Straße von Hormus: Das sind die Folgen der Blockade

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Die Blockade der Straße von Hormus dauert weiter an. Das hat spürbare Folgen für die Wirtschaft – und die dürften noch länger anhalten, warnt eine Ökonomin. Die Inflation in Deutschland steigt weiter an. Im April lag sie bei 2,9 Prozent. Ursache ist insbesondere die Blockade der Straße von Hormus . Zwar ändert sich der Status regelmäßig, doch Öl und Gas aus der Region können kaum exportiert werden. Das treibt die Preise der Rohstoffe nach oben. Zukünftig könnte die Situation allerdings auch die Lebensmittelpreise erheblich beeinflussen, erklärt die Ökonomin Samina Sultan. Selbst wenn die Blockade zeitnah aufgehoben werden sollte, könnten die Folgen für die Preise lange anhalten. Im t-online-Interview verdeutlicht die Expertin zudem, welche Folgen der Austritt der Vereinigten Arabischen Emirate aus der Opec haben dürfte. Beispielloser Schritt in der Geschichte: Emirate wittern Milliardengewinne Straße von Malakka: Blockade könnte Lieferketten zusammenbrechen lassen t-online: Frau Sultan, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) steigen im Mai aus der Opec aus, der Organisation der erdölexportierenden Länder. Was hat das für Folgen für den Weltmarkt? Samina Sultan: Die Vereinigten Arabischen Emirate waren wohl unzufrieden, dass sie ihre Fördermenge an Öl nicht flexibel anpassen konnten, weil es in der Opec Absprachen über Förderquoten untereinander gibt. Das könnte darauf hindeuten, dass die VAE ihre Fördermenge eher ausbauen wollen, was sich dämpfend auf den Ölpreis auswirken würde. Das sind jedoch derzeit alles noch Spekulationen. Aber es könnten grundsätzlich gute Nachrichten sein. Der Weltpreis für Öl und Gas könnte sich tatsächlich mittelfristig leicht entspannen, aber die zusätzlichen Fördermengen des VAE sind eher überschaubar und man wird auch noch sehen müssen, wie stark die bisherige Ölproduktion durch den Iran-Krieg nachhaltig beeinträchtigt ist. Aber es gibt weitere geopolitische Auswirkungen, die noch nicht absehbar sind. Denn der Schritt ist nur einer von vielen, der zeigt, dass Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate zunehmend auseinanderdriften. Und das sind die zwei wirtschaftlich wichtigsten Länder in der Region. Wir erleben an vielen Orten der Welt gerade Umbrüche, alte Allianzen lösen sich auf, neue formieren sich. Was das längerfristig etwa für die Stabilität der Region bedeutet, ist derzeit noch nicht absehbar. Negativ sind auch die Aussichten für Deutschlands Wirtschaft, der Ifo-Geschäftsklimaindex liegt auf dem niedrigsten Wert seit Mai 2020, noch schlechter als beim Ausbruch des Ukraine-Kriegs. Dabei hat Deutschland vergleichsweise wenig direkten Handel mit den Golfstaaten. Wieso sind die Auswirkungen dennoch so groß? Wir erhalten zwar nicht so viel Öl direkt aus der Region, aber der Ölpreis bildet sich am Weltmarkt und damit trifft der höhere Preis auch indirekt uns. Zudem sind wir bei einigen verarbeiteten Rohölprodukten wie Kerosin sehr viel stärker von der Golfregion abhängig. Es gilt zwar, dass die deutsche Wirtschaft nicht mehr so stark auf fossile Energieträger angewiesen ist wie noch in den 1970er-Jahren. Aber Branchen wie die Chemieindustrie brauchen Öl und Gas auch als Rohstoff abseits der Energieproduktion. Daher stehen diese Branchen also derzeit von vielen Seiten unter Druck. Vor dem Iran-Krieg standen die Zeichen wieder auf leichtes Wachstum. Ist diese Aussicht mittelfristig erst einmal vorbei? Das erhoffte Wachstum für dieses Jahr wird durch den Konflikt auf jeden Fall schon jetzt ausgebremst. Statt 0,9 Prozent, wie am Anfang des Jahres erwartet, dürfte das Wachstum nur rund die Hälfte betragen. Der genaue Verlauf hängt davon ab, wie lange der Krieg und die Blockade der Straße von Hormus noch andauert. Die Menschen sorgen sich vor allem wegen der Inflation, die nun bei 2,9 Prozent liegt. Müssen wir uns erneut auf Werte wie zu Beginn des Ukraine-Kriegs einstellen, als wir bei 6,9 Prozent lagen? Nein, solche Raten sind derzeit eher unwahrscheinlich. Damals waren wir noch einmal stärker unmittelbar betroffen. Zudem starten wir von einem stabileren Inflationsumfeld als 2022. Damals kam der Energiepreisschock unmittelbar nach dem coronabedingten Inflationsschock. Bis wohin könnte es denn noch gehen – sind vier Prozent realistisch? Inflationsraten von drei bis vier Prozent sind für dieses Jahr durchaus im Rahmen des Möglichen. Der aktuelle Wert ist allerdings stark von den Öl- und Gaspreisen beeinflusst. Auf welche Produkte wird sich die Blockade mittelfristig noch auswirken? Zu nennen ist hier etwa die Landwirtschaft. Denn durch die Straße von Hormus geht auch rund ein Drittel des weltweiten Bedarfs an Düngemittel. Viele Landwirte haben aktuell noch das Düngemittel aus dem vergangenen Jahr. Wer jetzt überlegt, neues zu kaufen, ist von deutlich höheren Preisen betroffen. Und das dürfte mittelfristig auch Folgen für die Lebensmittelpreise haben. Lionel Souque, Vorstandsvorsitzender der Rewe-Gruppe, hat jüngst betont, es gebe "nullkommanull" Konsequenzen für Lebensmittel, da aus der Region nur Rosinen, Safran und Pistazien kommen. Ist das zu kurz gedacht? Das halte ich in der Tat für sehr optimistisch gedacht. Wir dürfen den Effekt in der Landwirtschaft und im Lebensmittelbereich nicht vernachlässigen. Schon jetzt fallen in dem Bereich die höheren Transportkosten zu Buche und mittelfristig könnten eben auch die Produktionskosten steigen. Wann wird es denn dann spürbar? Das exakt vorherzusagen ist schwierig, aber mit Blick auf die Erntezeit dürfte ein höherer Preisdruck über die nächsten ein, zwei Jahre anhalten. Aber das hängt auch stark davon ab, wie lange die Straße von Hormus noch gesperrt ist und auch von wetterbedingten Ereignissen. Die Preise sind in manchen Branchen bereits stark angestiegen, nur wenige Wochen nach der Blockade der Straße von Hormus. Automobilzulieferer haben ihre Preise offenbar teils um 30 Prozent erhöht, auch Ölkonzerne machen sich offenbar die Taschen voll. Versuchen manche Betriebe auch, von der Krise zu profitieren? Das ist von außen schwierig zu beurteilen. Wenn es Auffälligkeiten gibt, muss das kartellrechtlich untersucht werden, insbesondere bei den Raffinerien. Nach der Corona-Pandemie und dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs gab es Debatten, wie sich die Wirtschaft auf solche Lagen vorbereiten kann. Hat Deutschland etwas daraus gelernt? Infolge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine haben wir es immerhin geschafft, uns weitgehend von Öl und Gas aus Russland unabhängig zu machen. Aber man sieht an der aktuellen Krise erneut, dass die Lieferketten komplex sind und uns so ein Schock eben doch trifft – wenn auch nur indirekt über den Weltmarktpreis und Knappheiten. Die Welt ist einfach sehr komplex, und Lieferketten sind vielfältig miteinander verflochten. Lagerhaltung, mehr Produktion in der EU, aber auch der verstärkte Ausbau der erneuerbaren Energien sind aber Aspekte, die man angehen kann. Sich gegen jeden Schock abzusichern, ist jedoch nicht möglich. Es ist sehr unklar, wann die Straße von Hormus wieder geöffnet wird. Die Situation ändert sich fast täglich. Prognosen sind schwierig. Angenommen, es gibt innerhalb dieses Monats eine Einigung: Wie lange wird es dauern, bis die Weltwirtschaft wieder im Gleichgewicht ist? Da gehen die Schätzungen teils auseinander. Sollte es wider Erwarten zu einer schnellen Öffnung kommen, sind trotzdem Förderanlagen und Raffinerien beschädigt. Wir werden nicht von heute auf morgen wieder zum Status quo vor dem Krieg zurückkehren. Selbst im günstigsten Szenario rechne ich damit, dass es bis Ende des Jahres dauern wird, bis sich die Lage am Ölmarkt wieder erholt hat. Allerdings wird befürchtet, dass in Katar Anlagen zur Gasgewinnung bis zu fünf Jahre ausfallen könnten. Es ist derzeit völlig unklar, ob man das kompensieren kann. Die Lage bleibt sehr unübersichtlich. Frau Sultan, vielen Dank für das Gespräch!
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