Social-Media-Nutzung: "Was da passiert, ist Manipulation"

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Soziale Netzwerke machen süchtig, sagt Rüdiger Maas. Der Psychologe erzählt im Interview, warum nur strikte Verbote vor den manipulativen Praktiken der Dienste schützen können. Eine Altersgrenze für Instagram, TikTok oder YouTube? Australien hat ein solches Gesetz erlassen. Dort dürfen Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren seit wenigen Wochen keine eigenen Konten bei diesen Diensten mehr besitzen. Erste Zahlen zeigen, dass seitdem mehr als 4,7 Millionen Accounts von Kindern und Jugendlichen deaktiviert, gelöscht oder eingeschränkt wurden – ein Erfolg also. Ist ein solches Verbot auch in Deutschland denkbar? Ja, sagt Generationenforscher und Psychologe Rüdiger Maas im t-online-Interview. Mehr noch. Er fordert eine strikte Altersgrenze ab 18 Jahren. Der Grund: Erst danach besitzen Menschen laut Maas die Fähigkeit, den süchtig machenden Mechanismen der Portale zu widerstehen. t-online: Herr Maas, ganz ehrlich: Wie oft am Tag nutzen Sie Social-Media-Plattformen? Rüdiger Maas: Also bestimmt eineinhalb Stunden. Können Sie sich vorstellen, ohne diese Dienste zu leben? Ich bin beruflich darauf angewiesen. Wenn ich auf Social Media verzichten würde, dann könnte ich in diesem Bereich nicht mehr forschen. Ich frage, weil Sie fordern, dass ein großer Teil der Gesellschaft, nämlich Kinder und Jugendliche, von solchen Diensten ausgeschlossen werden. Schließen wir Kinder aus, indem wir ihnen verbieten, Nikotin oder Alkohol zu konsumieren? Diese Stoffe fördern keine gesellschaftliche Teilhabe. Aber sie fördern nachweislich ein Suchtverhalten. Viele Suchtforscher sind mittlerweile der Meinung, dass Social-Media-Abhängigkeiten vergleichbar sind zum Beispiel mit einer Alkoholsucht und das, obwohl es eigentlich am Ende eine stoffungebundene Sucht ist. Können Sie das näher erläutern? Die abhängig machenden Elemente bei diesen Diensten sind so präsent, dass Kinder und Jugendliche dem nicht so einfach widerstehen können. Bei Erwachsenen ist der für das Suchtverhalten verantwortliche präfrontale Cortex im Gehirn einigermaßen ausgereift. Das bedeutet, dass Erwachsene die Fähigkeit besitzen, diese starken Impulse zum Weiterscrollen bei Social-Media-Diensten besser zu unterdrücken. Das fällt 14- oder 15-Jährigen sehr schwer. Und darum braucht es ein komplettes Verbot der Apps? Wir haben mehrere Tausend Jugendliche befragt, wie sie ein Social-Media-Verbot selbst sehen. 50 Prozent der Befragten waren selbst für ein Verbot bis 16 und noch mal 30 Prozent haben sich für ein Verbot bis 18 ausgesprochen. Aber demnach ist die andere Hälfte aber dagegen. Und Sie gehen mit Ihrer Forderung noch weiter als andere, wollen sogar für alle bis 18 Jahre den Zugang verbieten. Warum das? Wenn ich ehrlich bin, wäre sogar 25 ideal, aber die Umsetzung wäre nicht machbar. Langfristig bin ich für ein Verbot bis 18, kurzfristig wären altersgerechte Angebote ein besserer Zustand als der jetzige. Dann könnten die Kinder und Jugendlichen theoretisch nur Sachen konsumieren, die auch für sie gemacht sind. Etwa 47 Prozent der unter 14-Jährigen haben über Social Media schon extrem pornografische Inhalte, echte Vergewaltigungen und Morde gesehen. Das ist kein Content, der für das Gehirn von Jugendlichen gemacht ist. Aber in der Tagesschau um 20 Uhr geht es auch um solche Themen. In der Tagesschau sind die Themen ausgewählt und entsprechend aufbereitet. Man sieht dort nicht die echte Ermordung. Außerdem können wir die Inhalte im Fernsehen als Erwachsene für unsere Kinder einordnen. Aber Eltern bekommen in den wenigsten Fällen mit, was ihr Kind in 90 Minuten auf TikTok gesehen hat. Dort findet teilweise ein Radikalkonsum von extrem verstörenden Inhalten statt. In Ihrer Jugendtrendstudie 2025 haben Sie herausgefunden, dass die junge Generation weltweit den politischen Wandel aktiv mitgestaltet. Das macht sie auch über das Internet und Social Media. Ist es dann nicht paradox, diese jungen Nutzer von den größten digitalen Kommunikationsplattformen ausschließen zu wollen? Politische Teilhabe geht auch über andere Kanäle im Internet. Was bei sozialen Medien passiert, ist dagegen eine Manipulation. Politische Extreme werden belegbar stärker auf TikTok angezeigt als gemäßigte Positionen. Die Folge war, dass die Erstwähler-Kohorte bei der letzten Bundestagswahl zur Hälfte AfD oder Linkspartei gewählt hat. Die Wirkfolgen sind extrem manipulativ, sodass ich das Argument auch nicht gelten lasse. Sie zogen vorhin den Vergleich mit Alkohol. Bier ist ab 16 Jahren erlaubt. Auch, um früh den Umgang mit Alkohol zu lernen. Ist es nicht sinnvoller, Kindern und Jugendlichen etwa schon ab der Grundschule den richtigen Umgang mit dem Internet und Social Media, also Medienkompetenz, zu vermitteln, statt mit Verboten zu arbeiten? Medienkompetenz ist absolut notwendig. Aber da müssen wir erst mal bei den Erwachsenen anfangen. Eltern und Lehrer müssen Vorbilder sein. Momentan sehen wir dagegen ein viel höheres Nutzungsverhalten bei den Jugendlichen. Wohlgemerkt: keine Kompetenz, aber ein Nutzungsverhalten. Es sollte also eigentlich umgekehrt sein? Ja, die Jugendlichen wissen viel besser Bescheid als die Lehrer. Wie soll denn da eine Medienkompetenz vermittelt werden? Wir sehen, dass in manchen Grundschulen Tablets an die Schüler ausgeteilt werden. Da sollen PowerPoint-Präsentationen erstellt werden oder man schaut sich YouTube-Kids-Videos an oder nutzt eine Lern-App. Das ist doch keine Digitalkompetenz. Aber wird nicht trotzdem zumindest der Umgang damit gelernt? Wir sehen in unserer Forschung, dass es weder einen Anstieg an Spitzenprogrammierern noch ein höheres Verständnis für Digitale Medien gibt. Genau das Gegenteil passiert. Die Jugendlichen heutzutage sind nur Konsumenten. Das wäre so, als wenn ich besser im Sport werden möchte und mir dafür Rocky 1 bis 5 anschaue. Das macht mich schlicht nicht sportlicher. Früher saßen Kinder auch stundenlang vor dem Fernseher, ohne dass es ganzen Generationen geschadet hat. Was ist jetzt anders? Das war alles linear. Das war so wie beim Lesen eines Buches. Hinter dem Fernsehprogramm gab es keine Algorithmen, die auf den Nutzer zugeschnitten waren. Können Sie das genauer erklären? Es gab damals beim Fernsehen kein Verstärkungspotenzial. Das heißt, das Gehirn wird heutzutage bei Social-Media-Diensten immer wieder animiert, dranzubleiben, in der Hoffnung, dass noch mehr Dopamin ausgeschüttet wird. Bleibt nur lang genug dabei und scrollt weiter, dann kommt noch mal ein Dopamin-Kick. Wir sehen heute oft, dass junge Menschen beim Fernsehen auf ihr Smartphone schauen, sobald eine langweilige Szene kommt. Jugendliche verbringen heute mehr Zeit online als andere Generationen vor ihnen, müssten sie da nicht trotzdem auch mehr digitale Kompetenzen haben? Mehr Kompetenz erreichen sie ja nicht, indem sie wischen und liken. Wir beobachten, dass die jungen Menschen heutzutage das geringste Digitalverständnis haben im Vergleich zu allen anderen Generationen, weil der Konsum überwiegend passiv ist. Junge Menschen, die sehr früh ein Smartphone besitzen, versagen kläglich, wenn sie mit MS Office konfrontiert werden. Könnten Warnhinweise wie auf Zigarettenpackungen helfen? Das wäre eine Möglichkeit. Eine andere wäre, dass die Betreiber die Addictive-Design-Elemente (süchtig machende Elemente, Anm. d. Red.) für jugendliche Nutzer unterminieren und diese offenlegen oder darauf hinweisen müssen. Da gäbe es einige Möglichkeiten, gegenzusteuern. Aber das einfach so frei laufen zu lassen wie bisher ist keine Option. Glauben Sie, dass der TikTok-Betreiber ByteDance zu so einer Anpassung bereit wäre? Nein. Soziale Netzwerkbetreiber wie Marc Zuckerberg oder ByteDance sind daran interessiert, dass wir uns so lange wie möglich auf ihren Plattformen aufhalten. Deswegen beschäftigen sie viele Psychologen, die für sie daran forschen, wie das noch zu steigern ist. Welche Rolle spielen Influencer in dem System? Influencer sind für mich wie digitale Drogendealer. Die leben ebenfalls davon, dass ihre Follower möglichst viel von ihrem Content konsumieren und ihnen vor allem folgen. Sie haben infolge ebenfalls kein Interesse daran, dass Follower wegfallen und damit ihr Umsatz einbricht. Kritiker warnen, ein Social-Media-Verbot würde Jugendliche in die heimliche Nutzung treiben. Was entgegnen Sie denen? Wenn wir eine heimliche Nutzung haben, haben wir automatisch eine Reduktion der Social-Media-Zeit. Und wenn Jugendliche statt acht Stunden frei, dann nur vier Stunden heimlich konsumieren, haben wir schon mal vier Stunden begrenzt und sehr viel gewonnen. Was genau? Wir haben junge Menschen befragt, die acht Stunden pro Tag Social-Media-Inhalte konsumieren und welche, die das nur fünf Stunden taten. Schon drei Stunden weniger haben dazu geführt, dass die Jugendlichen wesentlich weniger Ängste und einen größeren Handlungskorridor hatten. Jede Form von Reduktion ist eine enorme Hilfestellung für junge Menschen, vor allem in dieser entwicklungssensiblen Phase, in der sie sich in dem Alter befinden. Wenn Sie heute einem 14-Jährigen einen Rat im Umgang mit Social Media geben dürften – welcher wäre das? Schau dir nicht an, was andere machen, sondern mach es selbst. Schau dir nicht an, wie ein Influencer durch einen Park läuft oder was isst, sondern mach es selbst. Das wäre mein Tipp. Erlebe es selbst. Und wenn du scheiterst, bleib dran. Frustration gehört dazu. Versuche, nicht immer das Handy um Rat zu fragen, sondern probiere es selbst aus. Der Effekt ist enorm, und du wirst viel mehr für dich mitnehmen.
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