Social-Media-Verbot für Jugendliche: Warum die Politik verschlafen hat

latest news headlines 3 tage vor
Flipboard
Der Bundeskanzler zeigt sich offen für ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche. Das ist sehr gut. Und gleichzeitig eine Bankrotterklärung. Vor circa 15 Jahren saß ich im Wohnzimmer einer Freundin zum Abendessen. Mit am Tisch: Akademiker, Künstler, Kreative. Als ich erzählte, dass ich beim Fernsehen arbeite, kam das, was kommen musste: "Wir haben ja keinen Fernseher", erklärte mir eine Mitesserin. Ich hatte gar nicht danach gefragt, aber es war ihr wichtig, dass der Rest der Abendgesellschaft davon erfuhr. Distinktion nennen Soziologen das. Man wollte nicht zum Pöbel gehören, der sich abends nach 8,5 Stunden im Büro inklusive Mittagspause mit einem Bierchen auf dem Sofa noch "Die Wicherts von nebenan" oder "Aktenzeichen XY ungelöst" anguckt, um abzuschalten. Maximal Arte oder 3sat, aber das dann auch über einen Beamer, das war an diesem Abend die Quintessenz. So ein hässliches Fernsehgerät stört ja auch die sorgsam ausgewählte Einrichtung. Ich nahm das aus Gewohnheit schulterzuckend hin. Ich hatte 1999 in einer Online-Redaktion angefangen und war damals von den Fernseh- und Radiokollegen behandelt worden, als wäre ich geistig retardiert. Und hatte schon so eine Ahnung, dass die noch weitläufig verbreitete Hoffnung in der Branche sich nicht erfüllen würde, dass dieses Interweb wieder weggehen würde. Als ich Jahre später Social Media für mich entdeckte und dafür verlacht bis mitleidig beobachtet wurde, half mir diese Erfahrung dabei, dranzubleiben. Leider erstreckte sich diese ahnungslose Arroganz nicht nur auf Berufskollegen. Weite Teile der Bevölkerung beschlossen stillschweigend für sich, mit diesem Kram nichts weiter zu tun haben zu wollen. Da beschimpfen sich Leute gegenseitig, da tobt der Mob – auch so was holen wir uns auch nicht ins Wohnzimmer, so lässt sich die weitverbreitete Haltung zusammenfassen. Social-Media-Kompetenz: Alle haben es verpennt Auch die Politik hielt sich lieber raus. Erst war das nur was für die jungen Leute da auf Facebook und so, und dann fielen die etablierten Parteien aus allen Wolken, in die sie ihre Nase jahrelang gehalten hatten. Denn erstens sind diese jungen Leute, die sich da tummeln, ja irgendwann wahlberechtigt. Und zweitens hatten andere Parteien Social Media längst für sich entdeckt. Schockschwere Not! Notgedrungen begab man sich in die sozialen Netzwerke, und genauso sahen und sehen bis heute auch viele Postings aus, die dort zu sehen sind. Bestenfalls sind es dröge Texte, die an Pressemitteilungen erinnern. Oder aber sich anbiedernde und unfreiwillig komische Resultate zeugen von der digitalen Unfähigkeit, die sich aus Desinteresse speist und einem Wettrennen, zu dem man erst viel zu spät angetreten ist. Andere hatten da schon sehr viele Runden im Stadion der Aufmerksamkeit zurückgelegt. Die CDU hat es verpennt, die SPD hat es verpennt, im Grunde haben alle es verpennt. Eltern haben verpennt, was da los ist, Lehrerinnen und Lehrer haben es verpennt. Und deshalb ist da die Hölle los. Was im Fernsehen aus sehr, sehr guten und richtigen Gründen nie und nimmer ausgestrahlt werden würde, läuft 24/7 auf den Smartphones unserer Kinder. Nicht, weil der liebe Gott oder, um mal von CDU und CSU wegzukommen, die Natur es so eingerichtet hat, dass soziale Netzwerke nicht reguliert werden können. Social-Media-Verbot für Jugendliche: "Was da passiert, ist eine Manipulation" Sondern weil die Verantwortlichen an den Fernbedienungen der Macht schlicht und einfach zu doof, zu instinktlos und zu abgehoben waren, um rechtzeitig über Regulierung nachzudenken. Sie überhaupt für nötig zu halten. Was das für Kinder und Jugendliche bedeutet, muss ich nicht weiter ausführen. Und dass deshalb weltweit über Verbote diskutiert wird, wissen Sie ja auch hinlänglich. Die Debatte hat auch dank Vorreiter Australien dermaßen an Fahrt aufgenommen, dass man nicht mal in den etablierten Medien noch um sie herumkommt. Kanzler Merz sympathisiert mit Mindestalter für TikTok und Co. Insofern ist es gut, dass nun endlich auch der Kanzler mal was dazu sagt. Nämlich, dass er durchaus Sympathien hat für einen Antrag, das Mindestalter für die Nutzung von Instagram, TikTok, Facebook und Co. auf 16 Jahre festzusetzen. Der Antrag liegt für den CDU-Parteitag an diesem Wochenende vor. "Wenn Kinder heute im Alter von 14 Jahren bis zu fünf Stunden und mehr Bildschirmzeit haben am Tag, wenn die gesamte Sozialisation nur noch über dieses Medium stattfindet, dann brauchen wir uns über Persönlichkeitsdefizite und Probleme im Sozialverhalten von jungen Menschen nicht zu wundern", so Friedrich Merz im Podcast "Machtwechsel" . Aus zwei Gründen ist es gut, dass Merz sich äußert. Sein bisheriges Schweigen dazu war nämlich langsam zu laut. Und zweitens heizen seine Worte die Debatte noch mal an. Und bringen womöglich auch die Plattformen selbst zum Nachdenken. Denn eigentlich, in einer idealen Welt, dürfte über ein solches Verbot gar nicht erst nachgedacht werden. Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf digitale Teilhabe. Und auf Bildung. Social Media gehört zu unserer Welt dazu. Und dient Teenies als Hauptinformationsquelle. Außerdem: Wie sollen sie denn Gut von Böse und Falsch von Richtig unterscheiden, wenn sie nicht kundig herangeführt werden? Dass nun über Verbote gesprochen wird, ist ausschließlich die Folge eines kolossalen politischen Versagens. Nur: Wer soll sie denn heranführen? Lehrerinnen und Lehrer, denen quasi bis heute freigestellt ist, ob sie sich mit Social Media beschäftigen? Die mit Lehrplänen aus Zeiten hantieren, in denen das Farbfernsehen gerade erst erfunden worden ist? Eltern, die sich mit dem angeblichen Quatsch auch jahrelang nicht beschäftigen wollten und nun ebenso hinterherhinken wie alle anderen? Mark Zuckerberg und wie sie alle heißen, wollen nur eins: Geld verdienen. Wenn ihnen ein Markt wegzubrechen droht, und zwar der namens Jugendliche, muss sie das alarmieren. Wenn nun der Bundeskanzler endlich nachzieht und sich denen anschließt, die laut und vernehmbar für alle über ein Verbot nachdenken, ist das natürlich ein Offenbarungseid. Aber ein gutes Signal. Auch an die Tech-Riesen. Und deshalb eine Chance.
Aus der Quelle lesen