Die Türkei ist zurück auf der WM-Bühne. Nach 24 Jahren als Zuschauer reist sie aber nicht als Außenseiter an. Fans und Medien in der Türkei sind vollkommen aus dem Häuschen. Die Boulevard-Zeitung "Hürriyet", das Sprachrohr der Straße am Bosporus , spürt schon das große Zittern bei allen anderen 47 WM-Teilnehmern: "Die Angst vor der Türkei hat begonnen", jubelte das Blatt, nachdem die Qualifikation über die Playoffs unter Dach und Fach war. Die Türkei fährt also mit Rückenwind zur WM 2026 . Der Weg dorthin war kein Spaziergang, aber nun, da er geschafft ist, fühlen sich Team und Fans stärker denn je. Im Playoff-Halbfinale rang die Mannschaft Rumänien 1:0 nieder, im Finale gewann sie im Kosovo erneut 1:0. Genau diese Spiele, bei denen es um alles geht, hatte die Türkei in der jüngeren Vergangenheit selten gewonnen. Jetzt soll gerade das anders geworden sein, und gerade deshalb sehen manche Experten die Türken nicht als Außenseiter bei der WM , sondern in der Gruppe D sogar als Mitfavorit vor den USA. Die Fallhöhe aber ist da. Zwar hat das Team absolute Topspieler in seinen Reihen, aber die Kadertiefe ist überschaubar. Und so enthusiastisch der türkische Fußball auch immer wieder in einen neuen Hoffnungszyklus startete, so niederschmetternd waren oft die Ergebnisse. Ein Vorrundenaus wäre erneut eine bittere Enttäuschung. So hat sich die Türkei für die Weltmeisterschaft qualifiziert Der direkte Weg zur WM blieb der Türkei verwehrt, also musste sie durch die europäischen Playoffs. Dort folgte zunächst das Halbfinale gegen Rumänien in Istanbul. Ferdi Kadıoğlu erzielte beim 1:0 den einzigen Treffer, vorbereitet durch einen Traumpass von Superstar Arda Güler. Das Spiel zeigte bereits, wie Trainer Vincenzo Montellas Mannschaft derzeit funktioniert: Kontrolle kommt vor Hurra-Fußball. Der türkische Fußball wirkt erwachsen. Im Finale im Kosovo ging es erneut knapp zu. Die Türkei bestätigte den 1:0-Auswärtssieg und damit die erste WM-Teilnahme seit 2002. Der türkische Fußballverband rückte vor allem die emotionale Dimension in den Mittelpunkt: Nach 24 Jahren ist die Türkei wieder auf der größten Bühne des Fußballs. Zwei Playoff-Siege mit demselben Ergebnis erzählen dabei auch sportlich etwas über diesen Kader. Er verteidigt konzentrierter als viele frühere türkische Jahrgänge und hat im Ballbesitz mehr Ruhe. Das sind die Vorrunden-Gegner der Türkei in der WM-Gruppe D Die Türkei spielt in der Gruppe D gegen Australien, Paraguay und die USA. Australien – Vancouver, 14. Juni 2026, (6 Uhr mitteleuropäischer Zeit): Auftaktgegner Australien kommt meist über Intensität, gewinnt viele zweite Bälle, spielt schnörkellos und direkt nach vorn. Für die Türkei wird entscheidend sein, im Zentrum möglichst wenig offene Umschaltsituationen zuzulassen und nach Ballgewinn schnell auf die außen entstehenden Räume zu spielen. Der Vorteil für Montellas Elf: Wenn sie das Spiel beruhigt und über Güler und Çalhanoğlu in längere Ballbesitzphasen kommt, kann sie ihre klaren fußballerischen Vorteile ausspielen. Paraguay – Santa Clara, 20. Juni 2026 (6 Uhr mitteleuropäischer Zeit): Selbst, wer nicht viel über die Mannschaft aus Südamerika weiß, der hat schon davon gehört: Paraguay ist zäh. Das Team verteidigt diszipliniert, steht tief und lässt sich selten weit herausziehen. Unangenehm für die Türken, die Räume brauchen, um ins Laufen zu kommen. Stattdessen erwarten sie viele Zweikämpfe, viele Nickeligkeiten, viele Unterbrechungen. Gerade in dieser Partie wird Kreativkopf Arda Güler gefragt sein. Viele Chancen werden sich nicht ergeben, und in dieser Partie könnte sich rächen, dass die Türken über keinen wirklich gefährlichen Mittelstürmer verfügen. USA – Inglewood, 26. Juni 2026 (4 Uhr mitteleuropäischer Zeit): Das dritte Gruppenspiel wird als Schlüsselspiel um den Gruppensieg erwartet. Die USA haben den Heimvorteil in Los Angeles auf ihrer Seite. Sie könnten ihn brauchen: Im Juni 2025 ging ein Testspiel gegen die Türkei mit 2:1 verloren. Für Montellas Mannschaft ist das Duell angenehmer, weil die USA meist mehr Räume anbieten als Paraguay. Der Reisestress hält sich für die Türkei in Grenzen. Vancouver, Santa Clara und Inglewood liegen alle im Westen Nordamerikas; innerhalb der Gruppe gibt es also keinen Wechsel der Zeitzone zwischen den Spielorten. Das ist ein klarer Vorteil gegenüber Teams, die zwischen Ost- und Westküste pendeln müssen. Für die vielen Türken in Europa sind die Anstoßzeiten allerdings unangenehm: zweimal um 6 Uhr, einmal um 4 Uhr morgens. Das sind die wichtigsten Spieler der Türkei Arda Güler (Real Madrid, Marktwert circa 90 Millionen Euro): Güler ist der Superstar des Teams. Er besetzt in der Offensive den rechten Halbraum, kann aus dem ersten Kontakt viel Tempo aufbauen und spielt Pässe auch in kleinste Fenster zwischen den Linien. Sein r Fuß ist bei Standards und Abschlüssen aus der Distanz brandgefährlich. Seine Karriere begann bei Fenerbahçe Istanbul. Mit dem Wechsel zu Real Madrid und der EM 2024 gelang ihm der internationale Durchbruch. In der Nationalmannschaft ist er trotz seines jungen Alters der Spieler, um den sich in der Offensive fast alles dreht. Physisch kann er noch zulegen: Gegen enge Manndeckung und in sehr robusten Spielen hat er Probleme. Hakan Çalhanoğlu (Inter Mailand, Marktwert circa 18 Millionen Euro): Çalhanoğlu ist Seele und Taktgeber im türkischen Spiel. Er sichert nach Ballverlusten ab und ist nach wie vor einer der besten Standardschützen Europas. Seine Karriere führte ihn aus Mannheim über Karlsruhe, den HSV und Bayer Leverkusen in die europäische Spitze zu Milan und Inter. Seine Schwäche: Er ist nicht der Schnellste und dominiert Spiele eher nicht über seine Dynamik, sondern über Timing und Spielintelligenz. Kenan Yıldız (Juventus Turin, Marktwert circa 75 Millionen Euro): Yıldız ist der vertikale Beschleuniger im Mittelfeld. Er startet meist von links, zieht dann in den Halbraum oder in die Tiefe und hat guten Zug zum Tor. Seine Karriere begann der gebürtige Regensburger in der Jugend des FC Bayern München , wo er sich aber nicht durchsetzen konnte. Bei Juventus schaffte er den Sprung in den internationalen Spitzenfußball. Ausbaufähig ist seine Konstanz über die gesamte Spielzeit. Wenn er gedoppelt wird, wirkt er oft ratlos. Ferdi Kadıoğlu (Brighton & Hove Albion, Marktwert circa 30 Millionen Euro): Kadıoğlu ist mehr als nur ein Außenverteidiger. Er schiebt hoch, bespielt offensiv jeden frei werdenden Raum und gibt dem Flügelspiel Breite und Dynamik. Seine Karriere begann in den Niederlanden bei NEC, bei Fenerbahçe wurde er zum Leistungsträger, inzwischen spielt er in der Premier League bei Brighton. Im Playoff-Halbfinale gegen Rumänien erzielte er das Siegtor und stieß die Tür zur WM damit weit auf. Schwächen zeigt er, wenn er sehr hoch steht und hinter ihm Räume aufgehen; genau deshalb braucht er eine gute Absicherung. Uğurcan Çakır (Galatasaray, Marktwert circa 15 Millionen Euro): Torhüter Çakır ist die Nummer eins und soll der Mannschaft Ruhe geben. Seine Stärke liegt im Stellungsspiel und in der Präsenz im Strafraum. Auch unter Druck kann er das Spiel gut und meist flach eröffnen. Seine große Schwäche: Er ist kein Eins-gegen-Eins-Keeper der absoluten Weltklasse. So tickt Trainer Vincenzo Montella Der Italiener Vincenzo Montella hat die türkische Nationalmannschaft 2023 übernommen. Sein Vertrag läuft noch bis nach der EM 2028. Diese lange Vertragsdauer wird in der Türkei als klares Bekenntnis zu Montella gewertet, wo Nationaltrainer bislang eher eine kurze Halbwertszeit genossen haben. Montella, der als Stürmer das italienische Nationaltrikot getragen hatte, hat Ordnung ins türkische Spiel gebracht: klare Rollen, klare Abläufe, weniger Spektakel in der Außenwirkung. Sein bisher größter Verdienst ist nicht nur die WM-Qualifikation. Er hat den Kader in eine Form gebracht, in der Talente wie Güler und Yıldız ihr ganzes Talent entfalten können, ohne dass das dem Teamgedanken geschadet hätte. In engen Spielen überdreht das Team nicht mehr und kann zuschlagen, wenn es darauf ankommt. Montella hat der Mannschaft ihre frühere Neigung zum offenen Schlagabtausch nicht völlig genommen, aber er hat ihr ein Sicherheitsnetz gebaut. Spielsystem und Taktik Unter Montella tritt die Türkei meist in einer 4-2-3-1-Grundordnung an. Das zeigte schon die Startelf gegen Rumänien mit Çalhanoğlu und Yüksek im Zentrum sowie Güler, Yıldız und Yılmaz hinter Stürmer Aktürkoğlu. In Ballbesitz verschiebt sich dieses System jedoch. Die Außenverteidiger schieben hoch, Arda Güler platziert sich im rechten Halbraum, Yıldız sucht Dribblings auf dem n Flügel. So entsteht phasenweise eher eine mit fünf Spielern vor dem Ball. Die Türkei will den Ball, aber nicht nur zum Zirkulieren, nicht für Tiki-Taka. Sie will mit kurzen Kombinationen Gegenspieler aus dem Zentrum ziehen und dann über Halbräume oder den nachrückenden Außenverteidiger in den Strafraum kommen. Montellas Elf presst zudem aktiver als frühere türkische Teams: nicht permanent, aber mit klaren Momenten, in denen sie nach Ballverlust sofort nachsetzt. Die Schwachstelle bleibt die letzte Konsequenz im Abschluss. Der Mannschaft fehlt ein verlässlicher Torjäger auf dem Niveau früherer türkischer Angreifer wie Hakan Sükür. Umso entscheidender: Standards, zweite Bälle und Schüsse aus der zweiten Reihe. So hat die Türkei bei früheren Weltmeisterschaften abgeschnitten Die Türkei war bislang zweimal bei einer WM-Endrunde dabei: 1954 und 2002, als die Mannschaft sensationell das Spiel um den dritten Platz gewann. Das Auftreten des Teams seinerzeit in Japan und Südkorea prägt bis heute das Selbstbild der Türken: Viertelfinalsieg gegen Senegal, Halbfinale gegen Brasilien, dann Bronze nach dem 3:2 gegen Südkorea. 2026 kehrt die Mannschaft deshalb in den Augen der türkischen Öffentlichkeit nicht einfach zurück, sie soll an eine große WM-Erinnerung anknüpfen. Die lange Lücke zwischen 2002 und 2026 ist ebenfalls Teil der Geschichte. Das Comeback 2026 sehen viele Beobachter in der Türkei als möglichen Wendepunkt für eine ganze Generation von Fußballfans. Allein das macht die Auswahl zu einer der interessanteren Mannschaften dieser WM, erhöht aber auch den Druck auf Spieler und Verantwortliche. Warum eigentlich "Mond-Sterne"? Der geläufigste Spitzname der türkischen Nationalmannschaft lautet Ay-Yıldızlılar, also die "Mond-Sterne". Er bezieht sich direkt auf den Halbmond und den Stern in der türkischen Flagge. Im Alltag taucht auch Bizim Çocuklar auf, also "unsere Kinder".