausgebrochen. Seitdem herrscht in Russlands Süden Ausnahmezustand. Seit fünf Tagen gehen "ölhaltige Regenfälle" auf Tuapse und die angrenzenden Gebiete nieder. Das schwarze Wasser setzt sich auf Straßen, Autos, Gebäuden, Haustieren und Menschen ab. Klare Anweisungen der lokalen Behörden, wie man sich in dieser Situation schützen kann, erhalten die Bewohner nicht – lediglich den Rat, keine Fenster zu öffnen, nicht zu rauchen und "Aufenthalte im Freien zu vermeiden". Doch Schulen und öffentliche Einrichtungen bleiben geöffnet. Macht des Kremlchefs : Putin steht als Verlierer da Newsblog : Alle aktuellen Nachrichten zum Krieg in der Ukraine "Die Folgen sind schlicht monströs" Gleichzeitig überschreitet die Konzentration von Benzol, Xylol und Ruß in der Luft die zulässigen Höchstwerte um das Zwei- bis Dreifache, so die russische Verbraucherschutzbehörde. Diese sind krebserregend und können chemische Verbrennungen verursachen. "Die Folgen der Bombardierung von Tuapse sind schlicht monströs. Das ist keine Übertreibung, keine dramatische Ausdrucksweise – das ist eine einfache Feststellung", schreibt der russische Telegram-Nachrichtenkanal "Ria Katjuscha". Im Grunde gleiche Tuapse gerade "Hiroshima, nur ohne Strahlung." "Die Raffinerie brennt weiter, die Stadt ist in Rauch gehüllt. Die Luft ist vergiftet", heißt es weiter. Ölteppich breitet sich auf Schwarzem Meer aus Im Schwarzen Meer hat sich inzwischen ein riesiger Ölteppich von sieben bis zehn Quadratkilometern ausgebreitet. Er ist aus dem All sichtbar, wie Satellitenaufnahmen zeigen. Den Daten zufolge treibt der Teppich direkt auf die Küste zu. "Das heißt, eine Ferienregion gibt es dort nicht mehr – sie ist schlicht tot", so der Telegram-Nachrichtenkanal "Ria Katjuscha". Schwarzer Rauch verdunkelt seit Tagen den Himmel über Tuapse. Der Smog erreicht auch andere Kurorte am Schwarzen Meer, wie das von Wladimir Putin geliebte Sotschi. "Das ist ein Ölteppich, und er regnet auf uns herab" Durch das Feuer verbrennen die Ölprodukte nicht nur, sie verdampfen auch, erklärten Umweltexperten der russischen Ausgabe der BBC. Die Dämpfe steigen in die Höhe, kondensieren dann und gelangen in den Niederschlag, der schließlich mit dem Regen auf die Erde fällt. "Öl ist bei uns überall: in der Wanne, auf den Pfützen, überall ist das Wasser schwarz", beschreibt eine Anwohnerin das Geschehen in Tuapse. "Kurz gesagt, wir sind alle Oligarchen", sagt sie in einem Video ironisch. "Das ist ein Ölteppich, und er regnet auf uns herab", kommentiert eine andere Anwohnerin. In den sozialen Netzwerken verbreitet sich ein Video, in dem eine Russin unter Tränen über ihr Schicksal klagt. "Ich wollte verdammt noch mal mit meinem Kind am Meer leben. Das Meer ist komplett mit diesem Öl verseucht. Alles ist zerstört. Was soll man hier überhaupt noch machen?" Die Schuld gibt sie allerdings nicht Putin, der den Krieg angefangen hat, sondern der Ukraine . "Diese verdammten Drohnen fliegen herum und zerstören alles. Man weiß nicht, ob man morgen überhaupt noch aufwacht." Nowitschok-Entwickler spricht von massenhafter Vergiftung In der zweiten Aprilhälfte hatten die ukrainischen Streitkräfte den Hafen von Tuapse zweimal attackiert. Auf dessen Gelände befindet sich eine Ölraffinerie, deren Export den Krieg gegen die Ukraine finanziert. Tuapse ist eine Kurstadt mit 63.000 Einwohnern (Stand 2025). Die Ölraffinerie befindet sich nahezu im Stadtzentrum – bedingt durch die historische Bebauung seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Daher bekamen viele Bewohner die Angriffe auf die Raffinerie direkt zu spüren. Dennoch ergriffen die Behörden trotz der kritischen Lage keine Notfallmaßnahmen und ordneten keine Evakuierung an. Der Chemiker Wil Mirzajanow, einer der Entwickler des Nervengifts Nowitschok, schrieb auf Facebook, dass in der Stadt eine massenhafte Vergiftung der Bevölkerung durch chemische Stoffe stattfindet. Gerade der Rauch kann gefährliche Verbindungen enthalten, die bei unvollständiger Verbrennung entstehen. "Das Wichtigste ist: Wenn sie einmal in den Körper gelangt sind, lassen sie sich nicht mehr entfernen", schreibt er und fügt hinzu, dass entsprechende Laboruntersuchungen dies bestätigen könnten. Umweltkatastrophe mit Folgen für Jahrzehnte Der Biologe Anton Bortjakow weist auf eine andere Gefahr hin: "Im Inneren des Brandherdes herrscht eine hohe Temperatur, aber es fehlt an Sauerstoff für eine vollständige Verbrennung, daher werden die Ölprodukte lediglich vergast." Die entstehenden Gase steigen seinen Angaben zufolge mit den Rauchströmen auf, gelangen in kältere Luftschichten und kondensieren dort zu feinen Tröpfchen und Aerosolen, die anschließend auf den Boden fallen können. "Die Auswirkungen von Ölregen können gefährlicher sein als die von einfachem Rauch, da die Bestandteile der Tropfen stärker konzentriert sind", schreibt er auf seinem Telegram-Kanal. Der Ökologe Jewgeni Witischko erklärte der BBC: "Für mich ist diese Umweltkatastrophe insgesamt größer als alle anderen (in dieser Region) zusammen. In den letzten 20 Jahren habe ich nichts Vergleichbares gesehen." Das Geschehen in Tuapse werde schwerwiegende ökologische Folgen haben. "Es geht nicht um ein oder zwei Jahre, sondern um Jahrzehnte." Und was macht die russische Regierung? Nichts. Wladimir Putin schweigt beharrlich. Es wird kein ökologischer Notstand verhängt. Denn dieser würde Entschädigungen für Betroffene verlangen. Unterdessen blamierte sich die Staatsanwaltschaft von Tuapse: Am 22. April meldete die Behörde, ihre Mitarbeiter hätten "an der Begrünung der Stadt teilgenommen". Vor laufenden Kameras pflanzten sie Platanen – mit einer riesigen Rauchsäule im Hintergrund. Einwohner empörten sich: "In der Stadt herrscht eine solche Katastrophe, es fehlt an Freiwilligen, Jugendliche räumen Trümmer weg, und erwachsene Männer pflanzen Bäume!" Inzwischen wurden die Fotos gelöscht.