Sexuell übertragbare Erkrankungen: Wann Sie zum Arzt gehen sollten

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Geschlechtskrankheiten sind kein Relikt vergangener Zeiten – sie sind mitten in der Gesellschaft angekommen. Worauf Sie achten sollten. Wer heute "Geschlechtskrankheiten" in die Suchmaschine tippt, erhält über mehrere Seiten erst einmal Schnäppchenangebote für den diskreten Selbsttest im trauten Heim. Das allein ist ein deutliches Zeichen dafür, dass diese Erkrankungen noch längst kein Relikt aus ferner Zeit oder exotische Mitbringsel aus dem Schmuddelmilieu sind – sondern offenbar mitten unter uns. Einer meiner Patienten litt einmal im Mund unter einer Art Ausfluss und schmierigen Belägen. Vage ließ er anklingen, er könnte sich den Schlamassel in einem Berliner Darkroom geholt haben: beim Oralverkehr. Dumm gelaufen. Die Annahme, Oralsex sei "safe", mag stimmen für die Verhütung von Schwangerschaften, nicht aber, was die Übertragung von Krankheiten angeht: beim Oralverkehr kann man sich jede Menge einfangen. Findige Leute haben sich deshalb etwas ausgedacht und in Anlehnung an das Kondom das ursprünglich aus der Zahnmedizin stammende "dental dam" (zu Deutsch: Lecktuch) entwickelt. Es handelt sich um eine Art Haushaltsfolie, die die Mundpartie schützt. Kritiker bemängeln starke Gefühlseinbußen auf beiden Tuchseiten. Für manche mag es so antörnend sein, wie beim Sex erst mal ein Handtuch gegen Flecken unterzulegen oder dabei die Socken anzubehalten. Dennoch: Wenn man nicht genau weiß, mit wem man es zu tun hat oder ob der Sexpartner gesund ist, sollte man eine solche Schutzfolie ebenso in Erwägung ziehen wie ein Kondom. Toilettensitze sind nicht das Problem Tatsache ist: Tripper oder Syphilis werden in den allermeisten Fällen über Genital-, Oral und Analverkehr übertragen. Und nicht etwa auf der Toilette – "das muss ich mir auf der Toilette geholt haben", ist die Lieblingsausrede für plötzlich auftretende Geschlechtskrankheiten. Diese nennt man übrigens nicht mehr so. Sie heißen heute "Sexuell übertragbare Erkrankungen". Dazu gehört demnach auch Hepatitis. Auf der Toilette findet man jedenfalls weniger Keime, als man gemeinhin denkt. Klositze werden meist regelmäßig geputzt, außerdem lässt man sich ja auch nicht mit den intimen Körperöffnungen direkt auf einem verseuchten Klobrillen- oder Toilettenrand nieder, sondern mit den Oberschenkeln. Die Diagnose ist oft schwer So sehen die unschönen Tripper-Symptome aus: Bei Männern fließt morgens eitrige Flüssigkeit aus dem Penis. Bei der Frau sind die Symptome auf den ersten Blick nicht so leicht zu identifizieren. Es brennt, nässt, schmerzt beim Wasserlassen – oder ist gar klinisch stumm, also ohne jegliche Krankheitszeichen. Letzteres ist besonders fatal: ein unerkannter Tripper kann schwere Folgen haben – bis hin zur Unfruchtbarkeit. Bei der Syphilis jedoch ist ein Handschlag unter Umständen doch infektiös, genau dann, wenn an den Händen bereits Hautveränderungen durch Syphilisbakterien aufgetreten sind. Die Syphilis verläuft in Stadien und kann, wenn sie unentdeckt bleibt, nicht nur die Geschlechtsorgane, sondern auch Haut, Rückenmark, Gehirn, Hauptschlagader, Knochen und innere Organe befallen. Unter Dermatologen gilt die Syphilis als "Affe unter den Hautkrankheiten", weil sie fast jede Hauterkrankung imitieren kann, mit Symptomen wie Haarausfall , Ausschlag, Ekzemen und Warzen. Das macht die Diagnose für uns Ärzte nicht immer einfach. Wanderung von Arzt zu Arzt Einmal kam ein junger Student wegen eines ungewöhnlichen Ausschlags mit roten Einblutungen in meine Sprechstunde. Der ganze Körper war betroffen. Die Hautstellen hatten in der Mitte schwarze Krusten, Überreste von abgestorbenem Gewebe. Seit Monaten war er von Arzt zu Arzt gezogen, mit Kortison behandelt, und sogar eine Biopsie war durchgeführt worden. Doch auch die Untersuchung der Hautprobe führte zu keinem Hinweis auf die Ursache. Ich entschied mich, ihm Blut abzunehmen und es auch auf Syphilis zu prüfen – Volltreffer! Statt mit Kortison musste nun mit einem Antibiotikum gegen die Bakterien gekämpft werden. Wer sich eine Geschlechtskrankheit zugezogen hat, muss auch auf andere übertragbare Erreger getestet werden: Ein Unglück kommt selten allein. So geschieht es häufiger als man annehmen würde, dass sich HIV-Patienten zwischendurch noch eine frische Syphilis zuziehen – da wurde dann wohl das Kondom vergessen oder absichtlich weggelassen. Heute schützt vor HIV auch die Präexpositionsprophylaxe, das ist die vorbeugende Einnahme antiretroviraler Medikamente durch HIV-negative Personen vor möglichen Risikokontakten, wodurch eine HIV-Infektion mit sehr hoher Sicherheit verhindert werden kann. Aber nicht die Übertragung anderer Erreger, die haben weiterhin freie Bahn. Vorsicht vor dem Pingpong-Effekt Viele Frauen leiden unter Hefepilzerkrankungen in der Vulva, die sich gerne in die Scheide ausdehnen. Meist sind es Hefen, die sich aus dem Darm den Weg bahnen. Scheide und Vulva jucken, brennen, Ausfluss tritt aus. Bei Männern setzen sich solche Pilze unter der Vorhaut fest, es kommt zur Schwellung und Rötung, und beim Geschlechtsverkehr kann es schon mal mächtig wehtun. Obwohl die heutigen Antipilzmittel gut helfen, kommen bei manchen die Probleme immer wieder. Das kann immunologische oder hygienische Ursachen haben, mit der Einnahme der Antibabypille oder einer Antibiotikatherapie zusammenhängen, einer unausgewogenen Ernährung, einer gestörten Darmflora oder einem chronisch infizierten Partner. Hefepilzinfektionen untenrum, auch Soor oder Candida-Infektion genannt, sind keine klassischen sexuell übertragbaren Erkrankungen, können aber dennoch beim Sexualkontakt zwischen Partnern hin- und herübertragen werden. Hefen gibt es so ziemlich überall, aber nicht immer setzen sie sich auf eine krank machende Art und Weise fest. Sie mögen es feucht und warm und lieben daher die Schleimhäute. Häfen für diese Hefen finden sich unter der Vorhaut oder in einer der vielen Vulva-Nischen. Gerade die Vulva hat zahlreiche Ecken und Winkel. Reinigen sollte man dort allerdings nur mit Wasser, nicht mit Seife, damit man die ansässige (positive) Bakterienflora nicht stört: Nur so kann diese ihren Job als Türsteher zufriedenstellend erledigen. Intimwaschlotionen sind somit unnötig. Ballaststoffe helfen bei der Ernährung Beim Sex spielen die Hefen Pingpong zwischen den Partnern: Hat der eine gerade nichts, bekommt er unter Umständen Pilznachschub vom Geschlecht des anderen. Bei einem Pilzbefall sollten also immer alle beteiligten Geschlechtspartner behandelt werden. Frauen sollten Antipilzcremes sowohl innerhalb der Vagina als auch äußerlich auf die Vulva auftragen. Und zwar sehr sorgfältig – einmal drauf und gut ist, klappt leider nicht. Alle Taschen und Falten müssen einzeln eingecremt werden, sonst bleibt irgendwo eine gut versteckte Keimzelle übrig, und alles geht munter von vorne los. Und der männliche Partner tut selbiges unter seiner Vorhaut und natürlich auch außen rum. Haben sich zu viele Hefen angesiedelt, kann eine Darmsanierung sinnvoll sein, die mit ballaststoffreicher Kost, Kefir, probiotischem Bakterienpulver und manchmal auch Medikamenten erfolgt. Dadurch wird ein Darmklima geschaffen, das die krank machenden Hefen ordentlich dezimiert und gesunden, schützenden Hefen und lieben Bakterien Platz macht. Über weitere übertragbare unerwünschte Mitbewohner, wie Chlamydien, Feigwarzen , Herpes, HIV können wir dann gern ein anderes Mal reden. Nicht, dass es jetzt zu viel wird. Sollte es auch Sie einmal selbst betreffen, gehen Sie ohne jede Scham rechtzeitig zum Arzt: Nur so kommen Sie gesund durch die Zeit!
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